1859_Rupius_160_6.txt

. Helmstedt hatte noch nie den Comfort des amerikanischen Südens gesehen, wie er sich hier darbot, und als seine Begleiterin ihm mit einem Lächeln den Hut aus der Hand nahm, dann sich des ihrigen entledigte, Mantille und Handschuhe bei Seite tat, mit einem kurzen blick in den Spiegel die Haare zurückstrich und nun die kleine Hand hinstreckend auf ihn zutrat, wollte ihn das Gefühl einer entnervenden Aufregung überkommen, wie sie ihm bis jetzt vollkommen fremd war.

"Sie wohnen allein hier, Pauline?" fragte Helmstedt, nur leise die dargebotene Hand zwischen die seine nehmend.

"Mary und ihr schwarzer Mann haben das Basement inne," erwiderte sie, ihm ruhig ins Gesicht sehend – "und das sind zwei Dienstboten treu wie Bulldoggen. Mr. Morton, dem das Haus gehört und der Zeitweise ein paar Zimmer hier oben einnimmt, hat sie erst vor drei Monaten aus Alabama mit herausgebracht. Mr. Morton ist nämlich ein alter Herr, den ich Onkel nenne," setzte sie mit einem neuen Anflug von Röte hinzu ohne indessen das Auge zu senken, "ich werde Ihnen die Verhältnisse noch ganz ausführlich und ohne Verhör erzählen, – jetzt aber haben wir von andern Angelegenheiten zu reden und deshalb setzen Sie sich einmal hierher!" Sie deutete auf einen der Divans dicht an seiner Seiteund Helmstedt sass in dem weichen Polster, das sich von allen Seiten seinem Körper anschmiegte, mit einem Gefühle, halb aus Behagen und halb aus einer Unruhe gemischt, von der er sich selbst keine Rechenschaft geben konnte; das Mädchen aber hatte einen der niederen Sessel ohne Rücklehne herangezogen, sass zu seinen Füssen und sah mit einem stillen warmen blick zu ihm auf. "Sagen Sie nur erst einmal, August," begann sie und legte ihren Arm auf seine Knie, "sind Sie noch immer so stolz wie früher?"

"Stolzich?"

"Dass jede angebotene Hilfe wie eine Beleidigung, wie ein Zweifel an Ihrer eigenen Kraft von Ihnen aufgenommen wirdSie waren wenigstens als wilder Junge so und Sie haben gerade noch denselben Zug zwischen den Augen!"

"Nun, und wenn ich nun noch so wäre?"

"hören Sie einmal, Augustnicht wahr, Ihnen fehlt weiter nichts als das Geld, um hier wieder Ihre alte Carriere einzuschlagen? Wenigstens habe ich das erraten!"

"Nun?"

"Und wenn Sie nun Jemand dadurch glücklich machen können, dass Sie seine Hilfe annehmen, würden Sie sie zurückstossen? – halt, warten Sie erst!" rief sie aufspringend, als Helmstedt Miene machte sich zu erheben, und fasste seine beiden arme, "August, wir sind doch Freunde aus der Kindheit und wenn mir irgend ein Glück widerfahren wäre, so hätt's nicht grösser sein können, als das, Sie wiederzusehenich habe ein Recht, Ihnen zu helfen; nicht wahr, Sie schlagen mir's nicht ab, da ich's kann?" Ihr blick wurzelte in dem seinen mit einer Innigkeit, die ihm bis tief ins Herz drang.

"Pauline, Sie wären im stand, mich zu einer Torheit zu bewegen, – aber lassen Sie das!" sagte er und drückte sie sanft auf ihren Sitz zurück. "Sie gehen Ihren Weg und ich den meinigen, die beide wahrscheinlich ganz verschiedene Richtungen nehmen. Ich habe kein Recht, nach dem Ihrigen zu fragen, auf dem Sie meiner nicht bedürfen –"

"Aber ich w i l l Ihnen Rechenschaft geben!" rief sie leidenschaftlich aufspringend – "ich weiss, was du denkst, August, aber es ist nicht so, und du sollst noch Alles erfahrensei jetzt gut gegen mich, wie du's früher warst – 's ist eine glänzende Einöde, in der ich hier lebe; aber an dem Tage, an welchem ich dich in dem Parke sitzen sah, war mir's, als blühe ein ganzes Paradies in mir auf! sei kein gefühlloser Bär, August," rief sie, als Helmstedt sich erheben wollte und legte ihre beiden arme auf seine Schultern, "ich will ja nichts, als dass du mich ein klein wenig lieb haben sollstein ganz klein Bischen nur, denn dann wirst du mir's nicht verweigern, dass ich dir helfe und dass ich dich lieb haben darf wie mein Leben!" Sie hatte seinen Kopf zwischen ihre hände genommen, Helmstedt fühlte einen brennenden Kuss auf seinen Lippen, dann aber hatte sie sich umgedreht, war nach dem Fenster gegangen und brach dort in ein krampfhaftes Weinen und Schluchzen aus. Helmstedt sprang auf, von zehn widerstreitenden Empfindungen bestürmt. "Pauline, seien Sie kein Kind!" sagte er und wollte sie in seinen Arm nehmen, aber sie wand sich leicht los, trat in die Vertiefung des nächsten Fensters und war in kurzem Kampfe bald ihrer Aufregung Herr geworden. "'S ist schon gut, August," sagte sie mit einem Lächeln in Tränen sich umkehrend; "ich bin eine Närrin, aber seien Sie mir nicht bös darüber!"

"Sie sind ein leidenschaftliches Kind, Pauline, und haben mir noch nicht einmal Zeit zu einem einzigen Worte gelassen!" erwiderte Helmstedt und nahm ihre Hand zwischen die seinigen. "Sehen Sie, es läuft nun einmal gegen mein Gefühl, von irgend Jemand, sei es Bruder oder Freund, eine Unterstützung anzunehmen, wo meine eigenen Hilfsmittel noch nicht vollständig erschöpft sind und