wissen gewiss am besten, wem Sie Ihre Familie öffnen."
"Sicherlich, Sir!" erwiderte Elliot und hob langsam den Kopf, "eins nur möchte ich Ihnen noch freundlichst sagen. Unsere amerikanischen jungen Leute sind etwas rasch, besonders hier im Süden – lernen Sie Land und Menschen erst ruhig kennen, damit ein Urteil, das Sie fällen, Ihnen nicht vielleicht unerwartet schlimme Folgen einbringt!"
Helmstedt biss sich auf die Lippen, erwiderte aber nichts, er glaubte ein Stück des amerikanischen Stolzes vor sich zu haben, wie ihn Isaac angedeutet und er fühlte beinahe eine Neigung, sich, wie es von ihm gewünscht wurde, gar nicht mehr um Baker zu bekümmern und seinen zu erwartenden Gaunerstreichen freien Spielraum zu lassen – wenn nur Ellen nicht vielleicht das Opfer derselben hätte werden können.
"Ich will Sie nicht länger belästigen," sagte er aufstehend, "und wenn Sie mir erlauben, erbitte ich mir morgen früh Bücher und Rechnungen." – "Wie Sie das halten wollen, Mr. Helmstedt!" nickte Elliot, und der junge Mann verliess das Zimmer. Als er die Tür zugedrückt hatte und an der erleuchteten Treppe, die ins obere Stockwerk führte, vorübergehen wollte, flatterte ein weisser Gegenstand vor ihm nieder. Er bückte sich darnach – es war ein zusammengelegtes Papier. Helmstedt warf überrascht einen blick nach oben; dort war aber weder etwas zu hören noch zu sehen, und mit einem sonderbaren Gefühle der Spannung betrat er sein Zimmer und brannte Licht an. Das Papier war ohne Adresse und entielt nur die folgenden mit Bleistift und augenscheinlich in Eile geschriebenen Zeilen:
"Mutter sagt mir jeden Augenblick, ich sei ein verzogenes Kind, und Vater mahnt mich, die Launen abzulegen; ich weiss aber, es geschieht nur wegen des Mannes, den ich nicht ansehen mag. Er hat sich bei der Mutter eingeschmeichelt, und Vater tut, worauf Mutter dringt. Ich höre aus jedem gesprochenen Worte, was beabsichtigt wird, und sehe keinen Weg, wie ich mir helfen soll; was Mutter will, setzt sie durch. Ich habe seit heute eine Angst im Herzen, wie noch nie. Der Mann, den ich gar nicht nennen mag, muss Mr. Helmstedt verdächtigt haben, denn Mutter hat den Vater geplagt, mich bei Mortons zu suchen, damit ich nicht mit einem gestern hergekommenen Ausländer, den noch Niemand kenne, wie sie sich ausgedrückt hat, den ganzen Tag allein in der Welt herumreite. Wenn Etwas gegen den Mann aufgefunden werden kann, so muss es bald geschehen; mir ist es, als hätten sich heute die Fäden so fest um mich gezogen, dass ich nicht mehr heraus kann, oder als wäre ich heute in meiner Abwesenheit verkauft worden. Ich bin so allein in meiner Angst, dass, wenn diese Zeilen Sünden sind, mir sie Gott verzeihen wird.
Ellen."
Helmstedt las das Papier zweimal, dreimal über, dann warf er sich auf einen Stuhl, drückte die hände vor die Augen und wollte überlegen – aber er sah nur Ellen mit ihrer kindlichen Naivität, mit ihrem klaren Auge, in dem sich noch kein Gedanke, der des Schleiers bedurfte, gespiegelt haben konnte, vor sich, sah jetzt den Ausdruck, den ihre Zeilen bekundeten, über ihre Züge gebreitet – er fuhr rasch mit der Hand über das Gesicht, sprang auf und ging die stube auf und ab. Was sollte er tun? Jede Warnung seinerseits ohne bestimmte Beweise war, wie die Sachen jetzt standen, vollkommen unsinnig; die wenigen Tage bis Neujahr mussten aber vergehen, und dann durfte nur an Baker die Aufgabe gestellt werden, die Nachweise seines Besitzes im Süden oder seines Vermögens zu schaffen, um den Menschen zu entlarven. Das Erste und Notwendigste blieb jetzt, dem Mädchen den Mut wiederzugeben, um für jeden möglichen Fall bis dahin Widerstand zu leisten; morgen, meinte Helmstedt, werde er jedenfalls, eine gelegenheit herbeiführen können, um ihr das Nötige zu sagen. Er nahm das Papier wieder zur Hand, sah auf die zierlichen, flüchtigen Schriftzüge und machte eine Bewegung, als wolle er es zu seinem mund führen, hielt aber auf halbem Wege inne "Sei kein Narr, August!" sagte er, "hier ist kein Feld wo dir Rosen blühen können." Er legte das Papier langsam zusammen und öffnete dann seinen Koffer. "Aber ich kann sie doch in der Seele tragen, selbst wenn sie es nicht wissen darf!" fuhr er innehaltend fort und drückte das Papier an seine Lippen. "Gute Nacht, Ellen, und rechne auf mich." –
Als Helmstedt am andern Morgen erwachte, war es ihm, als müsse er einen wunderschönen Traum gehabt haben, bis ihm plötzlich die Erinnerung das Bild des vergangenen Abends vor die Seele führte. Er sprang rasch auf und warf sich in die Kleider, damit er bei der Hand sei, falls sich Ellen vor dem Frühstück allein sehen lasse, um ihr wenigstens ein paar Worte zu sagen.
Eine trübe, warme Luft empfing ihn, als er seine stube verlassen hatte und durch die hintere Tür ins Freie trat; einer jener schnellen Temperaturwechsel war eingetreten, wie er eine Eigentümlichkeit Amerika's ist. Die Bäume und Sträuche, die in zwei Tagen ihre Blätter verloren hatten, waren von Nebel umsponnen und Helmstedt fühlte einen unangenehmen Einfluss, den die veränderte Luft und das trübselige Aussehen der Landschaft auf seine eben noch so klare Stimmung ausübte. Er umschritt langsam