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als er einen krampfhaften Griff an seinem arme fühlte; er wandte sich betroffen umin demselben Augenblicke wurde urplötzlich die Gegend von einem Blitze erleuchtet, der den ganzen Himmel in Feuer zu setzen schien und ihm Alice Mortons geisterhaftes Gesicht an seiner Seite zeigte; ein, zwei, drei Donnerschläge folgten nach, unter denen die Erde zitterte und deren Schall in den Bergen ringsum immer neue Donnerschläge zu gebären schien; eine volle Minute währte es, ehe das letzte Rollen sich in der Ferne verlief und Baker hatte kaum sein Gehör wieder, als er Alice Mortons stimme an seinem Ohre vernahm: "Henry, geben Sie mir meine Briefe wieder!" "Sie muss wahnsinnig geworden sein!" rief er und suchte sich mit einer kräftigen Bewegung von ihr losszureissen, aber ihre Hand hielt seinen Arm wie mit eisernen Banden geschlossen. Seifert und die Schwarzen hatten bei dem plötzlichen Donnerschlage Halt gemacht. "Geht voran, es ist keine Secunde zu verlieren," rief Baker, "das Gewitter könnte tote wach rufenich bin im Augenblick nachrasch, und keinen Augenblick Aufentalt!" Die Schwarzen mit ihrem Führer verschwanden über die Einzäunung. – – – –

Es war wohl noch selten in Oaklea ein verdriesslicherer Sylvester gefeiert worden, als denselben Abend. Ellen hatte beim Einbruche der Dunkelheit erklärt, sie fühle sich so unwohl, dass sie sich niederlegen müsse, wogegen ihr Mrs. Elliot vorwarf, sie wolle nur wie ein verzogenes Kind Mr. Baker ausweichen und ihre Eltern bis zum letzten Augenblicke ärgern. Demohngeachtet war Ellen in ihrem Zimmer unsichtbar geworden und Elliot hatte Sarah zu ihr geschickt, damit Jemand zu ihrer Bedienung bei ihr sei. Das Abendbrod war, da Baker erwartet wurde, bis auf acht Uhr hinausgeschoben, Baker aber kam nicht, und Helmstedt, als er endlich zu Tisch gerufen wurde, fand den Herrn und die Frau des Hauses in einer Stimmung, die ihm jede Anknüpfung eines Gespräches verbot. Er war auch eigentlich der einzige, welcher ass und er beeilte sich, das Speisezimmer so bald als möglich wieder zu verlassen. – Kaum war es zehn Uhr, als auch schon im ganzen haus kein Licht mehr brannte; selbst Helmstedt hatte der Vorsicht wegen das seine ausgelöscht, hatte sich eine Cigarre angebrannt, und sass, sich seinen aufgeregten Gedanken überlassend, in seinem Schaukelstuhle.

Es mochte halb elf Uhr sein, als er sich erhob, das Ende seiner Cigarre in das niedergebrannte Feuer warf und leise das Zimmer verliess. Er hatte, um möglichst jedes Geräusch zu vermeiden, seine leichten Morgenschuhe angezogen. Er umging das Haus, spähete nach jedem Fenster, ob nicht irgendwo "ein Verräter wache"; aber das ganze Gebäude lag dunkel und stumm, und jetzt erst, an der Rückseite wieder angekommen, suchte er die ihm bezeichnete Stelle. Die Hintertür war durch einen auf vier Säulen ruhenden Portico überdacht, welcher sich bis zur Höhe des oberen Stockes erhob. Daneben, im unteren Geschosse befanden sich zu beiden Seiten Vorratskammern und nur die Zimmer darüber waren bewohnt. Helmstedt sah nach dem von Ellen angedeuteten Fenster, es war dunkel wie die übrigen. Nach kurzer überlegung suchte er ein paar kleine Steinchen vom Boden und warf sie gegen die Scheiben. Sein Herz schlug heftig, als er sich jetzt dicht an eine Seitensäule des Portico stellte, um sich dadurch vor dem möglichen Blicke eines unberufenen Auges zu schützen; bald aber vernahm sein gespanntes Ohr das leise Geräusch des behutsam aufgeschobenen Fensters und sein blick unterschied in der Dunkelheit desselben den Schein eines weissen Gewandes. "Es schläft Alles!" sprach er halblaut hinauf. Er konnte jetzt einen sich scheu herausbiegenden Kopf erkennen. "Wo sind Sie?" klang es herab, aber so leise, dass es kaum vernehmbar war. Helmstedt trat von seinem Posten weg. "Können Sie mich deutlich genug verstehen, Miss?"

"Ich glaubeaber sprechen Sie nicht so laut, ich vergehe vor Angst, dass uns Jemand hören könnte und doch weiss ich nicht, was sonst zu tun?" – Helmstedt hatte die geflüsterten Worte mehr erraten als gehört; es wurde ihm klar, dass auf diese Weise eine Unterredung unmöglich warund doch fühlte er, dass ihm eben so viel daran lag, dem Mädchen Waffen gegen den aufgedrungenen Bräutigam in die hände zu geben, als es nur bei ihr selbst der Fall sein konnte. "Ich werde suchen, Ihnen näher zu kommen!" rief er leise hinauf, nachdem er mit Auge und Gedächtniss sich die Form des Hauses vergegenwärtigt. – Kaum einen Fuss vom Portico entfernt, befand sich das erste Fenster des Erdgeschosses, das sich von den Stufen aus, welche zur Tür hinauf führten, leicht erreichen liess; daneben wanden sich immergrüne Schlingpflanzen, von einzelnen Querleisten gehalten, die an der Mauer befestigt waren, empor, und setzte man vom Fenster aus den Fuss auf eine dieser Leisten, so erforderte es nur wenig Geschicklichkeit, um sich auf das Dach des Portico zu schwingen. Das war es, was sich Helmstedt in kurzer überlegung zusammengestellt hatte und was er jetzt ohne weiteres Zögern auszuführen versuchte. Er stand, sich an eine der Portico-Säulen haltend, bald genug im Fenster, und eben so schnell hatte sein Fuss den Halt an der Mauer gefunden, der ihm ohne besondere Anstrengung seinerseits zu der Höhe des Portico half; das einzige Hinderniss, welches er hier traf, um zu einer sicheren Stellung zu gelangen, war die abschüssige gefirnisste Fläche