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der Tat auf einen Bürger Alabama's; ein Fremder sei es, der die Gastfreundschaft ihres Landes mit Verbrechen vergolten, ein Fremder, gegen den er die Anklage erhebe, und wenn er die Jury bitte, ohne Schonung und Mitleid ihr Schuldig auszusprechen, so geschehe es nur, um ein Exempel zu statuiren, das Andern die Lust vertreibe, Alabama zum Tummelplätze ihrer Untaten zu machen.

Dann begann er auf Helmstedt selbst überzugehen lind es schien ihm kaum ein Moment von dessen Leben in Amerika unbekannt zu sein. Er schilderte ihn, wie er hergekommen, ohne Mittel und Empfehlungen als die eines jüdischen Pedlars, der selbst eine unklare person und seit Beginn des Prozesses verschwunden seiwie er vertrauensvoll in eine der besten Familien aufgenommen worden und das Vertrauen nur benutzt habe, um in unendlich kurzer Zeit die Tochter des Hauses aller Sitte und ihrer kindlichen Pflichten abtrünnig zu machen, wie seinen Speculationen nur der von den Eltern erkorene Schwiegersohn im Wege gestanden und er kein anderes Mittel gewusst, um seine Zwecke zu erreichen, als ihn aus dem Wege zu räumen. Jetzt begann er mit schlagender Logik alle gegen Helmstedt sprechenden Tatsachen, sowie seine nächtliche Abwesenheit an einander zu reihen und versprach für jede die nötigen Zeugen vorzuführen. "Aber," schloss er, "das liefert noch nicht den Beweis, dass er den Todesstreich geführtnein! und ich habe auch jetzt kein Recht, irgend eine Anklage dahin zu erhebenwenn aber die Tatsachen, wie sie vor uns liegen, nicht genügend sind, um den ganzen moralischen teil es Verbrechens auf ihn zu legen und wenigstens die tätliche Beihilfe zu begründen, so mag nur Alabama die Zeit seines Friedens als gewesen betrachten, so mag nur Niemand bei Dunkelwerden ohne Waffe aus dem haus gehen und der Landbewohner seine Türen mit Sicherheitsschlössern versehendenn Alabama wird bald das gelobte Land alles liederlichen und verbrecherischen Gesindels anderer Staaten werden!"

Eine Todtenstille herrschte im saal als der Staatsanwalt schwieg, und das siegesgewisse Auge, mit welchem er Richter, Jury und Publikum überschaute, zeigte, dass er sich des ganzen Eindrucks bewusst war, den seine Rede hervorgebracht. Nur Helmstedt, auf den sich jetzt die Blicke von allen Seiten richteten, schien wenig die Beredtsamkeit der Anklage zu würdigen und sass, das Auge fest auf den Staatsanwalt gerichtet, in voller Ruhe da; selbst die auffallende Blässe seines Gesichts hatte sich verloren und einer lebhafteren Farbe Platz gemacht. Eine augenscheinliche Erschütterung machte sich indessen bei ihm geltend, als jetzt zwischen einer Gruppe von Advocaten, welche eine Ecke innerhalb des für das Gericht bestimmten Raumes eingenommen hatten, Elliot hervortrat, um als erster Zeuge für die Anklage zu dienen, ohne nur einen blick nach dem Angeklagten zu wenden. Und als hätte Helmstedts Verteidiger dessen Gedanken erraten, wandte er sich nach ihm um: "'s ist wie gesagt, ein geriebener Patron, der Staatsanwalt, ich ahnte schon heute Morgen eine Ueberraschung!" sagte er. "Aber er soll uns nicht verblüffen und wenn er seine Zeugen vom Nordpol holte. Nur Mut und ein freies Gesicht, denken Sie daran, unsere Zeit zu reden wird auch kommen!"

Was sich aber in Helmstedts inneren regte, war nichts was eine Ermutigung dieser Art bedurfte. Er hätte ein Stück von seinem Leben hingeben wollen, wenn er vor den Verhandlungen Elliot hätte sprechen, ihm den Sachverhalt darlegen und zu seinem Herzen, das er zu kennen glaubte, hätte reden können. Es war ihm, als hätte sich jede Verwickelung ganz von selbst lösen müssen, wenn er nur gegen ihn sein eigenes Herz frei gemachtund nun stand Elliot da zur Unterstützung der Anklage, und jedes Wort, das Helmstedt zu seiner Rechtfertigung hätte sagen können, musste nur zur Verstärkung dessen dienen, was die Meinung des Volkes über sein Verhältnis mit Ellen zusammengereimt und ein neuer Schlag auf des Vaters Haupt sein, dessen gedrücktes Auftreten schon jetzt deutlich aussprach, welche Last auf ihm ruhte.

Elliots abgegebenes zeugnis bestätigte Helmstedts Abwesenheit aus dem haus zur Zeit des Mordes und dessen eigenes Zugeständniss derselben, gab auch an, wie der Angeklagte schon am Tage nach seiner Ankunft in Alabama bei einer zufälligen Begegnung auf einem Spazierritte mit seiner Tochter dem Ermordeten ohne besonderen Grund entgegengetreten, und erwähnte dabei, dass das Mädchen schon am nächsten Morgen mit ihrer Mutter eine Besuchsreise angetreten habe und bis zum Tage vor Neujahr abwesend gewesen sei, was irgend ein Verständniss ihrerseits mit dem Angeklagten zu einer Unmöglichkeit mache. Und wenn aus dem aufgefundenen Briefe seiner Tochter Etwas gefolgert werden solle, so könne dies nur der Trotz eines verzogenen Kindes sein, das zum ersten Male auf einen ernsten Willen bei seinen Eltern treffe und sich, durch das einschmeichelnde Wesen des neuen Hausgenossen verführt, zu einem unbedachten Schritte habe hinreissen lassen.

Helmstedt senkte den Kopf, über das Gesicht seines Advocaten aber zog ein sarkastisches Lächeln. "Wirklich fein!" flüsterte er dem jungen mann zu, "was er da sagt, könnte als Entlastungszeugniss für uns gelten, wenn nicht Jeder wüsste, dass nur das väterliche Gefühl aus ihm spricht, und so muss nach den Verhältnissen, die er darstellt, die Jury noch einen grösseren Begriff von Ihrer Durchtriebenheit bekommen. Wir kennen aber die Taktik!" Helmstedt schien nichts zu hören, er hatte das Auge wieder gehoben und hielt es starr auf den Zeugen gerichtet, als verfolge er einen Gedanken, der eben in ihm lebendig geworden. – Die weiteren Aussagen stellten die durch die Todtenschau schon bekannten Tatsachen fest