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lassen Sie doch das fräulein weg!" rief sie mit einem halb schmollenden, halb bittenden Ausdruck, "sind wir denn nicht Duzfreunde gewesen? Und wenn Sie sonst nichts hier hält, so geben Sie mir Ihren Arm, lassen Sie uns einen Spaziergang machen und plaudernich bin so glücklich, dass ich einmal wieder einen Bekannten aus früherer Zeit gefunden habe!"

Ehe noch Helmstedt recht wusste wie, hatte er schon den halben Park an des Mädchens Seite durchschritten und fühlte ihren Arm leicht wie eine Feder in dem seinen liegen, aber gerade diese leise Berührung ging ihm durch alle Nerven; er sah in ihr frisches Gesicht und hatte doch eigentlich noch kein Wort von ihrem Geplauder bis hierher gehört.

"Aber sagen Sie mir doch nur für's Allererste, wie Sie nach New-York kommen!" begann er wieder, "sind denn Ihre Eltern auch hier?"

Ein Schatten zog über das Gesicht seiner Begleiterin und als sie die Augen nach ihm hob und wieder senkte, war der Ausdruck darin ein so ganz von ihrem frühern neckischen blick verschiedener, dass der junge Mann seine Frage fast bereute. Ein wunderbarer Reiz aber lag in der leichten Beweglichkeit ihrer Züge, welche die kleinste Seelenregung wiederzuspiegeln schienen.

"Meine Eltern sind ja schon drei Jahre tot; sie starben in der Choleraperiode," sagte sie augenscheinlich gedrückt. "Sie waren damals schon längst aus Ihrem elterlichen haus. Ich musste unter fremde Leute gehen und schlimme zeiten durchmachen; ich war wirklich mehr zur 'Gräfin' geboren, – wie Sie in früheren Jahren oft meinten, wenn Sie mir recht was Schönes sagen wollten," und ein lächelnder, schelmischer Sonnenblitz brach aus ihrem Auge, das sie einen Moment zu ihrem Begleiter aufschlug, "meine hände waren für schwere Arbeit zu dünn und zu klein, und um den ganzen Tag am Nähtische zu sitzen, hatte ich zu viel elastisches Gummi in mires war wirklich eine ganz unglückselige geschichte. Endlich erhielt eine Freundin von mir, die sich auch am Nähtische schon halb den rücken zerbrochen hatte, von einem Bruder hier in New-York das Geld zur Reise nach Amerika gesandt, und im Briefe dabei stand eine so wundervolle Schilderung über das Leben und die Stellung der Frauen hier, dass ich Alles, was noch vom Nachlass meiner Eltern übrig war, zusammenraffte und kurz entschlossen mitreiste."

"Und so leben Sie jetzt bei den Verwandten Ihrer Freundin?"

"Nicht mehr; die Familie ist ins Land gezogen und ich wollte New-York nicht verlassen. – Ich stehe jetzt hier ziemlich allein."

Helmstedts Auge überflog die reiche, fashionable Kleidung des Mädchens und ein unangenehmer Gedanke dämmerte in ihm auf, der aber nicht zur vollen Macht kommen wollte, als er einen blick in ihr Gesicht warf, dessen rosige, weiche Züge trotz des koketten Schelmes, der daraus hervorguckte, noch mit dem unberührten Duft der Jungfräulichkeit überhaucht zu sein schienen.

"Sie stehen allein hier, fräulein?" fragte er nach einer augenblicklichen Pause, aber die leise Veränderung in seinem Tone schien ihr Alles, was in ihm vorging, verraten zu haben. "Ja, f a s t allein, Herr von Helmstedt," erwiderte sie und blickte ihn ernst und voll an, "aber ich will Ihnen zweierlei sagen: Erstens geniesst die Frau hier zu land einen ganz merkwürdigen Schutz, wenn sie sich nur s e l b s t schützen w i l l , und zweitens können Sie, ohne sorge, Ihre Ehre zu gefährden, sich mit mir in den Strassen NewYorks zeigen!"

"Aber fräulein –"

"Aber Herr von Helmstedt! Warum nennen Sie mich 'fräulein', warum legen Sie einen solchen Gespensterton in Ihre Frage, ob ich allein stehe, und verderben mir meine ganze Freude, Sie wieder zu sehen? Ich bin doch nicht an vier hintereinanderfolgenden Tagen durch den Park gegangen, nur um sicher zu werden, ob Sie es auch wirklich seien, der auf die Bank dort gebannt schien, wie der trauernde Genius dort unten im Marbleshop auf dem Grabstein, den Niemand kaufen will, und habe Sie endlich zweimal angeredetdamit Sie alle Kindererinnerungen, die mich zu Ihnen trieben, vergessen und mich zuerst vorsichtig und bedächtig ins Gebet nehmen sollen, welche Stellung ich hier einnehme?"

"Aber liebe Pauline, es ist mir ja doch nicht eingefallen –"

"Gut, Herr August, ich bin jetzt schon zufriedensagen Sie mir nun aber auch, wollen Sie wohl heute Abend den Tee mit mir nehmen? – ich meine in meiner wohnung, wir werden ganz allein sein!"

"Javon Herzen gern!" erwiderte Helmstedt, dem bei dieser Einladung zehn verschiedene Vorstellungen durch den Kopf schossen und eine eigentümliche Befangenheit in ihm erzeugtenals er sie aber anblickte, traf er auf ein so feuchtes, inniges Auge, welches zu ihm aufschaute, dass er ihren Arm fester an sich zog, ohne sich von den ihn durchkreuzenden Gefühlen Rechenschaft zu geben.

Sie hatten Broadway erreicht und diesen eine Strekke verfolgt, ohne dass die lebhafte Passage ihnen viel Worte erlaubt hätte; jetzt aber bog Helmstedts Begleiterin in eine Seitenstrasse ein. "Wir haben noch ein gutes Stück bis zu meiner wohnung," sagte sie, "aber lassen Sie uns den Weg durch eine der stilleren Avenues nehmenund jetzt sagen Sie mir doch nur mit zwei Worten, was S i e nach New-York