" war die Antwort.
"Hotel Park? Wo ist das?"
"kennen Sie das grösste und interessanteste Hotel New-Yorks nicht!? Sie sind wirklich noch weit zurück. Sehen Sie, so weit der grüne Rasen und die Bäume um uns reichen, erstreckt sich Hotel Park und Nachts können Sie das grosse und kleine Unglück beider Hemisphären hier einquartirt finden, hier, wo kein Schlafgeld verlangt wird. Dort hinter City-Hall, zwischen zwei ausgezeichnet schönen Bäumen, kann ich Ihnen mein bisheriges Schlafzimmer zeigen. Schade nur, dass nebenbei nicht auch für die nötigen Mahlzeiten gesorgt ist. Morgen indessen hoffe ich das Versäumte nachholen zu können, denn mich verlangt gewaltig danach, und falls Sie mich heute Abend mit einer Einladung zum Supper beehren sollten, würde ich es gern annehmen!"
Helmstedt richtete sich aus seiner gebückten Stellung in die Höhe.
"Ich gestehe Ihnen ehrlich," sagte er nach einer Pause, "dass ich nicht geglaubt hätte, einen Deutschen von Ihrer Erziehung sich so wohlgefällig im Schlamme seiner Erniedrigung wälzen zu sehen. Sagen Sie mir nur, finden Sie denn nicht selbst Ihr Leben unter aller Würde schmutzig und gemein?"
Seifert zog ein halb lächelndes, halb nachdenkliches Gesicht, langte nach dem auf der Bank liegenden Etui und zündete sich eine neue Cigarre an.
"Vom Standpunkte des deutschen Moralprincips aus mögen Sie Recht haben!" – sagte er dann; "ich huldige aber durchaus der Zweckmässigkeits-Teorie, der einzig in Amerika anwendbaren, und sobald nur der Erfolg am Ziele lohnt, ist die Art des Weges dahin, ob schmutzig oder trocken, ziemlich gleichgiltig. Ich kann Ihre Indignation vollständig verstehen, denn Sie sind noch ein Kind für Amerika; Sie werden mich aber anders beurteilen, wenn Sie später denselben Grundsatz nicht allein im Geschäftsleben, sondern auch in allen Branchen unserer Staatsmaschine durchgeführt finden. – Jetzt lassen Sie uns aber das bewusste Supper zu uns nehmen, denn ich fühle wirklich einen wahren Wolfshunger."
Sie erhoben sich und verliessen den Platz, Seifert fortwährend schwatzend, Helmstedt mit widerwilligem gesicht neben ihm hergehend. –
Am Abend des nächsten Tages sass der junge Mann wieder auf seinem alten Platz, ohne aber dem regen Treiben vor seinen Augen einen blick zu schenken. Sein bewölktes Gesicht war zur Erde niedergewandt. Das Bild von dem Schicksale so manches jungen Deutschen, das Seifert tages vorher vor ihm aufgerollt, hatte mehr Eindruck auf ihn gemacht, als er sich selbst gestehen wollte; er hatte noch denselben Abend sein Geld durchgezählt und mit Schrecken die bedeutende Abnahme desselben wahrgenommen; er hatte den Morgen darauf die Runde bei allen seinen Bekannten gemacht, um ein klares Bild von den Aussichten zu erhalten, die er habe; – aber die ganze Beute, die er heimbrachte, war: dass für den Augenblick keine passende Stellung für ihn aufzutreiben sei, dass sich aber gewiss mit der Zeit etwas finden würde, dass sich solche Angelegenheiten eben nicht zwingen liessen und abgewartet werden müssten, und dass er nur den guten Mut nicht verlieren solle. Helmstedt aber sah die Sache heute anders an als gestern und erblickte schon die Zeit vor sich, wo er, aller Existenzmittel baar, dieselben Vertröstungen werde hören müssen. Er erkannte die dringende notwendigkeit, selbst und energisch zur Gründung einer Existenz Hand anzulegen, aber wie? Er war preussischer Referendar gewesen, hatte sich während der verunglückten Revolution mit dem staat und seiner Familie entzweit und war mit der letzten Unterstützung, die ihm die väterliche Hand gereicht, ohne Plan, aber wohlgemut nach dem land der Freiheit gegangen. Er hatte gerade nicht mehr gelernt, als sein Brodstudium und eine allgemeine Bildung erforderten; alle praktischen Kenntnisse, um hier fortzukommen, fehlten ihm gänzlich. Je mehr er seine Fähigkeiten prüfte, je mehr erkannte er die Richtigkeit von Seiferts Bemerkung in diesem Punkte. Zum Lehrer an einer höheren deutschen Anstalt fehlten ihm die gründlichen Kenntnisse, als niederer Schulmeister hätte er kaum gewusst, wie zu beginnen – das war indessen doch etwas zu Erreichendes. Zum Ladendiener oder Buchhalter mangelte ihm jeder Begriff der Sache und er verstand kein Englisch; an einer Zeitung beschäftigt zu werden, war aus denselben Gründen gar keine Aussicht. Er konnte ziemlich Clavier spielen, aber wie viele brodlose Musiklehrer hatte er schon getroffen! – Schulmeister also! Aber wie dahin gelangen? Er wollte sich morgen erkundigen und von früh bis Abends danach auf den Beinen sein.
So weit war er in seinen Gedanken gekommen, als ein verdunkelnder Körper vor seinen gesenkten Kopf trat – er blickte auf und sah gerade in das Gesicht der Dame von gestern, die mit demselben neckischen Lächeln ihr Auge auf ihm ruhen liess. Unruhig, in eine neue Sprachverlegenheit zu geraten, sprang er auf, aber im reinsten Deutsch hörte er die Frage: "Heissen Sie nicht August von Helmstedt?"
"Ja, – zu Befehl – jawol heisse ich so!" antwortete er etwas verblüfft und starrte die Fragerin an, – "mit wem habe ich die Ehre –"
"Keine besondere Ehre!" erwiderte diese und zeigte lachend ihre schönen Zähne. "kennen Sie mich wirklich nicht, Herr 'August' ich heisse Pauline Peters."
"Pauline – meine kleine Nachbarin aus der Friedrichsstrasse?" rief Helmstedt halb erstaunt, halb ungläubig.
"Gerade dieselbe, die aber während der Zeit ziemlich gross geworden ist."
"Aber um Gottes willen, fräulein, was hat Sie denn nach New-York geführt?"
"O