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Henry, ich kenne Ihre ganze Schlechtigkeit und doch zwinge ich mich oft nicht daran zu glauben. Meinetwegen sind Sie doch heute nicht hierher gekommen," fuhr sie mit einem leichten Zittern in der stimme fort, "was ist denn also der eigentliche Grund Ihres Besuches?"

Der Mann hatte nur zu Anfang ihrer Rede einen blick in ihr Auge geworfen und es dann vermieden. Jetzt sprang er von seinem stuhl auf und ging, wie mit einem Entschlusse nicht ganz fertig, zweimal das Zimmer auf und ab. "Alice," sagte er endlich, an einer der Glastüren stehen bleibend und ins Freie schauend, "ich brauche etwas Geld, können Sie mir einiges geben?"

Alice sah rasch auf und sank dann, von aller Spannkraft verlassen, in sich zusammen. "Ich habe kein Geld Mr. Baker," erwiderte sie langsam, "Vater kommt erst nächste Woche zurück und ich habe kaum genug, um unsere Ausgaben zu bestreiten."

"Sie werden doch vielleicht etwas haben, Miss Morton, wenn ich Sie darum bitte!" erwiderte er, ohne seine Stellung zu verändern.

"Ich habe nichts, wie ich Ihnen sagte!"

"Oder werden für die Hausbedürfnisse sich anderwärts etwas anschaffen können."

"Ich kann nicht, ohne mich allerlei Vermutungen auszusetzen."

"Besser ungegründete Vermutungen, als gegründetes Gerede!"

Das Mädchen fuhr im Schaukelstuhl in die Höhe wie von einer Schlange gestochen. "Henry," sagte sie, sich todtenblass erhebend, "Henry, Sie sind ein Teufel!"

"Warum denn nun gleich ein Teufel?" sagte er, sich mit dem früheren hässlichen lachen umdrehend. "Sagen Sie, Alice, haben Sie mich nicht früher oft genug einen Engel genannt, und jetzt, weil ich einen kleinen notwendigen Liebesdienst von Ihnen fordere, muss ich so verändert sein?"

"Aber ich kann doch nicht, ich weiss nicht einmal den geringsten Vorwand, Geld irgendwo zu verlangen."

Baker zuckte die Achseln. "Wie Sie wollen, Miss Morton!" sagte er kalt und ging nach dem Ausgange.

Des Mädchens Augen folgten ihm weit aufgerissen. "Henry!" rief sie, als er ohne Zögern die Tür öffnete.

"Miss Morton?" erwiderte er, sich halb umdrehend. Sie warf einen blick voller Angst in sein eiskaltes Gesicht, dann liess sie den Kopf sinken, ging langsam nach dem eleganten Schreibtische, der an der Wand des Zimmers stand, nahm ein silbernes Portemonnaie heraus und legte es obenauf. Ohne nach dem Anwesenden einen blick zu tun, deutete sie mit der Hand darauf, fiel dann in den Schaukelstuhl und schlug beide hände vor das Gesicht. Baker trat in das Zimmer zurück und schloss die tür. "Ich bitte Sie, Alice," sagte er, "machen Sie mir keine Scene; ich will kein Geld von Ihnen erpressen, sondern es freundlich von Ihnen erhalten haben. Ich habe Ihnen weder mit etwas gedroht, noch ein unschönes Wort gesagt, merken Sie das wohl, Alice, ich habe Sie nur gebeten. Kommen Sie und geben Sie es mir in einer Art, wie es unter so guten Freunden, wie wir gewesen sind, Stil ist."

Das Mädchen zuckte wie unter verhaltenem Schluchzen zusammen. "Nehmen Sie, dort legt es," sagte Sie endlich langsam, "aber tödten Sie mich nicht noch."

Baker sah einen Augenblick scharf prüfend auf sie, zuckte dann die Achseln und leerte das Portemonnaie, jede Banknote glatt legend, sie durchzählend und sorgfältig in sein Taschenbuch steckend. "Ich danke vorläufig, Alice!" sagte er dann und verliess das Zimmer. Als er sein Pferd auf dem Hinterplatze losband, kam von der Seite des Portiko her, auf den sich einzelne mit Jalousien geschlossene Glastüren des Parlors öffneten, den Baker eben verlassen, ein unter der Last seines Kastens gebückter alter Pedlar und ging, ohne aufzusehen, nach den Hütten der Schwarzen zu, die einige hundert Schritte hinter dem haus ihren Anfang nahmen. – –

Eine halbe Meile weiter dem Gebirge zu, aber näher dem Flusse, lag auf einer Erhöhung ein zweites Landhaus, das kaum mit dem dach über den Kranz von Eichen, der die untere Hälfte des Hügels einsäumte, heraussah. Nach diesem Eichenschmuck trug es auch seinen Namen: Oaklea. Kaum hundert Schritte dahinter, wo es wieder talabwärts bis zu einem krystallklaren Gebirgsbache ging, standen die Negerhütten, ein kleines Dorf bildend, über den ganzen Abhang hingestreut, jede "Hütte" mit einem eingezäunten platz, in dem sich Schweine und oft ein ganzes Volk Federvieh herumtrieben, und einem Gemüsegarten versehen. Dem fremden Beschauer, der hindurchwandelte, fiel zuerst die eigentümliche Ordnung und Sauberkeit auf, die überall hervortrat; die kleinen Häuser, obgleich nur aus rohen Stämmen aufgebaut, hatten spiegelklare Fenster, oft mit Vorhängen versehen, und hier und da rankten sich ausserhalb immergrüne Schlingpflanzen daran bis zum dach empor; die Einzäunungen verrieten eine sorgsame Unterhaltung und wo an einzelnen Plätzen die offene Tür einen Einblick ins Innere der Hütten gestattete, traf das Auge auf ein sauberes Bett und an vielen Orten auf alte, aber reingehaltene Fussteppiche.

Das Abenddunkel war schon hereingebrochen, als zwischen den Negerhütten hervor ein hoher, stattlicher Mann dem Landhause zuritt. Als er einen der hintern Seitenflügel desselben, worin Küche, Waschhaus und die Vorratskammern sich befanden, erreicht hatte, hielt er das Pferd an und sah scharf nach einem gegenstand hinter dem