Sie aber, lieber Freund? In einiger Zeit sind Sie vielleicht genau in demselben Zustande, ohne aber die Mittel zu besitzen, sich zu helfen, wie ich es kann. Sie verschleudern jetzt Zeit und Geld, um hier eine Stellung für Sie zu finden, wie sie gar nicht existirt. Sie leiden an derselben Krankheit, woran jährlich Hunderte von gebildeten jungen Deutschen hier zu grund gehen. Hacken und graben mögen sie nicht, ein Handwerk versteht Keiner, nach dem Westen zu gehen fürchten sie sich und nun suchen sie noch Stellungen als Ladendiener, Schreiber, Lehrer oder dergleichen, ohne auch nur das Haupterforderniss, das Verständniss der Landessprache, zu besitzen. Das dauert so lange, als das mitgebrachte Geld vorhält, und die Hoffnungen schwinden erst, wenn der Credit im Boardinghause gekündigt wird. Dann folgt noch eine kurze Zeit des Strassenelends und Mancher, der nicht den moralischen Mut hat, als letztes Mittel zur Hacke zu greifen oder Knecht auf einer Farm zu werden, macht seiner Not durch einen Sprung in den Nort-River ein Ende. Welche Hilfsmittel haben S i e denn, Verehrter, wenn Ihre jetzigen Baaria zu Ende gehen und sich nicht ein ganz besonderer Zufall Ihnen entgegenwirft? Man denkt in der Regel nicht eher an die trübe Zeit, bis sie ins Zimmer herein sieht."
Helmstedts Gesicht war nachdenklich geworden. "Sie malen schwarz, Seifert," sagte er nach einer Weile; "ich habe mir indessen schon manche Freunde erworben, die mir ihre Hilfe zugesagt, und ich denke, ich will doch wenigstens den Anfang zu einer Existenz gewinnen, ehe ich ganz auf dem Trockenen sitze. Uebrigens," fuhr er lebendiger fort, "haben S i e denn so grosse Resourcen? Sie scheinen mir den Prediger zu machen und auch in eigener person die abschreckenden Beispiele darzustellen."
"Durchaus fehlgeschossen," erwiderte der Andere ernstaft und schnippte die Asche von seiner Cigarre. "Ihre Freunde werden Ihnen nichts nützen, sondern Sie im Gegenteil früher ruiniren, da sie Ihnen das Geld durchbringen helfen. Trauen Sie darin meiner Erfahrung. Was meine geringe person aber betrifft, so sollen Sie gleich anderer Meinung werden. – Sie wissen, ich musste Deutschland meiner Ueberzeugungen und einiger zufälliger Schulden wegen verlassen, brachte indessen noch so viel baares Kapital hierher, um für einige Monate mich sorglos in das hiesige Treiben stürzen zu können. Ohne Selbstlob muss ich sagen, dass ich bald die Verhältnisse richtig beurteilen lernte, besonders da das unglückliche Ende zweier Bekannten mich mit der Nase auf die rechte erkenntnis stiess. Ich beschloss, vor allen Dingen Amerikaner zu werden, besuchte nur amerikanische Trinklokale und hatte bald vermöge meines offenen Beutels einen Kreis von 'first rate boys' als Freunde um mich. Sie rechneten es sich zur Ehre, mich bei ihren verschiedenen Freundinnen einzuführen und schon nach dem ersten Champagner-Supper und einigen splendiden Landpartien, die ich veranstaltete, rissen sich die Mädchen um den 'Grafen', unter welchem Titel ich allgemein passirte, und der Graf hatte Tag und Nacht überall freien Eintritt. Innerhalb der ersten drei Monate schon sprach ich perfect englisch und war au fait in den New-Yorker Geheimnissen – es gibt keine besseren Lehrer für Beides als zärtliche Mädchen und flotte Jungen. Vier Wochen später war indessen auch mein Geld zu Ende, meine Freunde zogen sich bis auf wenige zurück, wie ich es erwartet, meine Freundinnen aber konnten den 'nobeln Grafen' nicht so schnell entbehren. Jede wollte mich jetzt zu ihrem besonderen Galan haben, um mich zu ernähren und auf der Strasse mit mir Staat zu machen. Ich verbrachte ein Jahr in wahrer Schmetterlingsexistenz, von einer Blume zur andern flatternd. Da musste ich die Torheit begehen, mich von einer neu angekommenen Creolin für längere Zeit fesseln zu lassen und dadurch die ganze Zahl meiner übrigen Herrinnen gegen mich aufzuregen – die Folge davon sehen Sie in meiner jetzigen Lage, wie ich Ihnen vorhin mitteilte. Indessen hat das nichts zu sagen. Mehrere gute Hotels, die in meiner Bildung und Attitude, verbunden mit einer gründlichen Kenntniss der Stadt, ein brauchbares Werkzeug für sich erkannten, haben mir schon früher Vorschläge machen lassen; indessen habe ich mich erst heute entschlossen eine dieser Anerbietungen anzunehmen, da diese mir eine bestimmte Aussicht für die Zukunft gibt. Ich werde morgen abschliessen und hoffe bestimmt in zwei Jahren mein eigenes gutfundirtes Etablissement zu besitzen."
"Und in welcher Eigenschaft werden Sie dort sein?" fragte Helmstedt, den Kopf in die Hand stützend.
"In einer rein menschenfreundlichen!" antwortete Seifert und warf das letzte Endchen seiner Cigarre weg. "Ich werde erstens den ankommenden Fremden zu einem guten Hotel verhelfen, zweitens aber ihr Beistand in allen Verlegenheiten des Fleisches oder Geldbeutels, überhaupt in allen Dingen sein, die nicht in das öffentliche Geschäftsleben hineinpassen."
"Das heisst einfach, Sie werden Runner, Kuppler, Wuchergehilfe und dergleichen werden."
"Was wollen Sie, lieber Freund? Wir sind in Amerika und jedes geldbringende Geschäft ist achtungswürdig – nur die Dummheit wird hier gebrandmarkt. Uebrigens können Sie unter unseren Upper Tens Manchen finden, der mit nichts Besserem angefangen hat, und ich habe eine gewaltige achtung vor diesen Leuten."
Helmstedt drückte mit einem tiefen Atemzuge die Hand vor die Augen. "Wo logiren Sie denn, Seifert, seit Sie Ihr Boardinghaus verlassen haben?" fragte er nach einer Weile, als wolle er das eingetretene Schweigen unterbrechen.
"Vorläufig im Hotel Park!