1859_Rupius_160_67.txt

. "Können Sie meine Gründe verstehen, Pauline, oder gehen Sie böse von mir weg?"

Sie schüttelte trübe den Kopf. "Ich habe nur sorge um Ihr nächstes Schicksal, das Sie selbst viel zu leicht nehmen, weil Sie das Land und die Leute nicht kennen. Wenn nicht ein plötzliches Ungefähr kommt, das Sie herausreisst, ohne dass Sie Zeit haben mit ihren Bedenklichkeiten dagegen zu remonstriren, so sehe ich bei dem stand der Dinge nur den trübsten Ausgang. Die glückliche Dazwischenkunft irgend eines Umstandes ist noch meine einzige Hoffnung für Sie," fuhr sie fort und über ihr Gesicht zog es wie ein Sonnenblick eines bestimmten Gedankens – "Alles das wäre aber nicht notwendig gewesenadieu, und lassen Sie uns ein Wort wissen, wenn Ihnen etwas fehlt." Sie war zur Tür hinaus.

Helmstedt horchte noch eine Weile auf das verschwindende Geräusch der Tritte und begann dann sinnend die stube auf und ab zu gehen. Er wusste, dass er gehandelt wie er musste, wenn er nicht mit sich selbst und mit Allem, was er für Recht hielt, in Zwiespalt geraten sollte, und doch konnte er einer Unruhe, die mit einem Male über ihn kam, nicht Herr werden. Es war die einzige Freundin in dem fremden land, die mit ihrer Hilfe zurückgewiesen jetzt von ihm gegangener stand allein. Ihre sonderbare Bereitwilligkeit ihm das schwerste Opfer zu bringen, das eine Frau vermag, stand noch wie ein Rätsel vor seiner Seele, seit er den Gedanken hatte aufgeben müssen, dass eine leidenschaft für ihn sie dazu getrieben, seit ihr eigener Mann dabei im Spiele war; er mochte aber nicht unnütz weiter darüber grübeln, es war vorbei und abgetan, seine eigene Kraft war Alles, worauf er sich noch verlassen konnte, und er wollte sie jetzt brauchen. – Auf seinem Tische befanden sich Papier und Schreibzeug, die er sich schon zu Anfang seiner Gefangenschaft hatte besorgen lassen und von einer idee getrieben, die er schon während des eben gehabten Gespräches gefasst, zog er einen Stuhl heran, und ergriff die Feder. Er wollte Elliot eine vollständige Darstellung der Sachlage geben, wollte ihm sich selbst, sein verhältnis zu Ellen und die daraus entstandenen Verwicklungen offen zeigen und ihm dann überlassen, die nötigen Schritte zur Aufklärung zu tun. Seit Ellen vor die Oeffentlichkeit gezogen und sogar mit dem Morde in Verbindung gebracht war, musste dem mann selbst eine Erklärung wie sie Helmstedt ihm geben konnte, willkommen sein. Der Gefangene schrieb rasch und lange, die Gedanken wie die Ausdrücke der fremden Sprache schienen ihm leicht und frei zuzufliessen, und erst als er mit seiner Namensunterschrift geendet, machte er mit einem langen Atemzuge eine Pause. Er überlas nochmals aufmerksam das Geschriebene, faltete es nachher zusammen, setzte die Adresse darauf und klopfte sodann den Schliesser.

"Sie sind wohl so freundlich," sagte er bei dessen Eintritt, "mir den Brief bald und sicher nach Oaklea besorgen zu lassen?"

"G.M. Elliot, Esquire," las der Gefängnisswärter und liess die Banknote, die ihm Helmstedt mit dem Briefe übergeben in seiner hohlen Hand verschwinden, "well, Sir," fuhr er sich hinter dem Ohre kratzend fort, die Besorgung werde ich wohl kaum übernehmen können.

"Warum nicht?" fragte Helmstedt, dem die Farbe aus dem Gesicht ging, "'s ist nichts darin, was nicht Jedermann lesen könnte."

"Ich meine auch nicht deshalb," erwiderte der Schliesser. "Mr. Elliot ist aber, schon seit die Coroners-Untersuchung zu Ende ist, nicht mehr hier, und seine eigenen Leute wissen nicht, wohin er gereist ist, wahrscheinlich seiner Frau und Tochter nach. Er hat einen Agenten auf seine Farm gesetzt, der auch nichts von seinem Wohin wissen will, und es ist der allgemeine Glaube, dass er, um allem Aerger und Spectakel aus dem Wege zu gehen, gar nicht wiederkommen und sein Grundeigentum hier verkaufen lassen wird."

Helmstedt sah den Mann einen Augenblick wie zu Stein geworden an, dann nahm er ihm den Brief langsam wieder aus der Hand. Die Sache war zu einfach und natürlich, als dass er nur eine Frage hätte tun mögen. "Ich danke Ihnen!" sagte er und ging nach dem Fenster; als er aber die Tür wieder zuklappen hörte, fiel er in den neben ihm stehenden Stuhl. Die überzeugung war plötzlich wie ein Gespenst vor ihn getreten, dass ihm jetzt fast jede Möglichkeit zu einer Rechtfertigung abgeschnitten war, und daneben kroch der Gedanke durch sein Gehirn, wie doch als Sühnopfer der begangenen Tat sich Niemand besser eigene, als er, der verlassene und unbekannte Fremde.

Eilftes Kapitel.

"Spät kommst du, doch du kommst."

Der Termin der Gerichtseröffnung war herangekommen, die neue Jury war gebildet und in das Städtchen schien sich die ganze Bevölkerung des Countys ergossen zu haben, um Zeuge der Verhandlungen des Mordprozesses zu sein. Schon von früh an belagerten bunte Haufen das Courtaus, um das Oeffnen der Türen zu erwarten und allerwärts cursirten die seltsamsten Geschichten über den Ausgang der Untersuchung. Bald waren so reiche und vornehme Familien in die Tat verwickelt, dass an eine Veröffentlichung des eigentlichen Verlaufs des Verbrechens gar nicht zu denken warbald war der Staatsanwalt und die Jury bestochen, dass schon die Nichteinigung der Jury im Voraus ausgemacht sei, um den Prozess weiter hinauszuschieben, bis der Unwille des Volkes verraucht und der Täter ohne Gefahr freigelassen