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frei aufgerichtetem kopf die Gegend überblickend, Helmstedt sich mit seinem Pferde beschäftigend. Er hätte gern ein Gespräch angeknüpft, aber ihm waren, als er die schlanke Gestalt seiner Begleiterin betrachtete, deren Haltung und Aeusseres vollkommen ihre Stellung im Leben ausdrückte, Isaacs Bemerkungen vor die Seele getreten und daneben schoss ihm die Erinnerung durch den Kopf. "Dick kann dich auf deinem Ritte nicht begleiten," hatte Elliot den Abend zuvor gesagt – "so mag's Mr. Helmstedt tun!" – Er war im grund doch nur der begleitende Diener, der Unterschied lag nur in der Hautfarbe.

"Sehen Sie dort drüben das weisse Haus?" begann jetzt Ellen; "dort wohnt Mrs. Morton, die Sie gestern Abend gesehen; wollen wir den Weg dahin einschlagen, dass wir doch wenigstens ein Ziel haben?"

"Sie haben nur zu befehlen, Miss!"

"Befehlen!" rief sie, den Kopf rasch nach ihm wendend, "sind Sie immer so steif, Sir? Mir war's, als ich Sie gestern Abend mit dem Vater ankommen sah, als müsste nun ein Leben voll lauter Lust und Unterhaltung losgehen, und nun sprechen Sie kein Wort."

"Ich wusste wirklich nicht, Miss Elliot, ob Ihnen ein Gespräch angenehm sein würde!" erwiderte Helmstedt, dem eine Empfindung das Blut ins Gesicht trieb, er wusste nicht, war's Freude oder Aerger über sich selbst.

"Ich glaube, Sie haben einen ganzen Sack voll New-Yorker seinen Ton nach unserem Hinterwalde mitgebracht!" rief sie lachend, "was wollen denn zwei Menschen anders tun als sprechen, wenn sie allein mit einander auf der Strasse sind? Lassen Sie uns schärfer zureiten, dass wir warm werden, dann wird das Plaudern vielleicht besser gehen!" und mit einem neckischen Seitenblicke nach ihm trabte sie auch schon von seiner Seite. Ihr Begleiter liess seinem Pferde den Zügel und folgte. "Sitzen Sie wohl fest, Sir?" rief sie mutwillig, als er heran kam, und liess ihr Pferd in Galopp übergehen; – "die Strasse ist wunderhübsch eben für ein kurzes Rennen!"

"Versuchen Sie, was ich leisten kann!" erwiderte er, und dahin sausten die beiden Pferde, Helmstedt das seinige genau nach der Schnelle des ihrigen regelnd und dann und wann einen blick in ihr Gesicht werfend, aus dem das lebendige Vergnügen strahlte. Sie sprengten eben an einer Waldecke in die gänzlich offene Gegend hinaus, als das junge Mädchen ihr Pferd so plötzlich zügelte, dass Helmstedt eine kurze Strecke vor ihr vorbeischoss. Umwendend sah er, wie sie ihr schnaufendes Tier zum Stillstand nötigte und scharf nach einem gegenstand vor ihnen auf der Strasse blickte. "Dort kommt der unangenehmste Mensch, den ich nur kenne," sagte sie und strich sich das Haar aus dem erhitzten gesicht, "er muss uns schon gesehen haben, sonst wendete ich geradewegs wieder um! Bitte, Mr. Helmstedt, bleiben Sie hart an meiner Seite, damit er mich wo möglich gar nicht anspricht."

Ein Stück vor ihnen kam ein Reiter auf sie zu, es waren bekannte Gesichtszüge für Helmstedt, wenn er auch nicht gleich wusste, wo damit hin, bis ihm plötzlich die Erinnerung den Abend vor seiner Beraubung in New-York vorführtees war Baker, Seiferts damaliger Begleiter. Zu weiteren Gedanken hatte er nicht viel Zeit, denn Ellen ritt bei Bakers Nahen hart an die Feldeinzäunung längs des Weges, augenscheinlich um an dieser Seite keinen Platz neben sich zu lassen, und forderte ihren Begleiter mit einem Blicke zum Folgen auf. "Jetzt ist die Zeit zum Plaudern da, Sir," sagte sie und bog sich, als wären sie schon jahrelange Bekannte, zu ihm, "ich werde Ihnen erst eine ganze Menge erzählen, wenn auch nicht viel Sinn darin ist; die Hauptsache ist, dass wir gar nicht tun, als bemerkten wir den Mann; und nun geben Sie mir auch eine Antwort, dass die Sache natürlich aussieht."

"Wohnt der Herr hier in der Nachbarschaft?" fragte Helmstedt, der jetzt keiner Erfindung zur Aufnahme des Gesprächs bedurfte, – "ich habe ihn kürzlich in New-York gesehen –"

"Ich weiss wirklich gar nichts, als dass er der unausstehlichste Mensch ist," unterbrach ihn das Mädchen, "und dass meine Mama den schlechten Geschmack hat, ihn liebenswürdig zu finden und mich mit seiner Gesellschaft zu quälen."

"Guten Morgen, Miss Elliot!" klang Bakers stimme, der mit seinem Pferde vor dem ihrigen hielt, dass es zum Stillstand gezwungen war, "ich wollte mir eben das Vergnügen machen, Ihnen in Oaklea einen Besuch abzustatten."

"Well, Sir, Sie finden Mama zu haus," erwiderte das Mädchen, ohne ihn anzublicken, "wollen Sie uns nur jetzt den Weg frei machen!"

Helmstedt sah ein halbspöttisches Lächeln um Bakers Gesicht zucken. "Ich wollte aber eben nur Sie sehen, Miss Elliot, und Sie werden doch sicher so höflich sein, ein paar Worte von mir anzuhören?"

Ellens Gesicht begann sich höher zu färben, aber ihrer Entgegnung kam Helmstedt zuvor.

"Wollen Sie so freundlich sein, der Dame freien Weg zu geben, die unter meinem Schutz ist? Oder gedenken Sie hier irgend einen Zwang auszuüben?" sagte er mit fester Ruhe und trieb sein Pferd einen Schritt weiter vor.

Baker warf einen blick auf ihn