1859_Rupius_160_57.txt

eine Todtenstille, die Küche war leer und auch in der Umgebung des Hauses war nirgend eine menschliche Gestalt zu entdecken. Helmstedt schüttelte von Neuem den Kopf, aber ein peinlicher Hunger, der sich bei ihm einzustellen begann, liess jetzt nicht viel andere Gedanken daneben aufkommen und er machte sich nach kurzem Warten an die kalten Ueberreste des Frühstücks. Er hatte notdürftig seinen Appetit befriedigt, als die ersten Tritte in der Halle hörbar wurden, aber sie klangen schwer und fremd und der Deutsche wollte sich eben erheben, um nach dem Angekommenen zu sehen, als eine massive Männergestalt, einen starken Hakenstock am arme, in der Tür des Zimmers erschien.

"Sind Sie der deutsche Gentleman, Mr. – ich vergass den Namen!" begann der Eintretende und nahm ein zusammengelegtes Papier aus seinem hut, als wollte er dadurch seinem Gedächtnisse nachhelfen.

"Ich heisse Helmstedt."

"Richtig, so war's! Sie müssen gleich mit mir nach der Tavern zum Coroner kommenSie wissen, wegen des Mordes, hier ist Ihre Vorladung!"

"Recht gern," erwiderte der junge Mann, dem der Vorfall durchaus erwartet kam, "lassen Sie mich nur meinen Hut holen und nachsehen, ob Jemand im haus ist, es scheint gerade wie ausgestorben."

"Ich sah Mrs. Elliot am Fenster, als ich herkam, Sie brauchen sich deshalb nicht auszuhalten," sagte der Beamte, "und die Schwarzen werden wohl nur einen Augenblick dem Spectakel nachgelaufen sein!" Die Sprache des Mannes war weder rauh, noch unhöflich, dem ungeachtet lag in dem Tone eine Bestimmteit, die Helmstedt unangenehm berührte, noch mehr fiel es ihm aber auf, dass, als er nach seinem Zimmer ging, der Beamte ihm Schritt für Schritt folgtedas Ganze bekam fast den Anschein eines Arrestes. Er öffnete seine Vorladung nochmals – "als Zeuge" wurde er darin verlangt – "das Benehmen des Mannes mochte also wohl nur übertriebener Diensteifer oder Wichtigtuerei sein."

"Wie weit ist der Ort?" fragte der Deutsche, als er seinem aufgedrungenen Begleiter folgte.

"Die Tavern liegt kaum mehr als eine Meile die Hauptstrasse hinunter, wir werden bald dort sein."

Helmstedt hätte gern nach den bis jetzt schon stattgefundenen Verhandlungen gefragt, aber der Beamte ging schweigend neben ihm her, tat auch während des ganzen Weges den Mund selbst nicht zur kleinsten gleichgiltigen Bemerkung auf, und so hielt es Helmstedt für das Beste, seine Neugierde zu unterdrücken, bis er zur Stelle gelangt sei.

Die Nachricht von dem stattgehabten Mord schien sich bereits wie ein Lauffeuer über die ganze Gegend verbreitet zu haben. Als die Beiden die Tavern erreicht, sahen sie das Haus von einem Haufen Menschen umgeben, Weisse und Schwarze, Männer und Frauen bunt durcheinander, die augenscheinlich keinen Eintritt mehr hatten erhalten können und sich jetzt bemühten, durch die geöffneten Fenster teil an den innerhalb gepflogenen Verhandlungen zu nehmen. Zwei Beamte, ähnliche Figuren wie Helmstedts Begleiter, standen an der äussern Tür des Hauses und hatten ihre ganze Autorität, wie die Kraft ihrer arme anzuwenden, um dem Andrängen der Menschenmasse zu steuern, und nur mit Mühe gelang es den beiden Ankommenden, die Tür zu gewinnen.

Der ziemlich weite Raum im Erdgeschoss der Tavern war zum Gerichtszimmer für den Coroner und die von ihm aus dem County schnell aufgebrachte Jury eingerichtet. Der Coroner selbst sass hinter einem langen Tische und an seiner Seite ein das Protokoll führender Gehilfe. Rechts von ihnen befanden sich die zwölf Jurors neben einander auf einer Bank, links schienen die Zeugen zu sein, wenigstens bemerkte Helmstedt, dessen Auge beim Eintritt den Raum überflog, Elliots Gesicht dort und dahinter die Wollköpfe von Dick und Cäsar; umsonst suchte er aber des Pedlars Züge. Der übrige Raum war so dicht mit Zuschauern gefüllt, dass die beiden Ankömmlinge Zeit und Kraft brauchten, um vorzukommen. Helmstedts erscheinen erregte sichtliches aufsehen. Der Coroner, welcher sich eben über das Protokoll beugte, fuhr auf die leise Meldung des Beamten rasch in die Höhe und mass den Deutschen mit einem kurzen scharfen Blicke, die Jurors steckten die Köpfe zusammen, unter den Zuschauern entstand leises Murmeln und die Hintersten hoben sich auf die Zehen, um den Eingetretenen besser zu sehen. Helmstedt bemerkte alles das, er fand aber nur die eigentümliche Neugierde der Amerikaner darin, die sich eifrig auf die unbedeutendste Sache wirft, sobald sie nur etwas Fremdartiges an sich hat. Er sah nach Elliot hinüber, um einen blick mit ihm auszutauschen, dieser aber wandte rasch das Auge weg, als wolle er Helmstedts blick vermeiden.

"Well, Sir," begann jetzt der Coroner, "Sie werden uns einige fragen beantworten, die in der vorliegenden Untersuchung von Wichtigkeit sind. geben Sie erst Ihren vollen Namen, Alter, wohnung und Beschäftigung an und leisten Sie dann den gewöhnlichen Zeugeneid, der Ihnen vorgesagt werden wird; nachher erzählen Sie uns, was Sie von dem stattgehabten Morde wissen."

Die Anfangs-Formalitäten warm bald beseitigt und Helmstedt berichtete mit allen Einzelheiten, wie Baker am Morgen vorher aufgefunden worden war, und seine eigene Beteiligung daran.

"Ist dies Alles, was Ihnen von dem Morde bekannt ist?"

"Nach meinem besten Wissen, Alles!"

"Ihre Kenntniss davon beginnt also erst von dem Augenblicke, an welchem Sie den Ermordeten tot und kalt gesehen?"

"Yes, Sir."

"Gut, dann werden Sie suchen müssen, uns einige Umstände zu erklären; der