1859_Rupius_160_22.txt

der Hauptstrasse ab nach Oaklea führt, trabte am Mittag des ersten Christtages ein Reiter hin, hinter ihm drein ein Schwarzer im vollen Feststaate der modernen Welt. Hatte auch der "Ofenrohr-Hut" einige Beulen und wollte der glättenden Bürste nicht mehr gehorchen, so sass er doch so keck auf dem Wollkopfe, wie der des ersten NewYorker Herumtreibers. Standen auch die Vatermörder etwas zu weit über das rotseidene Halstuch hinaus, so dass die dicken Backenknochen darauf zu ruhen schienen, so war der Contrast, den sie mit der schwarzen Haut bildeten, ein um so entschiedener, und das etwas zu viereckige Gesicht erhielt eine gewisse Abrundung; war auch der Rock etwas zu weit und nach irgend einem antiken Muster geschnitten, so stand er in um so grösserer Harmonie mit den etwas schweren Schuhen und grossen Händen und gab der ganzen Erscheinung einen Anstrich von Gediegenheit. Der Reiter vor ihm, der zwar einfach gekleidet war, aber in voller Eleganz zu Pferde sass und die freien Blicke rings umher geworfen hatte, hielt jetzt an und liess den Schwarzen herankommen. "Well, wie heisst Ihr?"

"Dick, Sir."

"Well, Dick, Ihr könnt mich schwer verstehen?"

"'S geht schon, Master, mit einem Bischen Aufpassen!"

"Ihr müsst mir sagen, Dick, wo ich nicht recht spreche!"

Der Neger verzog das gutmütige Gesicht zu einem Grinsen. "Miss Ellen wird das besser können, oder Mister Elliot, Sir."

"Wer ist Miss Ellen?"

"Ich meinte, Sie müssten sie kennen, da Sie in die Familie kommen, 's ist Miss Elliot, die Tochter von unserem Herren, sie ist so als kleines Mädchen zwischen uns aufgewachsen, dass die schwarzen Leute alle sie nur bei ihrem Vornamen nennen."

Der weisse Reiter schwieg, aber trabte schärfer zu und liess das Auge wieder über die Landschaft schweifen. Dick schlug sich auf seinen Hut, den der Wind eben wegtreiben wollte und liess sein Pferd gleichen Schritt mit dem andern halten. Er schnitt ein paarmal Gesichter, als wolle er zum Sprechen ansetzen, wisse aber nie wie. "Ich möchte Sie wohl was fragen, Misterich habe Ihren Namen schon wieder vergessen, er ist so schwer zu merken –"

"Helmstedt heisse ich" antwortete der Andere. "Mr. Helmstedt, Sie müssen's doch wissen, da Sie von New-York kommen," fuhr der Schwarze fort und sein ganzes Gesicht verwandelte sich in eine Miene von halber Verlegenheit und halber Neugierde – "ist es wahr, dass die Schwarzen dort alle Herren sind?"

"Well, sie sind frei, aber wenn sie nicht scharf arbeiten, oder neben den vielen weissen Arbeitern, die's dort gibt, keine Arbeit bekommen, müssen sie Not leiden, so gut wie jeder Andere. Ich habe schon manchen alten Schwarzen an den Ecken betteln sehen."

Dick kratzte sich in den Haaren, dass ihm beinahe der Hut wieder vom Ohre flog. "Aber es soll doch Leute geben, die für die schwarzen Menschen sorgen, wenn sie hinkommen?"

"Weiss nichts davon, Dick, sie würden's doch wohl erst für Ihre weissen Brüder tun, und unter denen ist bei Manchem das Elend so gross, dass er sich aus Verzweiflung das Leben nimmt."

Dick zog wieder ein paar Gesichter, deren Ausdruck wohl der grösste Physiognom nicht hätte classificiren können, rückte bald vor- bald rückwärts auf dem Sattel, sagte aber kein Wort, bis sich auf dem nächsten Hügel Oaklea vor ihnen zeigte. Einzelne Jauchze wurden von dort hörbar, und dann und wann trug auch der Wind Geigenklänge und helles lachen herüber. "Das ist unser Haus, Sir!" sagte er und seine Blicke schienen den Eindruck desselben in Helmstedts Gesicht zu beobachten, "'s ist jetzt lustige Zeit da."

Helmstedt übersah mit glänzendem Auge die Landschaft, tat dann einen langen Atemzug und sprengte im Galopp dem Orte, von dem er eine neü Heimat erwartete, entgegen.

Die kurze Entfernung bis zum Landhause war bald zurückgelegt. An dem geschmackvollen weissen Stakkete, das die Gartenanlagen, welche das Haus umgaben, von der übrigen Besitzung abschloss, sprang Dick vom Pferde und öffnete das Gartentor. Ein breiter Kiesweg führte von hier dem haus zu, wo ein Mann, der in dem Portico auf- und abging, die Ankommenden bereits zu erwarten schien.

"Freut mich, dass Sie da sind, Sir!" rief er mit einem kurzen musternden Blicke, als Helmstedt vom Pferde stieg und warf dem ihm nachgekommenen Schwarzen die Zügel desselben zu. "Ich heisse Elliot."

Helmstedt verbeugte sich und drückte herzhaft die dargebotene Hand, – die stattliche Gestalt und der freundliche, biedere blick des Mannes hatten einen wohltuenden Eindruck auf ihn hervorgebracht.

"Ihre beiden Koffer sind schon hier," fuhr Elliot fort; "der Bursche, der sie holte, ist den kürzeren Weg durchs Holz gefahren und Ihnen zuvorgekommen; dem schwarzen volk macht das Christfest alle Gelenke noch einmal so geschmeidig als sonst. 'S ist Feuer in Ihrem Zimmer und was sonst nötig ist, wenn Sie sich den Staub herunterschütteln wollen," fuhr er fort, "und wenn Sie mit mir kommen wollen, zeige ich Ihnen den Weg."

Der junge Mann folgte durch das Haus nach einem der Seitenflügel, wo Elliot eine Tür zu ebener Erde vor ihm öffnete. "