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habe ich Ihnen zu viel Einsicht und Unternehmungsgeist, um einmal Ihr Glück in Amerika zu machen, zugetraut, und wir sind geschiedene Leute; wollen Sie dann wieder nach New-York zurück, so sollen Sie dazu in den Stand gesetzt werden, das, denke ich, wird Sie wenigstens über jede Zwangsdrohung beruhigen. Gute Nacht."

"Isaac, Sie sind mir böse," sagte Helmstedt aufstehend, "ich kann Ihnen aber versichern –"

"'S ist besser, Sie lassen die Redensarten, bei denen eben so wenig herauskommt, wie beim Danksagen," erwiderte der Pedlar nach der tür gehend, "überlegen Sie morgen ruhigSchwindelei und halben Diebstahl zu verhindern, ist, glaube' ich, gegen keines Menschen Ehreund nach Neujahr frage ich noch einmal zu." Damit öffnete er die Tür und der Zurückbleibende hörte bald darauf seine Schritte ausserhalb des Hauses. Helmstedt ging nach, um die ins Freie führende Tür wieder zu verriegeln, und suchte dann sein Bett. Lange währte es aber, ehe er einschlafen konnte. Dass der Alte sich nicht aus reiner Menschenliebe in New-York um ihn bekümmert, ihm sodann die jetzige Stellung verschafft und auch noch das nicht unbedeutende Reisegeld dazu gesandt, hatte ihm schon längst scheinen wollen, er war sogar auf irgend einen Anspruch desselben vorbereitet und entschlossen gewesen, seine Verpflichtung gegen ihn nach Kräften und auf irgend eine Weise abzutragenaber sich als Spion zu verkaufen!? Und mochte er auch die Sache im besten Lichte betrachten, mochte er sich sagen, dass zehn Andere die gelegenheit ohne zu grosse Scrupel ergriffen hätten, um sich eine Zukunft zu gründendie Grundbedingung des Geschäftes, die Spionage, blieb immer stehen und er fühlte, dass er eher zu grund gehen könne, als danach zu greifen. Mochte auch der Jude, der seinen Widerwillen nicht verstehen konnte, ihn in seiner Unkenntniss der Verhältnisse ohne Rat lassen, er wollte sein Bestes versuchen, um auf irgend einem Wege die übernommene Aufgabe durchzuführen und das Uebrige dem Schicksale überlassen. Es wurde ihm leichter, als er zu diesem Entschlusse gelangt war. Er dachte an Isaacs Bemerkungen über den Charakter der südlichen Amerikaner. Ellens frisches, süsses Gesicht trat vor ihn, wie sie in voller Zutraulichkeit ihn angelächelt und ihn zu einem Morgenritte aufgefordertwar das wirklich nur ein Sichgehenlassen, weil er in den Augen der Familie so tief stand, dass bei ihm keine Gefahr vorhanden und keine Zurückhaltung erforderlich war? Er vergegenwärtigte sich ihre klaren, dunklen Augen, um den Ausdruck darin wieder zu finden, der ihm so wohlgetan; sie standen noch vor ihm, während er einschlief und folgte ihm in seine Träume.

Viertes Kapitel.

Wiederfinden.

Es musste schon spät sein, als Helmstedt am andern Morgen erwachte. Die Sonne hatte sich durch die geschlossenen Jalousien Bahn ins Zimmer gebrochen und das Feuer, das wie es schien bei zeiten angezündet worden, war schon fast herunter gebrannt. Er sprang rasch auf und vermisste einmal wieder mit Schmerzen seine gestohlene Uhr. Bald war er in den Kleidern und ging nach dem Speisezimmer, wo Sarah bereits mit dem Aufräumen der Frühstücksreste beschäftigt war. Sie zeigte ihm lächelnd ihre blitzweissen Zähne und machte ein frisches Gedeck zurecht.

"'S ist wohl schon ziemlich spät?" fragte Helmstedt, "es tut mir leid, dass ich nicht früher aufgewacht."

"Erst neun Uhr vorüber, Sir!" erwiderte die Schwarze, "Mr. Elliot wollte haben, dass Sie nicht gestört würden."

Helmstedt trat ans Fenster und sah bereits zwei Pferde gesattelt, an einen Baum gebunden, stehener machte sich eilig an das aufgetragene Frühstück und hatte nicht einmal ein Auge für die graziösen Wendungen, in denen sich Sarah geschäftig um ihn bewegte und ihre seine Taille zeigte. "Wollen Sie wohl Miss Ellen sagen, dass ich bereit bin?" sagte er nachdem er eben nur das Notwendigste zu sich genommen, und als die Schwarze das Zimmer verlassen, trat er hinaus ins Freie. Der Morgen war kalt, auf dem Rasen waren trotz der hochstehenden Sonne noch überall Reifstreifen bemerkbar, die roten und braunen Baumblätter hingen schlaff an den Zweigen, der Frost einer Nacht schien sie vollständig geknickt zu habendarüber aber spannte sich ein reiner tiefblauer Himmel aus und verhiess einen prachtvollen Tag. – Das Rauschen von Kleidern liess Helmstedt sich umdrehen. Ellen trat eben frisch und lachend wie der junge Morgen aus dem Portico heraus und nickte ihrer Mutter, die zu einem der Frontfenster heraussah, einen Abschiedsgruss zu. Ein blaues Reitkleid sass knapp um den obern teil ihres Körpers und ein schwarzes mit einer einzigen Feder geschmücktes Hütchen keck auf ihrem kopf; die linke Hand, mit einem seinen Stulpenhandschuhe versehen, hielt das Kleid vom Boden und an der rechten hing eine kleine zierliche Reitpeitsche. "Fertig, Mr. Helmstedt?" sagte sie mit demselben klaren Lächeln vom Abend zuvor und sprang leicht auf die kleine erhöhte Platform, welche zum bequemern Aufsitzen für reitende Damen neben dem Portico errichtet war. Der junge Mann beeilte sich, ihr Pferd vorzuführen, und kaum hatte sie sich zurechtgesetzt, als sie auch schon nach einem kräftigen Schlage mit der Reitgerte davon sprengte. Helmstedt stand einen Augenblick nachschauend und bewunderte die Sicherheit mit der sie ihr lebhaftes Tier regierte, dann aber schwang er sich selbst in den Sattel und galoppirte nach. Bald ritten beide, ihre Pferde zu ruhigerem Schritte zwingend, auf der Strasse nebeneinander her, Ellen mit