denn es war weder Zeit für ein Mahl, noch für die Runde des Schliessers; aber er fühlte sich durch die Aussicht erleichtert, sich gegen einen Menschen, wenn auch den fremdesten, aussprechen zu können und Nachrichten von der Aussenwelt zu erhalten. Eine Frauengestalt, in ein weites Tuch gehüllt, Kopf und Gesicht in eine schwarzseidene Kapuze verborgen, trat ein. "Pochen Sie nur, Ma'am, wenn Sie wieder gehen wollen!" sagte der Schliesser und liess hinter sich die Tür ins Schloss fallen. Die Frau riss hastig ihre Kapuze vom kopf und kam mit ausgestreckter Hand auf Helmstedt los. "Guten Tag, August!" sagte sie mit bebender stimme.
Der Gefangene war überrascht aufgesprungen. "Mrs. – Morton!" rief er, und legte nur zögernd seine Hand in die ihre, "ich hätte eher etwas Anderes vermutet –"
"'S ist jetzt nicht Mrs. Morton, ist Pauline Peters, die zu Ihnen kommt," unterbrach sie ihn und das wasser trat in ihre Augen, "ich weiss Alles was Sie sagen können, August, Sie mögen sagen, dass ich eigentlich das Recht verloren habe, an Ihnen teil zu nehmen – aber Umstände ändern viel, vielleicht urteilen Sie anders über mich, noch ehe ich das Zimmer verlassen habe. Setzen Sie sich wieder nieder und ich nehme auf eine halbe Stunde Platz neben Ihnen." Sie zog den einzigen noch übrigen Stuhl neben den seinigen und sass an seiner Seite, ehe er nur recht wusste, welche Miene er annehmen sollte.
"Ich muss erst Alles zwischen uns ins Klare bringen, ehe ich Ihnen sage, weshalb ich gekommen bin," begann sie, ihm voll in die Augen sehend, "Sie müssen Vertrauen zu mir gewinnen lernen, August, und sollten Sie mich jeden Rückhalt irgend einer Art verachten sehen, so blicken Sie auf Ihr gefängnis, so denken Sie daran, unter welchen Verhältnissen wir jetzt mit einander reden und dass diese mich zur vollsten Offenheit drängen. – Sie sind überrascht gewesen, mich hier als Frau eines reichen Pflanzers wiederzufinden – das," fuhr sie mit einem trüben Lächeln fort, "das war jedoch Ihr Werk, August!"
"Mein Werk?" rief dieser verwundert, aber sonderbar von dem leichten, schmerzlichen zug berührt, der sich einen Augenblick um ihren weichen Mund gelegt hatte.
"'S ist eine einfache geschichte, die Ihnen das erklären wird," erwiderte sie und senkte das Auge, "ich bin Ihnen den ersten teil davon eigentlich schon schuldig, seit ich Sie in New-York traf und Sie nicht wussten, für was Sie mich halten sollten. Lassen Sie sich einmal die kurze Erzählung nicht langweilen, ich muss sie voranschicken, wenn Sie mich ganz verstehen sollen – Sie sollen mich kennen lernen, durch und durch, wie ich bin. – Dass ich mit einer Bekannten von Europa nach New-York reiste, wissen Sie schon," fuhr sie nach einer kurzen Pause fort, "ebenso, dass deren Verwandte, an die wir uns anschliessen wollten, schon vor unserer Ankunft ins Land gezogen waren". In New-York musste es mir bei dem, was ich mit der Nadel gelernt, verhältnissmässig leicht werden meinen Unterhalt zu verdienen, während ich nicht wusste, was in einer kleinen Stadt meiner harrte, und so liess ich meine Freundin allein reisen. Das Glück hatte mich in ein anständiges Boardinghaus gebracht und schon nach zwei Tagen hatte ich eine Stelle in einem amerikanischen Putzgeschäfte. Ich verstand kein Englisch, was für die ersten Monate jede genauere Bekanntschaft mit den übrigen Arbeiterinnen verhinderte, aber die tägliche Uebung von Ohr und Zunge räumte das Hinderniss schneller auf die Seite als ich gehofft – ich war aufgeweckt und stets heiterer Laune, und bald war ich in der Arbeitsstube eingebürgert und gelitten, als wäre ich auf amerikanischem Boden gross geworden. Um das Leben und Treiben der übrigen Mädchen ausserhalb des Geschäftes hatte ich mich wenig gekümmert, da ich mit keiner von ihnen noch recht vertraut geworden war und meine eigene freie Zeit meist in der Familie meiner Boardingwirtin zubrachte, und so hörte ich auch ohne Argwohn eines Morgens die Aufforderung, mit zu einem grossen Balle zu gehen, den sämmtliche Arbeiterinnen besuchen wollten. Ich hatte, so lange ich in Amerika war, noch kein wirkliches Vergnügen gehabt, Tanz aber war meine alte leidenschaft und ich sagte mit Herz und Hand zu. Von New-York kannte ich kaum einige Strassen, zwei meiner Colleginnen versprachen deshalb, mich in einem Mietwagen abzuholen und gegen neun Uhr stiegen wir vor dem hellerleuchteten Eingange des Hauses aus. Ich weiss heute noch nicht, in welcher Gegend der Stadt es war. Der Saal war nicht allzugross, aber die Gesellschaft schien ihrer Toilette nach eine gewählte zu sein, die Musik war prachtvoll, und im Herzen vergnügt folgte ich meinen Begleiterinnen nach einer halbleeren Bank. Beide schienen ziemlich bekannt zu sein, denn kaum hatten sie sich gesetzt, als sie schon in die Quarrees der Quadrille geholt wurden. Ich sass allein, nach kurzer Zeit aber lässt sich ein Herr, der musternd an der Damenreihe vorüber gegangen, neben mir nieder, sieht mich mit einem unverschämten Lächeln an und biegt sich dann nach meinem Ohre – ich muss Worte hören, die mir das Blut stocken machen und mich wie von einer Schlange gebissen, von der Bank aufjagen. Ich weiss nicht mehr, welche Sprache mir die Entrüstung eingab, der Mensch aber