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deshalb nicht weiter forschen. Nehmen Sie doch die Sache, wie sie ist, als den einzig möglichen Weg, um eine ungeheure Ungerechtigkeit des Gerichts zu verhüten, wenn Sie selbst sich nicht rechtfertigen dürfen und kümmern Sie sich nicht um meinen Grundeine Lüge kann oft zur notwendigen und erhabenen Handlung werden und es wäre Selbstmord Ihrerseits, wenn Sie nicht nach der Hand, die sich Ihnen zur Rettung bietet, greifen wollten."

Helmstedt mass wieder die stube. "Es geht nicht!" sagte er nach einer Weile. "Ich will einmal gar nicht von meinem eigenen Widerwillen redenaber wollen Sie, Pauline, willent- und wissentlich einen falschen Eid schwören, ohne den Sie gar nicht zur Zeugenschaft zugelassen werden?"

"Es bedarf dessen nicht!" erwiderte sie eifrig – "und hätten Sie mir Zeit gelassen, so würde ich Ihnen auch schon den Weg, der eingeschlagen werden soll, mitgeteilt haben. Es gibt Mittel und Wege, den Richer und die Jury von Ihrem Aufentalte bei mir zu unterrichten und dadurch ihr Urteil zu leiten, ohne dass es auf der Zeugenbank laut wirdMr. Morton steht mit allen den Gerichtspersonen auf vertrautem fuss und hat Einfluss auf einen grossen teil der Familien im County. Jeder, dem die Sache mitgeteilt werden muss, wird einsehen, dass sie, ohne unserer Familie einen schweren Schlag zuzufügen, nicht vor die Oeffentlichkeit gebracht werden kannsie wird demohngeachtet öffentlich werden, aber es wird nur dazu dienen, Ihre unbedingte Freisprechung herbeizuführen und mir jedes eigene zeugnis ersparen. Und nun, August," fuhr sie auf ihn zutretend fort, "sträuben Sie sich nicht länger, wo es sich allein darum handelt, Sie aus einer Lage zu reissen, in der Sie zu grund gehen können."

Helmstedt hatte bei ihren letzten Worten gespannt aufgehorcht. "Mr. Morton weiss also um Ihren Plan?" fragte er.

"Ich würde nichts unternommen haben ohne seine bestimmte Einwilligung!" antwortete sie ernst.

Er schüttelte langsam den Kopf. "Ich will nicht weiter fragen und forschen," sagte er nach einer kurzen Pause, "mag der Grund Ihres Vorschlages liegen, worin er will, ich danke Ihnen von Herzen dafür; aber," fuhr er fort, ihre beiden hände in die seinen nehmend, "ich kann ihn nicht annehmen, Pauline. hören Sie mich an. Es ist nicht Stolz oder übertriebener Rechtlichkeitsinn von mir, die vielleicht beide gerade hier am unrechtesten Orte wären; es ist ein anderes Gefühl, über das ich nicht hinaus kann. Ich habe Ihnen gesagt, dass meine Herzensneigung anderwärts gebunden ist, und diese ist mir ein Heiligtum, ist mir das Höchste auf der Welt, das ich durch ein Zugeständniss, wie Sie es verlangen, durch eine offen ausgesprochene Untreue entweihen und bestecken müsste. fragen Sie sich selbst, was Sie von einem mann denken würden, der sich lieber feig Ihrer unwürdig erklären, als einer Gefahr trotzen möchte. Ich kann und mag es nicht, Pauline. Liegt Ihnen nur daran, dass ich frei werde, so sollen Sie das hoffentlich bald erleben: ich habe erst heute gemerkt, dass ich zuviel auf glückliche Umstände gebaut habe und in meiner eigenen Sache zu lässig gewesen bin; ich werde Schritte tun, wenn auch unangenehme, durch welche mir auf gradem Wege meine Rechtfertigung nicht entgehen soll."

Pauline hatte, während er redete, leise ihre beiden hände zurückgezogen und stand jetzt, bleich wie die Wand der Zelle, vor ihm. "Ich habe kein Wort mehr zu sagen," sprach sie mit gedrückter stimme, "mag der Weg, den Sie einschlagen wollen, zu Ihrem Heile führen. Lassen Sie mich aber das Eine wissen, wenn ich es wissen darf, ist es Ellen, von der Sie reden?"

"Ich bin Ihnen Wahrheit schuldig, Pauline, Sie haben den rechten Namen genannt, aber werfen Sie das verhältnis nicht unter die alltäglichen. Die erste halbe Stunde, die mich mit ihr ohne das Wissen ihrer Eltern zusammenführte, war auch unsere einzige und letzteund je mehr unser kaum geborenes verhältnis gebrandmarkt und in den Schmutz gezogen werden soll, um so heiliger wird es für mich, je mehr möchte' ich es vor dem kleinsten wirklichen Flecken bewahren. Ich habe keine Nachricht von ihr seit der unglücklichen Nacht, in welcher der Mord geschah; sie ist weggegangen, ohne mir das kleinste Zeichen zukommen zu lassen und ich musste ihre Abreise erst heute aus der Zeitung erfahren; aber mir ist es, als hätte durch den kurzen Kampf mit meiner sorge der Glaube an sie nur um so festere Wurzel in mir geschlagen. – Da haben Sie, was in mir lebtAlles was ich nur einem Menschen gestehen kann."

"Ich danke Ihnen," erwiderte sie, mit einem stillen Blicke zu ihm aufsehend, "mag denn Alles, was ich gesprochen habe, ungesagt sein, da Sie es nicht anders wollen. Brauchen Sie aber Hilfe irgend einer Art, so denken Sie daran, wo Ihre Freunde wohnendas ist jetzt noch das einzige, was ich Ihnen bieten kann." Sie verhüllte ihren Kopf wieder in die Kapuze, pochte an die Tür und reichte ihm, als die Tritte des Schliessers hörbar wurden, mit einem "Adieu, August!" die Hand. Helmstedt sah in ihr Gesicht, das in der schwarzen Umhüllung noch bleicher erschien, und hielt ihre Hand einen Augenblick fest