Otto Ruppius
Der Pedlar
Roman aus dem amerikanischen Leben
Prolog.
Es war an einem Abende in der Mitte des Septembers 1849, als unter den Bäumen des Parks vor City-Hall in New-York ein junger Mann lässig auf einer der dort angebrachten Bänke ruhte. Er hatte den Strohhut abgenommen und das volle dunkle Haar der Abendluft preisgegeben. Die Sommerkleidung, die er trug, war sauber und von elegantem Schnitte und das strohgelbe seidene Halstuch, über welches zwanglos der blendend weisse Kragen fiel, stach gefällig von seinem leicht gebräunten, kräftigen Halse ab. Eine fein geschnittene Nase, mit dem schwarzen, wohlgepflegten Schnurrbarte darunter und den regelmässig gezeichneten Brauen darüber, gaben seinem gesicht einen Anstrich von Noblesse, während die zwei Furchen an der Nasenwurzel und das leicht in die Höhe gezogene Kinn ihm den Charakter einer festen Bestimmteit aufdrückten.
Seine Augen hatten bisher planlos über alle die Gestalten, welche geschäftig den Platz durchkreuzten, hinweg geschweift; in diesem Augenblicke aber waren sie plötzlich auf einem Punkte haften geblieben, der sein besonderes Interesse zu erregen schien. Vom Broadway aus war eine der fashionable gekleideten Damen, wie sie diesen teil der Stadt bevölkern, in den Park getreten und bog jetzt in einen Seitenweg ein, der dicht an dem Sitze des jungen Mannes vorüberführte.
"Da ist sie wahrhaftig wieder, und dies ist heute der dritte Abend, an dem sie um dieselbe Zeit kommt!" brummte der Dasitzende vor sich hin. "Wäre ich eitel, so könnte ich denken, ich hätte eine Eroberung gemacht!"
Die Dame näherte sich. Unter dem eleganten Hut sah ein frisches, kokettes Gesicht hervor und den kleinen aufgeworfenen Mund umspielte ein Lächeln der Befriedigung, als sie den Inhaber der Bank bemerkte. Ihr Schritt zögerte, als sei sie ungewiss, was zu tun; doch wie in raschem Entschlusse trat sie plötzlich heran und wandte sich mit einigen halblauten Worten an den jungen Mann. Der war überrascht aufgesprungen, denn er konnte nur in peinlicher Verlegenheit den Kopf schütteln; er wusste wohl, was er höre, sei englisch, aber er verstand bis jetzt noch kein Wort davon. Ein neues Lächeln umspielte den hübschen Mund vor ihm – sie liess die Augen prüfend über sein Gesicht laufen, fast etwas zu dreist, wie es ihm scheinen wollte; als sich jetzt aber die Schritte eines Dritten der Bank näherten, wandte sie sich mit einem "Beg your pardon, Sir!" weg und ging davon.
Der Andere sah ihr kopfschüttelnd nach, bis ihn ein Schlag auf die Achsel aus seiner Verwunderung riss.
"Guten Abend, Herr von Helmstedt, wie geht's Hochdenen?" klang die stimme des Angekommenen, der indessen in seinem abgetragenen, bis an den Hals zugeknöpften Rocke und dem alten schwarzen hut, der schon teilweise der Krempe untreu geworden war, einen auffallenden Contrast mit dem Ersteren bildete. "Ich sehe, Sie bewundern die schöne natur in allen ihren Branchen," setzte er hinzu, mit dem kopf nach der forteilenden Frauengestalt hindeutend, "es sollte mir leid tun, wenn ich gestört hätte!"
"Hat nichts zu sagen," erwiderte Jener und nahm seinen früheren Platz ein, "ich möchte mich nur todtärgern, dass ich so ein Dummkopf im Englischsprechen bin. über zwei Monate schon treibe ich mich hier herum und kann noch nicht einmal eine einzige Frage verstehen!"
"Ich habe Ihnen das vom Anfange an prophezeit," sagte der neue Gefährte, indem er sich mit der aristokratischen Nachlässigkeit eines Berliner Gardelieutenants auf die Bank warf, "Sie wollen aber von meiner Metode, schnell und gründlich in die Geheimnisse der Sprache zu dringen, nichts wissen. Apropos! Haben sie nicht eine Cigarre bei sich? Ich war heute zufällig etwas zu derangirt, um mir neuen Vorrat kaufen zu können, und ich vermisse lieber eine Mahlzeit, als meine gewöhnliche Cigarre."
Helmstedt hatte ihm schon sein Etui hingehalten, aus welchem sich der Andere bediente, hierauf in seiner sich bescheiden verbergenden Weste ein Schwefelholz suchte und bald mit der Miene eines Kenners den blauen Rauch in die Luft blies. "Ja," fuhr er dann behaglich fort, "ich bin doch kaum achtzehn Monate länger hier als Sie, aber ich kann wirklich sagen, dass ich in den meisten New-Yorker Verhältnissen vollkommen zu haus bin, und meine augenblickliche Lage würde auch eine bessere sein, hätte ich in den letzten Monaten nicht positives Malheur gehabt. Erstlich hatte meine letzte Freundin, deren wohnung ich teilte, die seltsame Marotte, dass ich ihr Geld nicht zum Spiele verwenden solle – und als ich ihr darin nicht willfahren konnte, finde ich mich am Morgen nach einer etwas wilden Nacht allein in dem vollkommen ausgeräumten Quartiere, verlassen von dem tollen Mädchen und von allen Existenzmitteln. Ich gehe nun notgedrungen in ein Boardinghaus, werde aber hier schon nach der ausgebliebenen Zahlung für die erste Woche freundlich ersucht, Raum zu machen, und gegen alles Gesetz werden mir auch noch meine Habseligkeiten inne behalten. Die Wirte werden jetzt wirklich jeden Tag gemeiner und illiberaler. Indessen," fuhr er fort, zwei wohlgelungene Ringel in die Luft blasend, "ich habe bereits wieder Aussichten; es ist merkwürdig, wie hier ein nobles Air geliebt wird!"
Helmstedts Augen überliefen bei diesen Worten die äussere Erscheinung seines gefährten und er konnte ein halb sarkastisches Lächeln nicht unterdrücken.
"O, Sie verziehen den Mund über mein jetziges Derangement," fuhr der Redende gemessen fort, "was wollen