als würde jede einzelne Wurzel seiner Haare lebendig.
"Habe Sie denn gar kein Geschäft?" begann der Alte an seiner Seite das Gespräch wieder. Helmstedt schüttelte den Kopf. "Ich bin im Gerichtsfach in Preussen angestellt gewesen," sagte er, "und das kann ich hier nicht brauchen."
"Nun, habe Sie denn nicht irgend einen Gedanken gehabt, wie Sie hier Ihr Leben machen wollen?"
"Ich habe gedacht, es würde sich irgend eine Stelle für mich finden, wie so viele Andere auch ihr Leben durchbringen, aber das Schlimmste ist, das ich kein Englisch verstehe."
"Ja, was wolle Sie denn jetzt anfange?" fragte der Jude kopfschüttelnd; "an der Eisenbahn oder am Kanal könne Sie doch nicht arbeiten, da ist mit solchen Händchens nichts zu mache – so geht's nun den grossen Herren, wenn's einmal heisst: hilf dir selber!"
Helmstedt warf einen blick auf seinen Begleiter und presste dann die Lippen aufeinander, ohne zu antworten. Der Alte sah ihn von der Seite an. "Ja, das tut weh, weil's den Stolz beisst!" sagte er, "und der müsste auch erst ganz tot sein, ehe's eine Möglichkeit wäre, dass Ihnen irgendwie geholfen werden könnte!"
Helmstedt liess mit zusammengezogenen Augenbrauen noch einmal den blick über die reinliche aber schäbige Kleidung seines Begleiters laufen und blieb dann stehen. "Ich danke Ihnen für den Dienst, den Sie mir erwiesen haben," sagte er, "aber ich finde jetzt schon einen Bekannten, der mit mir nach der Polizei geht."
Der Alte nickte mit dem kopf. "Sehen Sie, der Stolz schlägt hinten und vorn aus, trotz Ihrer Not! Sie haben mir doch gesagt, dass Sie Niemand wissen, der Ihnen einen bestimmten Rat für Ihr Fortkommen geben kann, und doch schieben Sie mich fort, bloss weil ich Ihnen gradaus ein bischen sage, was Sie hören müssen."
"Ja, lieber Himmel, können S i e mir denn etwa helfen oder raten?" rief Helmstedt, ungeduldig aber von einer unbestimmten Hoffnung berührt, "und warum nehmen Sie denn gerade an mir solchen Anteil?"
"Da doch der Jud' nichts ohne Profit tut, meine Sie?" sagte der Alte weitergehend. "Nun, ich hab' vielleicht meinen Profit dabei, wenn auch bei Ihnen jetzt nichts zu holen ist. Sie sind ein Mann, der's Herz grad hat, wo's sein muss, auf einem bessern Fleck, als viele von Ihren Christenleuten, das hab' ich bloss an der kleinen Sache mit meinem Schwestersohn gemerkt und in Ihrem gesicht steht auch noch was geschrieben. Ob ich aber mit all' meinem guten Willen helfen kann, das muss erst untersucht werden. Sie müssen mir sagen, was Sie gelernt haben, dann sage ich Ihnen meine Meinung, und ob Sie die annehmen wollen, ist nachher Ihre Sache!"
Helmstedt strich mit der Hand über das Gesicht. Die Rede seines Begleiters war ihm bald wie das blosse Wichtigmachen eines aufdringlichen Menschen vorgekommen, bald hatte aber auch wieder eine Sicherheit mit halbem Spott gemischt darin gelegen, die ihn beleidigte und doch unwillkürlich imponirte.
"Ich kann eben nichts, als was man auf deutschen schulen und Universitäten lernt, ich hab's Ihnen schon gesagt," erwiderte er, "und ein bischen Clavierspielen daneben; sollten Sie nicht wirklich eine Hoffnung für mich haben, so lassen Sie uns lieber das Gespräch abbrechen, damit mir wenigstens eine neue Täuschung erspart wird."
"Ja, wenn Sie aber hier in Amerika Ihren Weg machen wollen, so dürfen Sie nicht so kurz gebunden sein, dürfen keine gelegenheit fortstossen, wo vielleicht was für Sie herausspringen könnte, wenn's auch zehnmal nichts damit ist. Sie verlieren doch nichts dabei, wenn wir hier mit einander sprechen?"
Helmstedts Gesicht färbte sich höher, aber er schwieg. "Sie spielen Clavier, da wird die Sache für jetzt schon gehen," fuhr der Alte fort. "Ich habe Bekannte, die Ihnen einen Verdienst als Clavierspieler in einer ordentlichen Bierwirtschaft verschaffen können – mehr werden Sie aber verdienen, wenn Sie in einem schlechten haus spielen wollen; Sie sind gerade wie gemacht, um bei den Mädchens dort nebenbei den 'Grafen' vorzustellen und Sie können da ein ganz gutes Leben haben."
Helmstedt schüttelte den Kopf. "Ich mag mit derartigen Dingen nichts zu tun haben, wenn's auch zum Schlimmsten kommen sollte," sagte er finster, "aber selbst wenn ich mich in ordentlichen Bierhäusern als Clavierspieler herumtreibe, so ist das wohl etwas um augenblicklich Essen und Obdach zu verdienen und ich muss Jedem danken, der mir irgendwo zu so einem platz verhilft – was es dann aber mit meiner Zukunft werden soll, weiss ich nicht, ich lerne nirgends dabei und kann doch nicht ewig zum Bier Musik machen?"
Der Alte nickte wieder. "'S ist schon recht!" sagte er. "Mit dem Clavierspielen werden Sie aber doch wohl anfangen müssen, erst muss einer für morgen sorgen, ehe er an über's Jahr denkt. Das Musikmachen dauert nur den Abend über und Sie haben den ganzen Tag für sich. Ich habe noch einen andern Bekannten, der Sie wohl in seinem Store arbeiten liesse, wenn er nichts dafür zu bezahlen brauchte, wo Sie aber geschwinder Englisch