dem Verbrechen hergeben können? Denke sich nur Jemand, es sei erwiesen, dass sie die Täterin n i c h t sei, nehme nur Eins an, dass ein verhältnis, wie es das Volk zusammengefabelt, um einen Grund für die Tat zu haben, n i c h t bestehe – wo liege denn nachher der geringste Grund für eine Teilnahme an der Tat, deren er selbst beschuldigt worden? – Und nun wolle er fragen, fuhr er fort und seine stimme ward bewegter, ob wohl Männer unter den Jurors seien, welche die junge Dame kennten? ein harmloses Kind, das noch kaum einen Tag aus dem Schooss ihrer Familie und von der Seite der Mutter gekommen, dem noch kein unfreundlicher Wind die Seele aus ihrer Ruhe gerüttelt! Wer aber wirklich ihm, dem Angeklagten, so übernatürliche Kräfte zutraue, dass er während der kurzen Zeit seiner Anwesenheit im haus ein reines kindliches Herz bis zum Morde habe verführen können, der möge sich doch die einfache Tatsache ansehen, die bereits von ihrem Vater bezeugt, dass zwei Tage nach seiner Ankunft die Tochter mit ihrer Mutter das Haus verlassen und erst am Abend des Mordes zurückgekehrt sei, der möge sich zugleich selbst fragen, wie unter den Augen der Eltern während dieser Zeit ein verhältnis zu dem Grade habe reifen können, wie es den eigentlichen moralischen Halt der Anklage bilde. – Er machte hier, die Hand vor die Augen drükkend, eine kurze Pause. Einen einzigen Punkt habe er noch zu berühren, fuhr er dann fort, das sei der aufgefundene Brief des Mädchens an ihn; aber nur der blinde Eifer oder eine verdorbene Seele könne etwas Anderes darin herauslesen, als ein gedrängtes Herz, das sich scheu an einen Unbekannten, von dem es Hilfe hoffe, wendet. Er erzählte, wie er durch Bakers Zudringlichkeit auf dem Spazierritte mit Ellen von dem Zwange, unter welchem sie leide, unterrichtet worden, dass er diesen für einen Schwindler gehalten und dem Mädchen versprochen habe, Nachrichten über ihn einzuziehen, dass Elliot nichts gegen den Mann habe hören wollen und sie sich deshalb auf brieflichem Wege über das, was er erfahren, bei dem Angeklagten erkundigt habe. – "Das ist der einfache Stand der Dinge, Gentlemen," schloss er, "ich habe keine Beweise, keine Zeugen für mich, nichts als die Kraft der Wahrheit. Sicher aber wird sie in der gesunden Urteilskraft eines Jeden das ihre tun, einer Anklage gegenüber, die kein Mittel zur Aufrechterhaltung der Beschuldigung scheut und, wenn ihr die Beweise fehlen, den Fremden, der die Gastfreundschaft des Staates sucht, zum Verbrecher machen möchte, nur weil er ein Fremder ist."
Eine Todtenstille herrschte, als er sich niedersetzte, kein Zeichen des Beifalles, keines des Missfallens, wie es sonst trotz aller gebotenen Ordnung sich hörbar macht, wurde laut, die Jurors sahen ernst vor sich hin oder geradeaus in die Luft, und ein Gefühl der Unsicherheit, einer fehlgeschlagenen Hoffnung fing an in Helmstedts Seele heraufzukriechen. Der Platz seines Verteidigers vor ihm war leer; als er aber jetzt ausblickte, sah er diesen, augenscheinlich erregt, zwischen den Menschen hervorkommen. Helmstedt fing einen Wink von ihm auf, den er sich nicht deuten konnte. In diesem Augenblicke aber trat der advokat in die Mitte des Saales und sagte laut: "Wolle mir der Gerichtshof das Wort erlauben, ich werde im stand sein, einige Zeugen zu Gunsten der Verteidigung vorzuführen!" und aus der Menge heraus folgte ihm ein alter Herr in Begleitung von zwei verschleierten Damen. Helmstedt erkannte Morton, als dieser den Zeugenplatz einnahm und das Gesicht nach ihm drehte; die eine von dessen Begleiterinnen schien ihm Pauline zu sein; die zweite aber, schlanker und von eleganteren Formen als jene, war ihm unmöglich zu erraten. Es war nur von verhältnissmässig untergeordneter Bedeutung, was Morton auszusagen hatte; er legte mehrere beschworene Aussagen von New-Yorker Kaufleuten vor, welche die Meinung des Angeklagten über Baker bestätigten und diesen als einen Mann ohne bestimmtes Geschäft schilderten, der teils durch das Spiel, teils auf andern verbotenen Wegen sein Leben gemacht, stets aber im Sommer in den fashionablen Badeorten zu finden gewesen sei und so sich eine gewisse Scheinstellung in der Gesellschaft zu verschaffen gewusst. Morton gab an, dass sämmtliche Aussagen der Betreffenden auf seine an sie ergangene Bitte gemacht worden seien. Er trat hinweg und die zweite seiner Begleiterinnen erhob sich. Sie schlug kräftig den Schleier zurück, als sie zur Eidabnahme vorschritt und ein jugendliches bleiches Gesicht erschien, das sich mit einem Lächeln, wie ein heller Sonnenblick zwischen Frühlingsregen, nach der Anklagebank richtete. Helmstedt fuhr halb von seinem Sitze auf und unterdrückte mit Mühe einen Schrei – in demselben Augenblicke aber entstand eine Bewegung in einem andern Teile des Gerichtsraumes. "Ellen!" rief mit dem Ausdrucke des Staunens, hastig zwischen seinen Umgebungen hervortretend, "wie kommst du hierher, Kind – was willst du hier?" Das Lächeln starb auf des Mädchens gesicht und machte einem Ausdrucke des Leidens Platz. "Ich komme nachher zu dir, Vater," sagte sie, "ich muss erst zeugnis ablegen."
"Was um Christi willen willst du bezeugen, wer hat dich denn hierher gebracht?"
"Was ich muss, Vater," erwiderte sie, ihm gross in die Augen sehend, "lass mich jetzt, ich komme nachher zu dir!"
Aller Augen waren gespannt auf die Scene gerichtet; Elliot, dem das hervorgerufene aufsehen erst jetzt