1859_Rupius_160_61.txt

mit eigentümlicher Dreistigkeit eingefunden, um ihre Neugierde zu befriedigen; drei Advocaten waren da gewesen, um vorsichtig nach seinen Geldverhältnissen zu forschen und ihm ihre Dienste als Verteidiger anzubietenund in jedem neuen Besuche hatte Helmstedt den Träger einer Botschaft von Oaklea zu sehen gehofft. Als aber Tag für Tag verging, und die Besuche aufhörten, als er durch den Gefängnisswärter den Schluss der Coroner-Untersuchung und seine Ueberweisung an die Grandjury vernahm, da begann er unruhig zu werden. An sein eigenes Schicksal dachte er weniger, denn vor ihm lag noch die ganze eigentliche Criminal-Untersuchung, und bis zu deren Schluss konnten tausend Fälle eintreten, die seine Unschuld oder den wahren Täter ans Licht brachtenwie war es aber möglich, dass Ellen ohne Kenntniss seiner währen Lage geblieben, wo Hunderte von Zeugen den Verhandlungen beigewohnt hatten? Oder was war mit ihr vorgegangen, dass sie behindert war, ihm wenn auch nur ein paar Worte des Trostes zu senden? Ihr energischer Charakter hätte sich durch geringe Hindernisse sicher nicht zurückschrecken lassen. Warum hörte er nichts von ihr? Das war die Frage, mit der er sich am Tage herumplagte, ohne einen Weg zu ihrer Beantwortung ausfindig machen zu können, und von der er Nachts träumte. Am zehnten Tage brachte ihm der Schliesser das Wochenblatt des Städtchens, das durch die Mordtat eine so frische Farbe bekommen hatte, wie das Unkraut nach einem erquickenden Regen. Mordtaten, mit geheimnissvollen Umständen verknüpft, sind für amerikanische Zeitungen ein wahrer Himmelssegen und man sah es dem Wochenblatt an, dass sein Herausgeber es für eine sündhafte Verachtung der Gottesgabe gehalten hätte, wenn nicht mit der vollsten Rücksichtslosigkeit alle nur irgend möglichen Seiten des Falles ausgebeutet worden wären. Helmstedt las eine Darstellung des Mordes, so klar und einfach, dass Niemand den entferntesten Zweifel an der Täterschaft des Deutschen hegen konnte und dass diesem beim Lesen der Kopf zu schwindeln anfingeine Darstellung die ihm über Ellens Untätigkeit Aufschluss gab, ihn dabei aber nur noch in tiefere Verwirrung stürzte. Nachdem alle durch den Coroner ermittelten Verdachts gründe gegen Helmstedt erwähnt worden, wurde des Zettels gedacht, welcher sich in dem Koffer des Verhafteten befunden hatteein Ereigniss, von dem Helmstedt bis jetzt noch nichts gewusst. "Dieses Papier," hiess es, "stellt ein inniges verhältnis zwischen ihm und der jungen Lady des Hauses ganz ausser Frage und weist ganz bestimmt auf ein gemeinschaftliches feindliches Unternehmen gegen den Ermordeten hin. Die junge Lady sollte diesem, wider ihren Willen, in einigen Tagen verlobt werden. Niemand hatte ein Interesse an dem tod des Mannes, als er dem seine Geliebte geraubt, und s i e , die zu einer verfassten Ehe mit jenem gezwungen werden sollteder tote hatte sonst nicht einen Feind in der ganzen Umgegend. Nach der Festnahme des Deutschen trat die junge Lady Hals über Kopf eine Reise an und machte so ihr Verhör sowie jedes andere Verfahren gegen sie unmöglich, und es ist nur die Lässigkeit des Coroners zu beklagen, welcher nach Auffindung des wichtigen Papiers nicht sofort die nötige Sicherung dieses bedeutenden Zeugen veranlasste. Es soll hier kein bestimmter Verdacht ausgesprochen werdennoch aber fehlt eine genaue Erklärung, wie die eigentliche Todeswunde beigebracht worden; es ist ein schwacher Stich von unten nach oben, in einer Weise geführt, wie Männer sonst nie ein Messer zum Stoss zu haben pflegen. Wird aber angenommen, wie es nach Art der Wunde wahrscheinlich ist, dass eine Frau den Stich beigebracht, so lässt sich auch leicht die Anwesenheit des Ermordeten an dem platz, wo er gefunden worden, erklären. Zwei Worte von ihr konnten denselben unter irgend einem Vorwandte dortin lockenein wohlgezielter Schlag des ihm im Hinterhalte auflauernden Mannes machte ihn taumeln und jetzt stiess ihm das Weib das Messer in die Brust."

Helmstedt sah auf das Blatt und es war ihm, als seien alle seine Gedanken erstarrt. Sein innerstes Heiligtum, seine Liebe, war auf die öffentliche Landstrasse geworfen und in den Kot getreten; das blühende harmlose Kind, aus seiner schützenden Häuslichkeit gerissen und gebrandmarkt vor die Blicke der ganzen Welt gestelltEllen zu einer kalten berechnenden Mörderin gemacht. Helmstedt sprang auf, fasste mit beiden Händen seinen Kopf und blieb mitten in der Zelle stehenes war ihm, als müsse eroder die ganze übrige Welt wahnsinnig geworden sein. Er nahm das Blatt nochmals auf und las langsam Satz für Satzdie Logik darin war so teuflisch und doch so natürlich, dass er selbst daran geglaubt hätte, wäre er ein Anderer als er selbst gewesen. Er fiel in den Stuhl am Fenster, stützte den Kopf auf beide arme und starrte vor sich hin. Ellen war abgereist, vielleicht übers Meer, um dem öffentlichen Scandal, der ihren Namen durch alle Zeitungen Amerika's tragen musste, aus dem Wege zu gehenein bitteres Gefühl, dass er so allein seinem Schicksale überlassen worden, wollte in ihm aufsteigen, aber er durfte nur an ihr tiefes, klares Auge denken, um jeden Groll aus seiner Seele zu bannen; sie war sicherlich machtlos gewesen, ihre eigenen Eltern mussten sie über den Stand der Dinge getäuscht haben. Was half ihm aber nun das Opfer, das er ihrem guten Ruf gebracht? Er hatte sie durch sein Schweigen in eine schlimmere Lage gestürzt, als es das rückhaltsloseste geständnis seinerseits hätte tun könnenund sich selbst dazu.

Das Rasseln des Schlüssels im schloss störte ihn aus seinen Gedanken auf. Wahrscheinlich wieder ein neugieriger Besuch, war sein Gedanke,