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Oberzimmer, neben dem Raum wo der tote liegt," rief der Coroner einem der Beamten zu – "heute Abend kommt er mit nach der Stadt ins County-gefängnis."

Helmstedt folgte ohne ein Wort dem Winke des herbeitretenden Officiers und schritt ihm voran durch eine der Seitentürenhinter ihm aber machten sich die bis jetzt unterdrückten Gefühle der Zuhörerschaft durch ein wirres Durcheinander von Sprechen und Ausrufungen Luft.

Der Verhaftete trat in ein kahles, weisses Zimmer, in welchem sich nur ein einziger Stuhl mit drei Beinen befand. Einzelne auf dem Boden liegende Welschkornähren zeigten den Zweck an, zu welchem es gewöhnlich benutzt werden mochte. Die Tür fiel hinter ihm zu und der Schlüssel knirschte von aussen im schloss. Von der Strasse herauf drang das Geräusch der durcheinander sprechenden Menge, Helmstedt hatte aber, auf- und abschreitend, über seinen Gedanken auge und Ohr für seine Umgebung verloren. Anfänglich lag, trotz der stillen Begeisterung, welche ihn den jetzigen Weg hatte einschlagen lassen, das unheimliche Gefühl zum ersten Male Gefangner zu sein, über ihm; bald aber hatte er dies von sich geschüttelt und fing an sich Vorstellungen zu machen, welche wirkung die Kunde von seiner Gefangenschaft in Oaklea hervorbringen werdejedenfalls erzählte Elliot den Grund seiner Verhaftung, die verweigerte Auskunft über seinen Aufentalt während der Nacht des Mordesob sich wohl Ellen verraten und so der Verwickelung mit einem Streiche ein Ende machen würde? Es war eine ganze Bilderreihe, die von dem einen Gedanken geführt an Helmstedts Seele vorüberzog. –

Die Jury hatte ihre Sitzung bis zum nächsten Morgen vertagt, die Menge war auseinander gelaufen und der Coroner sass in dem leergewordenen raum, den Kopf auf die Hand gestützt und Papiere durchblätternd, während sein Gehilfe das Protokoll zu vervollständigen schien. Nach einer Weile trat Elliot, der bereits die Handschuhe zum Wegreiten angezogen hatte, ein. "Noch etwas Besonderes, Sir?"

"Setzen Sie sich einen Augenblick hierher," erwiderte der Coroner. "Ich hatte durch zwei Beamte eine genaue Durchsuchung des Zimmers, das der Verhaftete in Ihrem haus bewohnt, sowie der sämmtlichen Möbel darin angeordnet. Die Beamten sind soeben zurück, und obgleich nicht das Geringste entdeckt worden, was zur directen Verstärkung des Verdachtes dienen könnte, so hat sich doch in einem der Koffer dieser kleine Zettel vorgefunden, der wahrscheinlich den Beweggrund der Tat wird erklären helfen. Die Sache scheint mir zu tief in Ihr Privatleben einzugreifen, als dass ich Sie nicht erst davon hätte benachrichtigen sollen, um wenigstens jede unnötige Veröffentlichung zu verhüten."

Elliot las und wurde blass. Es waren die Zeilen, welche Ellen vor einiger Zeit an Helmstedt geschrieben hatte.

"Setzen Sie diese Stelle an," fuhr der Coroner fort, "hier heisst's: Wenn etwas gegen den Mann aufgefunden werden kannwomit augenscheinlich Baker gemeint istso muss es bald geschehen; mir ist, als hätten sich heute die Fäden so fest um mich gezogen, dass ich nicht mehr heraus kann, oder als wäre ich heute in meiner Abwesenheit verkauft worden. Ich bin so allein in meiner Angst, und so weiter. – Den Fall gesetzt, dass irgend ein verhältnis zwischen der Schreiberin und dem Verhafteten stattfand, wie es beinahe hiernach scheint, so findet der Grund der Tat die natürlichste Erklärung, besonders da den Tag darauf die anberaumte Verlobung stattfinden sollte, und es wird mir unmöglich sein, das Document der Jury vorzuentalten."

"Um Gottes willen bringen Sie meine Familie nicht vor die Oeffentlichkeit!" rief Elliot, von seinem Hinstarren auf das Papier auffahrender sprang auf, schlug die Hand vor den Kopf und lief in dem Gemache auf und ab. "Ein verhältnis," sprach er, plötzlich vor dem Coroner stehen bleibend, "ein verhältnis hat zwischen beiden sicher nicht stattgefunden, denn meine Tochter war während der kurzen Anwesenheit des Deutschen kaum zwei Tage im haus, aber," fuhr er langsam fort, die Augen in die Hand drückend, "es ist um so fürchterlicher, wenn ein Mädchen bei einem Fremden vor ihren eigenen Eltern Schutz sucht. Bringen Sie meine Familie nicht vor das Gericht, Sir!"

"Seien Sie ruhig, Sir, und hören Sie mich. Bleibt Ihre Tochter hier, so ist Ihrer Vorladung und Vernehmung fast nicht auszuweichen. Folgen Sie meinem Rate, so gehen Sie jetzt heim, sprechen mit Ihrer Frau, sagen aber Ihrer Tochter von dem ganzen Gange des Prozesses kein Wort und schicken Beide auf vier bis sechs Wochen nach New-Orleans zum Besuch. Das ist Alles, was ich sagen kannich werde von keiner Ihrer Massregeln Etwas wissen."

Elliot sah dem Coroner einen Augenblick starr in die Augen, dann drückte er ihm, ohne ein Wort zu sagen, die Hand und eilte zur Tür hinaus.

Zehntes Kapitel.

Im gefängnis.

Es war über Nacht Winter geworden, wirklicher Winter. Der Schnee lag fusshoch und die Sonnenstrahlen brachen sich auf der hartgefrorenen Oberfläche, ohne sie erweichen zu können.

In einer der oberen Zellen des County-Gefängnisses sass Helmstedt an dem vergitterten Fenster und starrte, den Kopf in die Hand gestützt, in den Hof hinab, wo eine Schaar kleiner gelber Vögel suchend im Schnee herumpickte. – Zehn Tage waren seit seiner Verhaftung vergangen und seit dieser Zeit sass er einsam hier, den Zusammentritt der Grandjury und deren Anklage erwartend. Die ersten Tage seiner Haft hatte er in einer stillen Spannung zugebracht; einzelne ihm völlig fremde Amerikaner hatten sich