1859_Rupius_160_10.txt

um reine Wäsche herauszunehmen, stutzte aber, als er den bisher wohlgeordneten Inhalt wild durcheinander gewühlt fand. Einen Augenblick überlegte er, ob er selbst vielleicht die Ursache habe sein können, im nächsten aber fuhr er nach der Ecke, wo er seinen Geldvorrat aufzubewahren pflegteder Beutel war verschwunden. Sein Gesicht entfärbte sich und seine Hand blieb wie gelähmt, wo sie gesucht hatte, dann aber riss er die einzelnen Stükke aus dem Koffer, jedes ausschüttelnd mit immer grösserer Hast, dazwischen nochmals in die Ecke fühlendaber Alles war durchsucht und die Börse blieb verschwunden. Helmstedt stand da, einer Statue gleich in den leeren Koffer starrend.

Plötzlich schien ein zweiter Gedanke durch seinen Kopf zu zucken. Er fuhr auf und liess mit Blitzesschnelle den blick über alle Gegenstände im Zimmer laufen, nahm mit Hast seine umherliegenden Kleidungsstücke vom Tische und den Stühlenes war seine goldene, mit aus Deutschland gebrachte Uhr, die er suchte; aber auch davon war nirgends eine Spur zu entdecken, und als ihm die Gewissheit eines Raubes vor die Seele trat, der ihn aller Existenzmittel baar hinstellte, nahm er seinen Kopf zwischen beide hände, als fürchte er, er möge ihm zerspringen. "Ruhig, August!" sagte er nach einer kurzen Weile, sich gewaltsam fassend, "es muss sich irgend eine Spur des Täters entdecken lassen, wenn ich nur erst eine einzige Erinnerung finde, wie ich nach haus gekommen bin! Ruhe, August!" Er suchte seine Kleider zusammen und fühlte das Portemonnaie in einer seiner Taschenaber ausser einigem kleinen Geld war nur ein einfacher Papierdollar darinlangsam und mit Anstrengung die Scenen des vergangenen Abends zurückrufend, vollendete er seinen Anzug; so viel er aber sein Gedächtniss quälte, nicht ein Funke, der Helle über seinen Heimgang verbreitet hätte, wollte herausspringen. "Keinesfalls bin ich also allein gekommen, es war spät, die Haustür muss verschlossen gewesen sein und irgend Jemand im haus, der geöffnet, muss Auskunft geben können." Das war der Schlussgedanke, der ihm wenigstens etwas von seiner gewöhnlichen Haltung wieder zurückgab. Eben wollte er seinen Hut nehmen, um die nötigen Erkundigungen beim Wirte einzuziehen, als es klopfteder Judenknabe vom Broadway, seinen Korb am Halse, sah durch die geöffnete Tür herein und reichte ihm schweigend die Karte hin, die er tages zuvor von dem jungen mann erhalten. "Bob, du kommst zu einer schlimmen Zeit!" rief Helmstedt und konnte ein Zukken in seinem gesicht, als sei ihm das Weinen nahe, nicht verhindern – "sieh her, ich bin diese Nacht um mein ganzes Geld und um meine Uhr bestohlen worden, ich bin jetzt noch ärmer als du, denn du hast doch wenigstens einen Erwerbszweig!" Der Junge liess die grossen schwarzen Augen über die Verwirrung im Zimmer und über Helmstedts Züge laufen, als dieser aber sein Portemonnaie zog und sagte: "Da ist wenigstens eine Kleinigkeit für deinen Weg!" schüttelte er mit einem ernsten "No Sir!" den Kopf, warf noch einen blick über das Zimmer und schloss die Tür wieder.

Helmstedt ging ins Gastzimmer hinab, liess den Wirt rufen und teilte ihm in möglichster Fassung das Geschehene mit; der Mann sah ihm einen Augenblick scharf in das bleiche Gesicht und rief dann den Porter. Es sei spät in der Nacht gewesen, erzählte dieser, als er auf das Anziehen der Klingel die Tür geöffnet; derselbe Herr, mit dem Helmstedt gestern Abend ausgegangen, habe ihn, der total betrunken gewesen sei, zur Tür hereingeführt, habe sich von ihm, dem Porter, ein Stück Licht und den Schlüssel zum Zimmer geben lassen und sodann den Betrunkenen mühsam zur Treppe hinauf transportirtnach kurzer Zeit sei er aber wieder herunter gekommen und habe ihn zur Hilfe geholt, da Helmstedt ganz besinnungslos sei und er ihn nicht allein weiter bringen könne. Helmstedt habe auf einem Absatz der Treppe gelegen und von dort hätten ihn Beide nach seinem Zimmer getragen, hätten das Stück Licht an der Gasflamme angebrannt und ihn dann ins Bett gelegt. Der Herr sei sodann mit ihm, dem Porter, wieder die Treppe herabgekommen, und er habe ihn zur Haustüre hinausgelassen. – Helmstedt hatte mit peinlicher Aufmerksamkeit dem Berichte zugehört.

"Und ist der Mann, der mich brachte, nicht allein im Zimmer gewesen?" fragte Helmstedt nach einer augenblicklichen Pause.

"So viel ich weiss, nicht," war die Antwort. "Er gab mir den Schlüssel, als wir hinaufkamen, und ich schloss auf, da er Sie beim kopf trug; nachher sind wir zusammen heruntergegangen."

"Haben Sie meine Uhr beim Auskleiden nicht bemerkt?" fragte Helmstedt.

Der Porter dachte einen Augenblick nach. "Ich glaube nicht, dass ich etwas von einer Uhr überhaupt gesehen habe."

"Und die Tür ist die ganze Nacht offen geblieben?" fragte Helmstedt weiter.

"Ja natürlich, ich konnte Sie doch nicht einschliessen!"

Der Wirt schüttelte den Kopf. "Es hätte mir nichts Unangenehmeres begegnen können," sagte er, "aber für die Leute im haus möchte ich mich verbürgen. Wo war Ihr Kofferschlüssel, als Sie gestern ausgingen?"

"In meinen Beinkleidern!"

"Und wo war er heute Morgen?"

"Noch an derselben Stelle in meiner tasche!"

"Haben Sie wieder geschlafen, während der Herr hier von dem andern die Treppe allein hinaufgebracht wurde?" wandte sich der Wirt an den Porter