mit gleicher Vorsicht in das Zimmer, in welchem er Licht bemerkt hatte. Eine einzelne Kerze, auf einem der Seitentische stehend, erhellte schwach den weiten Raum und liess eine weibliche Gestalt, welche in der entferntesten Ecke zusammengedrückt auf einem stuhl sass, im Halbdunkel. Baker blieb an der Tür stehen. "Sind wir allein, Alice?" fragte er halblaut. Das Mädchen fuhr in die Höhe, als bemerke sie jetzt erst sein Eintreten, und sank dann wieder in sich zusammen. "Sie schlafen schon Alle und haben Ruhe!" erwiderte sie eintönig.
Baker warf einen prüfenden blick auf sie. "Ich danke Ihnen, dass Sie meiner Bitte um eine Unterredung Gehör gegeben haben," sagte er dann. "Sie sollen auch bald Ruhe haben, wenigstens vor mir. Ich gedenke morgen abzureisen; ich habe Ihre Briefe in meiner tasche und werde sie Ihnen einhändigen, sobald Sie mir die Abreise möglich machen. Ich bin unglücklich im Spiel gewesen, Alice, und kann ohne Geld nicht weg – schaffen Sie mir das notwendigste, um mich wieder flott zu machen, und ich gebe mit Auslieferung Ihrer Correspondenz alle Macht über Sie auf!"
Das Mädchen hatte sich, während er sprach, langsam aufgerichtet, ihr bleiches Gesicht sah in der matten Beleuchtung todtenähnlich aus. "Zertreten Sie mich, Mann," sagte sie, "ich will es dulden, wenn ich dadurch meine Schande mit mir begraben kann – aber fordern Sie keine Unmöglichkeit, kein Geld mehr von mir – Sie haben mich ausgepresst wie den Schlauch, der den letzten Tropfen hergegeben hat, und der nur noch unter Ihren Händen zerreissen kann."
"Haben Sie wirklich im Augenblicke kein Geld," erwiderte Baker kalt, ihr näher tretend, "so besitzen Sie Schmuck. Ueberlegen Sie, dass ich Sie heute das letzte Mal sehe, wenn Sie mich auf irgend eine Weise befriedigen können. Ich will Ihnen nicht Ihren eigenen Reichtum an Kostbarkeiten vorzählen."
"Es ist längst Alles geopfert und veräussert, um Ihre Ansprüche zu befriedigen und mir eine kurze Rast zu erkaufen – ich bin seit Monaten nicht aus dem haus gegangen, um nicht das Verschwinden selbst des letzten Stückes bemerkbar werden zu lassen."
"Gut, Alice, ich komme aber ohne Geld nicht weg; soll ich den Wert Ihrer Briefe einem Andern verraten und mir darauf Geld leihen, damit dieser den Betrag später mit Zinsen wieder von Ihnen herauspresse?"
Die Augen des Mädchens erweiterten sich wie im Entsetzen. "Henry!" rief sie mit heiserer, unterdrückter stimme, "was soll ich denn tun? ich kann doch nicht morden und stehlen, um Sie zu befriedigen! Seien Sie barmherzig!" fuhr sie fort und stürzte verzweifelnd auf ihre Kniee, "geben Sie mir die Briefe, Henry!"
Baker kehrte sich ab und schritt durch das Zimmer. "Sie machen mir einmal wieder eine Scene, Alice, und wissen, wie ich dergleichen Auftritte hasse – ich werde ein andermal wieder kommen!" fuhr er fort, als er die Tür erreicht hatte – er öffnete sie –
"Henry! geben Sie mir die Briefe!" stöhnte das Mädchen, die arme nach ihm ausstreckend, aber Baker hatte das Zimmer verlassen, durcheilte rasch den Raum bis zu seinem Pferde und ritt bald in das Dunkel hinein. Er hatte die Richtung nach Oaklea genommen und trabte eine kurze Strecke auf der Strasse hin, bald aber nötigten ihn Löcher und Wurzeln im Wege, die nur durch das häufige Straucheln des Pferdes bemerkbar wurden, vorsichtig Schritt zu reiten.
Die Luft lag so bewegungslos über der Gegend, dass auch nicht das Rauschen eines einzigen Blattes hörbar wurde, und der Hufschlag des Pferdes klang weit über die Strasse hin. Plötzlich hielt der Reiter an und horchte, als sei ihm ein ungewöhnliches Geräusch aufgefallen – aber ringsum war Todtenstille. Er ritt weiter, bis zu einem schmalen Weg, der sich zwischen den eingezäunten Feldern von Oaklea nach der Rückseite der Besitzung hinunter zog, und bog hier ein. Wieder schien ihn irgend ein befremdender laut zum Halten zu bringen – er horchte aufmerksam und lange, aber in der schweren, stillen Luft war nicht das leiseste Geräusch zu hören. Vorsichtig ritt er weiter, er spähte hinüber nach Elliot's Haus, konnte aber kein Licht mehr entdecken, und verfolgte nun rascher seinen Weg, bis zu dem Saum des Waldes, der einige Minuten hinter den Negerhütten seinen Anfang nahm. Hier unterbrach ein geschlossenes Torgatter die übrige Einfriedigung, und Baker sprang vom Pferde. Scharf spähete er umher und tat einen leisen Pfiff – ein ebenso leises Pfeifen antwortete ihm, er band jetzt sein Pferd an und kletterte über die Umzäunung – in der Dunkelheit sah er aus den Gebüschen eine Gestalt auf sich zukommen. "Wer?" fragte er leise. "All right, Sir!" antwortete Seiferts stimme und hinter ihm zeigten sich vier andere Gestalten. "Brav, Kinder!" sagte Baker herantretend, "habt ihr eure nötigsten Sachen bei euch? Gut, jetzt aber keinen Augenblick mehr verzögert; drei Stunden Marsch bis wir den Fluss erreicht haben, das Dampfschiff wartet und dann sind wir geborgen. Wer von euch die Strasse durch den Wald am besten weiss, geht mit diesem Gentleman hier voran, die andern beiden folgen und ich nehme Sarah hinter mich auf's Pferd. Vorwärts nun!" Die schwarzen Gestalten schlüpften der Umzäunung zu und eben wollte Baker ihnen folgen,