Stücken frei sein und wenn mich etwas an ihn fesseln solle, so dürfe das nur meine eigene Dankbarkeit sein – über meine fernere Zukunft, wenn er im Späterbst wieder nach dem Süden gehe, würden wir dann reden. "Ich glaube nicht," fuhr sie mit einem kurzen blick auf Helmstedts Gesicht fort, "dass mich Jemand, der die Lage einer Arbeiterin in New-York kennt, verdammen wird, dass ich das Anerbieten, wenn auch anfänglich unter manchen Vorsichtsmassregeln annahm; aber diese erwiesen sich bald als vollkommen unnötig". Mr. Morton verlangte nur eine heitere Gesellschafterin, die ihm seine Bedürfnisse ablauschte und diesen zuvorkam, mit ihm ausfuhr und ihm die Abende, wenn er zu haus blieb, verschwatzte – und dafür überschüttete er mich mit mehr, als mein Herz wünschte. Ob ich aber bei alledem glücklicher als zuvor war, ist eine andere Frage. Mr. Morton sah zu haus wenige oder gar keine Gesellschaft, ich selbst hatte keine einzige Bekannte, an die ich mich hätte anschliessen können und so lebte ich, tross alles Reichtums, der mich umgab, in einer Einöde. Einsame Spaziergänge in der Stadt und die sorge für Mr. Mortons Wünsche, gaben alle Abwechselungen, die ich hatte, und meine einzige Genugtuung war, dass der alte Mann bald an mir hing, wie nur an seiner leibeigenen Tochter. – Es war Anfang September, als er zum ersten Male seine Reise nach dem Süden und die Verhältnisse in seiner dortigen Familie erwähnte. Seine Tochter war einer rätselhaften Melancholie anheim gefallen, er schrieb es der Einsamkeit des Landes zu, und sprach seine Befürchtungen über das unangenehme Leben aus, das ihn dort erwarte, wenn ich nicht mehr um ihn sei – er fragte mich, ob ich mich nicht für immer an ihn und seine Familie ketten und mir eine gesicherte Zukunft gründen wolle – ob ich es nicht über mich gewinnen könne, seine Frau zu werden, da dies der einzige Weg sei, um mir eine Stellung zu geben, die nicht missgedeutet werden könnte. – Ich will nichts von den widerstreitenden Gefühlen sagen, in die mich der Vorschlag stürzte, nichts von den späteren nächtlichen Kämpfen; es hiess, die ganze rosige Hoffnung der Jugend aufgeben, aber dagegen eine Stellung gewinnen, auf die ich selbst im Traume nicht gehofft hatte. Ich hatte mir vierzehn Tage Zeit ausbedungen, um mit mir selbst zu Rate zu gehen. "Und während dieser vierzehn Tage," fuhr sie langsam fort, "traf ich Sie, August. Ich gestehe es Ihnen frei, es war mehr als die Kindererinnerungen, was mich zu Ihnen zog, Sie standen, abgetrennt von Ihrer Familie, ohne Halt hier im land – Sie standen mir jetzt gleich und ich meinte, der Himmel gebe mir ein Zeichen, dass er das Opfer meiner Jugend nicht verlange. Ich wusste, dass es Mr. Morton weniger um mich selbst, als um die Annehmlichkeiten, mit denen ich ihn umgab, zu tun war, dass er eben so gern noch eine zweite person in seine Familie aufgenommen und Alles für sie getan hätte, wenn er dadurch nichts eingebüsst und ich dadurch glücklicher geworden wäre. Ich meinte, ich habe ein Recht in Ihr Schicksal einzugreifen, und jede Zurückhaltung bei Seite zu werfen – ich gab mich Ihnen mit meinem offenen vollen Herzen – und Sie, August, Sie stiessen mich zurück – argwöhnisch – stolz – beleidigend. Es ist wirklich etwas Schönes um den Stolz," fuhr sie nach einem tiefen Atemzuge fort, "ich wäre ohne ihn vielleicht die nächste Nacht gestorben. Das Empfindlichste, was im Herzen einer Frau lebt, war in mir verwundet worden, meine Ehre und meine Liebe, und ich konnte mich nur v o r mir selbst dadurch retten, dass Sie nicht mehr für mich existirten. Am andern Tage gab ich Mr. Morton meine Einwilligung zu unserer Heirat."
Sie hielt inne und Helmstedt sah in die Höhe. "Vergeben Sie mir, Pauline," sagte er, ihr seine Hand hinstreckend.
"Lassen Sie das," unterbrach sie ihn, "das war Alles vorbei und vergessen, als ich Ihr Unglück erfuhr. Ich musste jetzt durch unbedingte Offenheit Ihr Vertrauen gewinnen und wenn das erreicht ist, ist Alles geschehen, was ich wollte. Nun sagen Sie mir nur das eine: kennen Sie Ihre Lage genau?"
"Es ist dafür gesorgt, dass mir kein bitterer Tropfen entgeht!" erwiderte er, auf das Zeitungsblatt zeigend.
"Und werden Sie nicht das einzige Rettungsmittel ergreifen, was Ihnen übrig bleibt, und angeben, wo Sie während der Zeit des Mordes gewesen sind?"
"Nein!" erwiderte er, langsam den Kopf erhebend.
Sie sah ihm, wie von dem Tone des kurzen Wortes betroffen, in die Augen. "Sie misstrauen mir doch nicht wieder, August?" sagte sie, "ich verlange Ihre Geheimnisse nicht zu wissen, ich musste aber bestätigt hören, was ich schon wusste, dass Sie lieber irgend einem Unglück trotzen, ehe Sie Etwas verraten, wo Sie das für Unrecht halten. hören Sie mich aufmerksam an, August. Ich weiss, dass alle Beweise, die der Coroner gegen Sie aufgefunden, dass alle Speculationen und Folgerungen, die jetzt nun auch die arme Ellen beflecken, einfache Lügen sind – i c h w e i ss es, August, und doch ist meine Zunge noch mehr gebunden, als vielleicht die Ihre.