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, als trete eist jetzt die klare Erinnerung wieder vor sie. Beider Blicke trafen sich und blieben in einander hängen; Helmstedt hatte ihre Hand, die ihn zurückgehalten, gefasst, sein Herz war ihm voll zum Zerspringen. "Ellen!" sagte er leiseer zog sie näherda warf sie sich, als werde mit einem Male ihr ganzes Gefühl entfesselt, an seine Brust, wo sie vorher geruht, Helmstedts arme empfingen sie, eine Secunde lang fühlte er ihre warmen Lippen auf den seinigen; in der nächsten aber hatte sie sich wieder losgerissen, fiel in einen Stuhl und schlug die hände vor das Gesicht.

Helmstedt trat ihr langsam näher und kniete an ihrem Sitze nieder. "Ellen, Leben meiner Seele!" sagte er im vollen Ausdruck seiner Empfindung, "ich will dich erringen, oder selbst dabei zu grund gehenich habe gestrebt, meine leidenschaft in mich zu verschliessen, aber das Schicksal wollte es anderssieh mich an!" Er zog ihr sanft die hände herab und blickte in ein Auge, in dem sich Scham und Liebe stritten, – ein wundersames Gemisch von Innigkeit und halber Scheu lag in ihren Zügen, und Helmstedt musste an die frisch aufgebrochene Rose denken, die zum ersten Male von dem Strahle des Tages berührt wird. "Ellen," fuhr er fort, "hast du nicht ein Wort für mich?"

Sie hob langsam den blick zu ihm und über ihr Gesicht verbreitete sich das Lächeln, das Helmstedt so gut kannte. "Und ich weiss noch nicht einmal Ihren vollen Namen!" sagte sie.

"Augustus heisse ich, aber sprich den Namen aus wie in meiner Muttersprache, sage: August, und ich will denken, ich habe Heimat und alles verlorne in dir wiedergefunden."

"August," wiederholte sie halblaut und sah ihm tief ins Auge. Dann lehnte sie ihre Stirne gegen die seinige. "August," ich glaube, "mir hat es geahnt, dass es so kommen musste, dass ich durch Sie vor dem Menschen Baker gerettet werden würde –"

Ein blendender Blitz, der für einen Augenblick Tageshelle in dem Zimmer schuf, ein Donnerschlag, der die Fenster klirren machte, schreckten Beide auseinander, und kaum war das letzte Rollen in den Bergen verhallt, als sich ein Geräusch, wie starkes Pochen gegen die Vordertür des Hauses hören liess. "Was ist das?" flüsterte Ellen ängstlich. Helmstedt horchte gespannt. Ein neues und lauteres Pochen wurde hörbar, dem in kurzer Zeit das Klappen einzelner Türen im haus folgte; Männerstimmen wurden in hastiger, eifriger Sprache laut. "Da ist etwas passirt, mag es sein, was es will, und ich muss hinaus auf irgend eine Art!" sagte Helmstedt leise, "ich muss bei der Hand sein, falls Mr. Elliot nach mir verlangt." Er näherte sich dem Fenster. "Nicht da hinaus!" flehte Ellen, ihn festaltend. "Aber das Haus ist wach," flüsterte er zurück, "ich muss auf jedem andern Wege entdeckt werden und das hiesse, unser junges Glück mit einem Schlage vernichten."

In diesem Augenblicke fiel der Schein einer Laterne über den Platz hinter dem haus und Dicks stimme wurde vernehmbar: "Ich bin schon hier, Master!" Zugleich unterschied Helmstedt die Sprache dreier anderer Personen, welche eben um das Haus zu biegen schienen. "Das ist Pa!" flüsterte Ellen an seiner Seite. Sie eilte nach der Stubentür und horchte, dann öffnete sie diese behutsam und sah hinaus. "Alles ist ruhig!" rief sie leise zurück. Helmstedt trat auf den Zehen herankein laut war von Aussen vernehmbar. "Gute Nacht, Ellen, träume von mir!" Einen Moment noch hing sie an seinem Halse, dann drängte sie ihn aus dem Zimmer.

Vorsichtig ging er einige Schritte, bis er das Treppengeländer fühlte und schlüpfte dann geräuschlos hinab. – –

Als Baker spät am Nachmittage das Riverhaus verlassen, hatte sich der Pedlar, der in der Ecke sass, in seiner vollen Höhe aufgerichtet und zeigte eine so kräftige Formung der Glieder, wie sie ihm bei seinem gewöhnlichen gebückten Gange Niemand angesehen hätte. Das alte Gesicht schien von einem erregenden Gedanken belebt und das Auge blitzte in vollem Feuer unter den buschigen Brauen hervor "Entweder jetzt oder niemals!" murmelte er, hob seinen Kasten auf und stellte ihn hinter den Ladentisch, ergriff seinen Stock und ging zur Tür hinaus. Mit weiten kräftigen Schritten verfolgte er dieselbe Strasse, auf welcher Baker davon getrabt war; als sich diese aber im weiten Bogen links in die Ebene hineinzog, schlug er einen schmalen Waldweg zur Rechten ein und schritt hier, unbekümmert um die Unebenheiten und Hindernisse, die Wurzeln und umgestürzte Baumstämme boten, scharf darauf los. Nach einer Weile zog er, ohne seinen gang zu unterbrechen, eine dicke silberne Uhr hervorsie zeigte fast auf sechs. "Es wird zehn Uhr, ehe ich bis zu Mortons komme," brummte er vor sich hin, "er geht aber auch dahin, ich kenne das Geschäft, was er noch abzumachen gedenkt; werde ich dort nicht aufgehalten, so kann das ganze Nest in Oaklea abgefangen werden, ehe die Vögel ausgeflogen sind und ich habe ihn endlich, wo ich ihn lange gewünscht!" Er schritt wie in erhöhter Aufregung rascher vorwärts. "Ich hätte früher kommen müssen, um genauere Kenntniss zu bekommen,"