schienen seine eigenen Gedanken warm zu halten. Es war kaum Mittag vorüber, als er das Städtchen mit seinen weiss gefirnissten hölzernen Häusern und grünen Jalousien vor sich liegen sah. Bei seiner gestrigen Ankunft in Alabama hatte er hier schon einen halben Tag zugebracht, bis ihn Elliot durch den Schwarzen hatte abholen lassen, und er ritt jetzt demselben Hotel zu, in welchem er schon vorher abgestiegen war. Die Stadt schien der Sammelplatz aller Schwarzen aus der Umgegend zu sein; ganze Caravanen von Männern und Frauen zu Pferde in den buntesten Aufzügen durchzogen lachend und spassend die Strassen; vor den Tanzlokalen, aus denen die alten schottischen Reals von Geige und Tamburin vorgetragen wurden und das Stampfen der tanzenden Paare klangen, standen andere Haufen, derbe Spässe treibend: der Ausdruck auf allen den schwarzen Gesichtern war der einer angeborenen Lustigkeit, die unverwischlich zwischen den fleischigen Backen eingegraben zu sein schien, und Helmstedt zog unwillkürlich einen Vergleich mit dem Anblicke, den ihm die Belustigungsorte der ärmsten Klassen in Berlin und Paris geboten, mit den verhärmten weissen Gesichtern, die mit Gewalt sich zur Fröhlichkeit zu zwingen schienen oder anzeigten, dass die Wochensorgen zu kurzem Vergessen in Schnaps ertränkt worden waren. Wo er durch einzelne Haufen hindurch reiten musste, wurde ihm mit einer gutmütigen grinsenden Höflichkeit Platz gemacht, die viel eher an Familiarität als an sklavische Scheu, wie er sich das Wesen der Schwarzen früher vorgestellt, mahnte. – An dem grossen steinernen Hotel angelangt, band Helmstedt sein Pferd an einen der dazu bestimmten Pfosten, und beschloss zuerst hier seine Nachfragen über Seifert zu beginnen – Hotels waren immer das eigentliche Lebens-Element für Leute von dessen Gattung gewesen. Die "Office," nach der er sich beim Eintreten zuerst wandte, fand er augenblicklich verlassen und so schritt er nach dem Billardzimmer; aber kaum hatte er einen blick durch die offene Tür desselben geworfen, als er auch wie eingewurzelt stehen blieb.
Drinnen stand, mit dem Queue in der Hand, Seifert selbst in Lebensgrösse. Helmstedt trat wieder zurück, um nicht gesehen zu werden und überlegte. So sehr ihn das Zusammentreffen auch jeder weiteren Mühe überhob, so wenig war er doch noch darauf vorbereitet, – nach kurzer Weile schien er indessen mit sich einig zu sein und schritt, wenigstens äusserlich ruhig, durch die Türöffnung. Im Zimmer, das sein Auge rasch überflog, befanden sich ausser den Spielern an den beiden Billards, nur einzelne aufmerksame Zeitungsleser. Seifert kehrte ihm den rücken zu und pointirte den Fortschritt seines Gegners im Spiele. Helmstedt klopfte ihm leicht auf die Schulter. "Aah –!" rief dieser, sich umkehrend, als erwarte er einen Bekannten zu sehen; sobald er aber seinen Mann mit dem Blicke gefasst, begannen seine Augen gross und starr zu werden, als sähe er ein Gespenst; das Blut ging aus seinem gesicht, "Mister –?" begann er endlich mit unsicherer stimme und augenscheinlich nach Fassung ringend. "Helmstedt, if you please, Sir!" erwiderte dieser lachend, "kennen Sie mich denn nicht mehr, Seifert? Sie sehen," fuhr er deutsch fort, "Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber Menschen können sich wiederfinden."
"Helmstedt?!" erwiderte der Andere und in seinem gesicht zeigte sich ein sonderbarer Kampf, sollte er die Bekanntschaft anerkennen oder nicht.
"Ja natürlich, wer denn sonst, Mann? Ich freue mich, einmal wieder einen Bekannten zu treffen. – Sie haben mir in New-York wirklich gefehlt, wo Sie verschwanden, ohne mir nur einmal ein Wort von Ihrer Abreise zu sagen. Aber lassen Sie sich jetzt nicht stören, wir sprechen, wenn Sie mit Ihrer Partie durch sind und trinken dann eine Flasche Wein zusammen, oder irgend einen andern Stoff."
"Well, Sir," erwiderte Seifert englisch und in seiner Sprache war keine Spur von Befangenheit mehr vernehmbar "ich spreche allerdings deutsch, kann mich aber im Augenblicke nicht entsinnen, wo ich Sie schon gesehen hätte, ich bin schon viele Jahre im land, bin aber erst einmal eine kurze Zeit in NewYork gewesen – irren Sie sich nicht vielleicht in der person?"
Helmstedt starrte den Menschen einen Augenblick überrascht an – so viel Frechheit hatte er nicht erwartet. "Sie sind diesmal ein Narr, Seifert," sagte er dann, "ich will noch zwei Worte deutsch reden und dann englisch, wenn Sie's wünschen. Hätte ich Böses gegen Sie im Sinne, so wäre ein gerichtlicher Haftbefehl gegen Sie in meiner Hand gewesen, ehe ich Sie angesprochen. Sie sind ein Spieler von Profession, ich bin jetzt Familien-Mitglied eines der ersten Pflanzer hier, dessen Einfluss mir vollkommen zu Gebote steht, verstehen Sie wohl, – ich komme zu Ihnen als alter Bekannter, der Sie vielleicht sogar um einen Dienst bitten möchte, – spielen Sie jetzt ehrliches Spiel mit mir und ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich Ihren Spitzbubenstreich gegen mich vergessen und begraben will – wollen Sie nicht, nun, Herr Seifert, so habe ich englisch sprechen gelernt."
"Sie reden so überzeugend, Herr von Helmstedt," erwiderte Seifert, ohne eine Miene zu verziehen, "dass wirklich in meinem Gedächtniss eine Erinnerung aufdämmern will – aber entschuldigen Sie, mein Gegner wird ungeduldig, ich stehe Ihnen nachher weiter zu Diensten!" und damit wandte er sich, von Helmstedts leisem Kopfschütteln gefolgt, dem Billard wieder zu. Dieser liess sich durch den Aufwärter Cigarren bringen und