"Ich bin augenblicklich waffenlos," rief er ihm mit dem vollen Ausdruck des Ingrimms zu, "seien Sie aber versichert, dass ich mir für allen erlittenen Schimpf volle Genugtuung verschaffen werde – ich behalte dies als Memorandum!" Er zeigte einen kleinen Messingknopf, welcher bei dem Schlage von der Reitpeitsche abgesprungen war und sich in seinen Kleidern verfangen haben musste.
"Ziehen Sie sich bei zeiten zurück, Sir!" erwiderte Helmstedt, als Jener sein Pferd drehte, "Sie haben bis übermorgen Zeit, es ohne öffentliche Schande zu tun; was später erfolgt, mögen Sie sich selbst zuschreiben!" Baker warf ihm nur noch einen blick zu, der ohne Worte sprach, und trabte sodann davon. Helmstedts Auge suchte nach dem Revolver, der aber in den dornigen Gesträuchen und dem buschigen Unkraut so verborgen lag, dass sein Auffinden mehr als Schwierigkeit erfordert haben würde, und ritt dann seines Weges weiter. Es war ihm zu Mute wie einem jungen Feldherrn, der seine erste Schlacht gewonnen hat.
Erst spät Nachmittags kam er aus der Stadt zurück. Er hatte sein Geld in der Bank erhalten, aber Seifert trotz längeren Wartens und Suchens nicht getroffen. Als er hinter dem Wohnhause vom Pferde stieg, sah er Sarah neben den Ställen vorüberschlüpfen und rief ihr zu. Die Schwarze kam langsam heran.
"Hast du Mr. Baker gesehen, während ich weg war?" fragte er halblaut. Das Mädchen sah ihn an wie in plötzlicher Betroffenheit. "Mr. Baker?" wiederholte sie zögernd.
"Ich meine, ob er hier gewesen und mit Mr. Elliot geredet hat?"
"No, Sir!" rief sie, als fasse sie jetzt erst seinen Gedanken, "Mr. Elliot ist Vormittag ins Land geritten und jetzt noch nicht wieder zurück." Helmstedt nickte befriedigt und brachte sein Pferd in den Stall.
Sechstes Kapitel.
Ein Gewitter im Winter.
Sylvester-Nachmittag war herangekommen. – Helmstedt war schon eine Viertelstunde lang in seiner stube auf- und abgegangen, hatte sich dazwischen auf einen Stuhl geworfen und zu lesen versucht, war ans Fenster getreten, hatte die eintönige Landschaft und den grauen Himmel betrachtet und dann wieder die stube gemessen. Es lag ein drückendes Gefühl über ihm; er wusste nicht, sollte er es der eigentümlichen Luft, die sich schon seit zwei Tagen geltend machte, oder der ungewissen Spannung zuschreiben, in welcher er sich während Mittag befand. Dick war am Morgen weggefahren, um die Damen des Hauses heimzuholen, und Elliot hatte während des Mittagessens hingeworfen: wie er sich freue, einmal wieder einen belebten Abend haben zu können; Baker werde sich wahrscheinlich auch einstellen, um das neue Jahr in Gesellschaft der Familie zu erwarten. Helmstedt hatte dazu geschwiegen, war indessen den Nachmittag über bei jedem Geräusche, das in der Gegend des Hauses laut wurde, aufgefahren, ob es nicht durch die Ankunft des verhassten Menschen verursacht werde. Er traute diesem recht wohl die Frechheit zu, seine Rolle in der Familie durchzuspielen; der zu gewinnende Preis war schon einiger Gefahr wert; welches Verhalten aber Helmstedt nach seiner Ankunft beobachten sollte, wusste er selbst noch nicht recht. – Er konnte von seinem Zimmer aus einen teil der grossen Strasse jenseits der äusseren Einfriedigung, sowie das Gattertor, welches den Eingang zu der Besitzung bildete, sehen, dortin fiel bei seinem Gange durch die stube jedesmal sein blick, so oft er das Gesicht den Fenstern zukehrte, und dort gewahrte er endlich einen heranrollenden Wagen. Er trat rasch zum Fenster und sah scharf hinüber, er erkannte Elliots Kutsche mit den Damen und das Blut schoss ihm nach dem Herzen, dass er genötigt war, die Hand darauf zu legen. Er hatte überdacht, dass er sich heute noch unter allen Umständen mit Ellen in Verbindung setzen musste, wenn dem Mädchen eine Möglichkeit zur Wehr und Rettung bleiben sollte; war sie einmal mit Baker verlobt, so konnte dieser, als Elliots künftiger Schwiegersohn, auch ohne einen Cent in der Hand, leicht zu einer Besitzung gelangen und damit alle gegen ihn erhobenen Beschuldigungen niederschlagen. Auf welche Art Helmstedt jetzt an Ellen gelangen konnte, wusste er freilich nicht, keinesfalls sollte ihm aber irgend eine sich darbietende gelegenheit entschlüpfen. Er warf einen blick durchs Fenster – der Wagen war schon nahe dem Gattertore – er riss ein Blatt Papier aus seiner Brieftasche und schrieb mit flüchtiger Hand: "Mut, es wird Alles gut werden, sobald ich Sie heute noch allein sprechen kann – wie? wo? muss ich Ihnen überlassen. geben Sie mir Nachricht, ich werde stets so viel als möglich in Ihrer Nähe sein." Er brach das Papier klein zusammen, nahm seinen Hut und eilte durch die Hintertür ins Freie, er umschritt das Haus, als führte ihn nur ein Zufall dem Wagen entgegen, und kam eben recht, um diesen heranrollen zu sehen. Dick sprang vom Bock und öffnete den Schlag. "Wo ist Sarah?" rief Mrs. Elliot heraus. Helmstedt war wie der Wind an der Wagentür und bot der Dame seine Hand. "Ist denn sonst Niemand hier?" sagte sie, erhob sich indessen und liess sich seine Unterstützung beim Aussteigen gefallen. Ellen folgte und Helmstedt fasste ohne Weiteres ihre Hand. "Nehmen Sie und halten Sie fest!" sagte er rasch und eindringlich – eine Purpurröte überflog ihr Gesicht, dann aber war sie mit einem leichten Sprunge aus dem Wagen. "Ist denn gar Niemand von alle den