gebracht? Ich hörte noch in Berlin, dass Sie Ihr Examen bestanden und beim Kammergericht eingetreten waren; das ist etwa ein und ein halbes Jahr her und ich habe mir in den letzten Tagen fast den Kopf wirre gedacht, was sie aus Ihrer Carriere nach Amerika hat werfen können. Hätte mich der Schnurrbart nicht unsicher gemacht – 's ist schon so lange her, dass ich Sie zum letzten Male gesehen – so hätte ich Sie schon am ersten Abend angesprochen."
Helmstedt fühlte sich von der naiven Teilnahme, die sich in jedem Worte des Mädchens aussprach, warm und wohltuend berührt, für ihn hatte aber die Zeit der früheren Bekanntschaft so fern gelegen, dass ihre plötzliche Erneuerung eine vollständige Ueberrumpelung für ihn gewesen war, zwischen der kleinen Pauline und dem blühenden Mädchen an seiner Seite, das sich bei ihren letzten Worten eben fester an seinen Arm gehangen, fand er keine Verbindungsglieder, und trotz allem Wollen konnte er sich nicht bis zur völligen Unbefangenheit hinaufarbeiten. Er erzählte ihr in kurzen Worten, was ihn nach New-York gebracht, dass er eben dabei sei, sich nach irgend einer neuen Lebensstellung umzusehen, und ihr Auge hatte dabei unverwandt an seinem gesicht gehangen. "Aber Sie verstehen noch kein Englisch, August!" sagte sie, als er eine Pause machte, "und im niedersten deutschen Leben, wo Sie das etwa entbehren könnten, wollen Sie doch nicht anfangen?"
"Ich denke, ich bewerbe mich irgendwo um eine Schulmeisterstelle!"
"Um – um eine Schulmeisterstelle?" wiederholte seine Begleiterin, die plötzlich ihren Schritt anhielt und in ein lachen ausbrach, so hell und klar wie Silber. "Sie, August, Schulmeister? – aber seien Sie nicht böse, ich konnte mir wahrhaftig nicht helfen!" sagte sie weitergehend, augenscheinlich bemüht, ihre lustige Laune zu bändigen; "wie um Gottes willen sind Sie denn auf die idee gekommen?"
"Ja, wie!" erwiderte Helmstedt, und trotz aller sorgenvollen Gedanken, die plötzlich wieder vor seine Seele traten, hätte ihn beinahe das lachen seiner Gefährtin angesteckt. "Wissen Sie vielleicht etwas anderes für mich?"
"Aber Sie sind doch Jurist," erwiderte sie, ernster werdend, "warum gehen Sie nicht zuerst als Schreiber zu einem Advocaten und lernen, was Ihnen hier noch Not tut, halten nachher Reden, werden bekannt, bekommen dadurch tüchtige Praxis oder lassen sich in ein paar Jahren zu irgend einem amt wählen? Wenn ich ein Mann wäre, ich würde in Amerika gar nichts anderes als advokat!"
"Aber ich verstehe ja noch nicht einmal ein Wort Englisch!"
"Well, das ist bald gelernt. Sie nehmen sich für ein paar Monate einen Lehrer und halten sich von aller deutschen Gesellschaft fern. Stehe ich auch allein, so habe ich doch e i n e n Freund, der Sie in die beste amerikanische Gesellschaft bringen kann – ich weiss, August, dass es gerade Ihnen unter den Amerikanern gar nicht fehlen kann, wenn Sie nur wollen!"
Helmstedt antwortete nicht sogleich, aber sein Gesicht verriet einen ganzen Berg trüber Gedanken. "Sie sind ein liebes, gutes Kind, Pauline," sagte er nach einer Weile, "aber mit dem Plane ist es nichts."
"Aber der Grund?"
"Weil's – weil's eben nicht geht. Hätte ich zwei Monate, die ich bereits in New-York verlebt, nach Ihren Ideen genutzt, so hätte ich diese vielleicht verfolgen können, – jetzt ist es zu spät!"
Das Mädchen sah ihm einen Augenblick forschend ins Gesicht, dann schien ihr plötzlich ein Verständniss aufzugehen, das sich wie ein Sonnenschein über ihre Züge verbreitete. "Dort ist meine wohnung," begann sie nach einer kurzen Pause, "wir wollen dort weiter über die Sache reden, vielleicht lässt sich trotz aller Unmöglichkeiten doch ein Ausweg finden." Helmstedt sah das strahlende Lächeln in ihrem gesicht, aber er begriff es nicht, wie ihm das ganze Mädchen und ihre Verhältnisse ein Rätsel waren.
über einen von Bäumen beschatteten grünen Vorplatz, von der Strasse durch ein eisernes Gitter abgeschlossen, schritt ihm das Mädchen nach einem kleinen, im eleganten "Cottagestile" gebauten haus voran. Sie sprang behend die Aussentreppe hinauf, zog die Klingel und eine Mulattin, knapp und Zauber gekleidet, öffnete. Sie machte der Eintretenden eine Meldung in englischer Sprache, von der Helmstedt aber nur die Worte: "Ihr Onkel ist hier gewesen, Miss Peters!" verstehen konnte, er sah aber, wie das Gesicht seiner Jugendfreundin ein schnelles Rot überflog, das indessen schon wieder verschwunden war, als sie sich nach ihm wandte. "Lassen Sie uns hinaufgehen," sagte sie, "es ist gemütlicher dort als in dem steifen Parlor; sobald der Tee fertig ist, wird uns Mary rufen."
Sie schritten die elegante, mit dicken Teppichen belegte Treppe nach einer Vorhalle hinauf, aus welcher Helmstedt in ein Zimmer trat, das eine Empfindung in ihm hervorbrachte, als werde er mit einer weichen, duftigen Decke umhüllt. Die Luft war von jenem unbeschreiblichen Wohlgeruch geschwängert, der das Eigentum der Bekleidung jeder wahren Dame zu sein scheint; die schweren Gardinen liessen die Helle nur gebrochen ins Zimmer fallen, und die Anordnung der Meubles, der weichen Divans und niederen Ruhesessel gaben in Gemeinschaft mit dem schweren Fussteppiche, der keinen Schritt hören liess, dem Zimmer einen Charakter von wunderbarer Heimlichkeit