1859_Rupius_160_36.txt

freundlich verbeugend.

"Sie ist schon vor mehreren Stunden durch ihren Vater abgeholt worden!" war die leise, englische Antwort. – Helmstedt schwankte einen Augenblick, ob er nicht kalt und kurz seinen Abschied nehmen sollte, aber ein Gefühl, halb Neugierde, halb Teilnahme siegte darüber.

"Darf ich wohl fragen, Mrs. Morton, warum Sie so fremd und förmlich sind," fuhr er deutsch fort, "während ich mich doch so aufrichtig freue, Sie hier wiedergefunden zu haben?"

Das Gesicht der vor ihm Stehenden wurde bleich, ihre Mienen wie ihr Auge nahmen eine starre Unbeweglichkeit an. "Ich glaube, Sir," erwiderte sie, das Englisch beibehaltend, "wir haben keinen Berührungspunkt mehr gemein. Es tut mir leid, dass ich Ihnen das erst mit Worten sagen muss."

Dem jungen mann trat das Blut ins Gesicht, wie einem Schüler, der einen Verweis bekommt. "Wie Sie wünschen, Ma'am, meine Frage war von Herzen gut gemeint," sagte er, "ich bitte um Entschuldigung!" und sich leicht verbeugend, verliess er das Zimmer. Er schwang sich auf sein Pferd und sprengte im Galopp der Strasse zu; er ärgerte sich über das Wesen der frischgebackenen Dame, ärgerte sich über sich selbst, dass er ihr ein Wort gegönnt hatte und erst, als er ein Stück seines Weges zurückgelegt, dachte er wieder an Ellen, und welcher Grund wohl Elliot bewogen, seine Tochter hier aufzusuchen.

Als die Hufschläge von Helmstedts Pferd laut geworden, war Pauline Peters, die jetzige Mrs. Morton, langsam zum Fenster getreten und hatte dem Reiter nachgesehen, bis er hinter den immergrünen büsche verschwunden war. Dann fiel sie in einen der Divans, drückte das Gesicht in die Seitenkissen und brach in ein krampfhaftes Weinen aus. Sie schien gewaltsam jeden laut davon ersticken zu wollen, aber jedes Glied ihres Körpers bebte unter einem Schluchzen, in dem sich ihre ganze Seele entleeren zu wollen schien; lange lag sie so, als sie aber endlich in gewaltsamer Fassung den Kopf wieder von den Kissen erhob, legten sich zwei weiche arme um ihren Nacken. "Pauline, Mütterchen, um Christi willen, was ist dir denn?" sagte eine stimme, die in voller Teilnahme zitterte, und Pauline sah in ein paar dunkle, melancholische Augen.

"'S ist nichts, Alice!" erwiderte sie, sich zusammenraffend und versuchte ein Lächeln, "das Weinen kommt mir wohl einmal ohne grossen Grund, und da mache ich es gleich für drei Monate zusammen ab."

Das bleiche Mädchen, das vor ihr stand und die arme nicht von ihrem Nacken liess, sah ihr tief in die nassen Augen und schüttelte langsam den Kopf. "Du verhöhnst dich selbst," sagte sie, "nur um mir nicht dein Vertrauen zu schenken, und doch habe ich dich nie mehr geliebt, als eben jetztich weiss, wie das Unglück schluchzt, Paully. Als Vater mir dich als Mütterchen und als Schwesterchen mitbrachte, als du mich behandeltest wie ein krankes Kind, da hätte ich mich gar oft gern an deinem Halse ausgeweint, aber dem Gesicht war klar und froh, als hätte es noch keine Träne gesehen und dein Herz noch kein Unglück gekanntich weiss jetzt, Paully, dass auch ein lachendes Auge ein Leid verbergen kann." Und als sie ihr trübe blickendes Auge in das ihrer jugendlichen Stiefmutter tauchte, brach deren errungene Fassung wieder zusammen, Sie schlug ihre arme um des Mädchens Hals, zog sie zu sich nieder und liess den neu hervorbrechenden Tränen an ihrer Brust freien Laufaber es waren mildere Tränen, solche, die den Krampf der Seele lösen und das Herz frei machen.

"Und doch habe ich keine eigentliche Ursache, die mich hätte so ausser mir bringen können," sprach sie, sich nach einer Weile ruhiger aufrichtend und sich die Augen trocknend, "und wenn ich dir auch Alles mitteilen wollte, was in mir vorging, so würdest du mich doch nur für ein Kind halten, das noch einmal über ein liebes Spielzeug weint, das schon lange zerbrochen ist."

"Komm, Paully, erzähle mir," sagte Alice und eine leichte Röte stahl sich über ihr Gesicht, "ich habe noch nie recht in dein Herz sehen können. Mache es frei undmache mir Mut," fuhr sie mit bebender stimme fort, "dass ich bei dir eine Zuflucht suchen kann, wenn ich in meiner Einsamkeit verzweifeln will."

Pauline sah sie mit aufglänzendem Auge an. "Soll ich wirklich deine Herzensfreundin werden? Du sollst mich kennen lernen ohne Rückhalt, mit allen meinen Kämpfen; dann aber musst du auch mir einen teil von dem geben, was dich drückt, damit ich dir tragen helfe."

"Ich will, Paully, aber –" sagte das Mädchen mit einem tiefen Atemzuge, als wollte sie sich von einem beklemmenden Gefühle befreien, "aber jetzt nicht. Schlafe in meinem Zimmer heute Nacht und lass uns sprechen, wenn es dunkel ist."

Pauline küsste sie schweigend und erhob sich. – –

Helmstedt hatte die kurze Strecke bis Oaklea schnell zurückgelegt und Dick, der ihm sein Pferd abnahm, wies ihn auf seine Frage nach Elliot nach der, "Bibliotek". Helmstedt's Auge überflog die Fenster des Hauses, ob sich nicht Ellens Gesicht irgendwo zeige, aber ohne Erfolg. Es war ihm unbehaglich, schon