Knieenden, und war dadurch nur um so mehr bestürzt über diese ganze Scene, in der sie so öffentlich und ahnungslos zur Heldin einer halb ernsten, halb komischen Aufführung gemacht worden war, wie sie dem Geschmack der damaligen Zeit entsprach. Diese öffentliche Schaustellung verletzte nicht nur die schüchterne Jungfrau, sondern erschreckte und quälte sie auch: denn was würden die Väter – was würde ganz Nürnberg dazu sagen? Nun war gewiss für sie und Stephan Alles verloren! –
In diesem Augenblick schlug es Mitternacht, und der Ceremonienmeister verkündete nach einem Tusch der Spielleute, dass alle Masken, Vermummungen und Bärte verschwinden müssten. Alle leisteten Folge – auch Ursula – aber ohne den Schleier zu heben; Stephan hielt die Zitternde an seiner Hand, und indem auch er die Maske abnahm, führte er sie vor den König Max, der sich von seinem tronartigen Sitz erhoben hatte und das Paar zu sich winkte.
"Der Maskenscherz ist vorbei!" begann der König; "weil mir aber die letzte Vorstellung gar absonderliches Vergnügen gewährt, so möchte ich, dass ihr Verfasser und Hauptdarsteller, unser getreuer Kriegshauptmann Ritter Stephan von Tucher sich eine Gunst erbäte, die wir ihm gewähren könnten, und richten dasselbe Verlangen an die Heldin des Stückes, Jungfrau Ursula Muffel."
Das Paar knieete vor den König nieder und Stephan sprach:
"So flehe ich die königliche Majestät mein Brautwerber zu sein bei dieser edlen Jungfrau und bei ihrem Vater!"
"Und was meint Ihr dazu?" fragte der König die erglühende Braut.
Sie wagte kein Auge aufzuschlagen und lispelte: "So möge Euer Majestät die Väter uns und einander versöhnen."
Von gleichem Ingrimm ergriffen waren Hans Tucher und Gabriel Muffel herbeigeeilt, da sie die Namen ihrer Kinder nennen hörten, und beide ihren Ohren nicht trauten – sich zu verkleiden hatten die Ratsherren unter ihrer Würde gefunden, sie waren in ihrer besten Amtstracht und hatten nur vorher Larven getragen.
Der König winkte sie zu sich und sagte: "Wie diese Beiden den deutschen König nicht vergebens gebeten haben, so werdet auch Ihr, gestrenge Ratsherren, uns und sie nicht vergebens bitten lassen, und nicht im Eigensinn gegen Euer eigen Fleisch und Blut wüten, sondern das liebende Paar einander verloben, wie ich es selbst verlobe."
Wie widerstrebend auch und mit welchen mürrischen Blicken, die Nürnberger Ratsherren hatten doch so viel Respect vor König Max und noch mehr vor dem öffentlichen Auftritt, dass sie gute Miene zum bösen Spiele machten.
Muffel sagte: "Ich habe nichts dagegen, wenn nicht Herr Tucher widerstrebt."
Und dieser erwiderte: "Wenn seine Majestät die Wahl meines Sohnes billigen kann, so hebt das mein Bedenken auf" – und er warf doch dabei einen vielsagenden und verächtlichen blick auf Muffel.
Stephan umarmte den künftigen Schwiegervater, und als der alte Tucher Ursula's weisse Stirn küsste und ihr so nahe in die tränennassen Augen sah, dachte er: Ich glaube wirklich, ich könnte keine sanftere Schwiegertochter bekommen – und das ist auch etwas wert, da er sie mir mit in das Haus bringt.
Alle Anwesenden brachten dem neuen Paar ein donnerndes Hoch – der König erklärte, dass die Hochzeit noch stattfinden müsse, so lange er hier sei, und Kurfürst Friedrich von Sachsen erbot sich den Bräutigam in die Kirche zu führen, indess Graf Ulrich von Würtemberg der Braut das gleiche Anerbieten machte.
Elisabet und ihr Gemahl waren auch herzugekom
men. Ursula lehnte sich an die Freundin und flüsterte: "Das ist Dein Werk!"
Elisabet lächelte und warf einen blick auf König
Max, der ihn mit einem Anflug von Wehmut erwiderte. Es war, als sagten sich diese Beiden: Ein Glück, das uns selbst versagt ist, haben wir Andern bereitet. Max hatte es doch einst besessen an der Seite Maria's von Burgund – aber Elisabet sah es sich seit aller Zeit und für alle Zeit versagt.
Gleich darauf brachen die Fürsten auf, auch Elisa
bet mochte nicht länger bleiben, indess das fest selbst bis zum Morgen währte.
Achtes Capitel
Eine Hochzeit
Nur wenig Wochen währte der in Eile berufene Reichstag.
Der Kaiser hatte schon vorher das bei gelegenheit des Flandrischen Feldzugs so gut erprobte Aufgebot an die Reichsstände ergehen lassen, bei Verlust ihrer Lehen dem römischen Könige zu hülfe zu ziehen. Aber die Berechnung, solche Aufgebote zur Gewohnheit zu machen, täuschte. Die Kurfürsten und Fürsten bewilligten zwar eine Halbjährige hülfe von 8600 Mann, protestirten aber gegen die kaiserlichen mit Gebot und Zwang ausgerüsteten Mandate, erklärten diese hülfe aus freiem Willen, nicht Kraft dieser Mandate zu leisten, und behielten sich das Recht vor, nach Gutdünken Geld zu zahlen oder Mannschaft zu stellen. Desgleichen erklärten sie sich gegen diese eilig berufenen Reichstage und bemerkten, dass sie unfruchtbar ausfallen müssten, wenn nicht alle Stände des Reichs dazu aufgefordert würden. Daher wurden ausser dem obigen alle andere Gegenstände der Verhandlung bis auf einen nächsten grösseren Reichstag vertagt, der auch zu besserer Jahreszeit gehalten werden sollte.
Stephan und Ursula mussten also mit der Hochzeit eilen, was auch Beiden ganz recht war, da der König selbst ihr beiwohnen wollte. In Muffel's haus fehlte nun die mütterliche Frauenhand, die Vorbereitungen zu einem solchen fest zu leiten, und es fehlte auch der Raum dazu, da der Würtemberger Fürst das Haus mit seinem Gefolge füllte. Darum bot Elisabet Scheurl das ihrige dazu an und übernahm es die Hochzeit darin auszurichten.
War es doch fast allein ihr Werk, dass Ursula das Ziel ihrer Wünsche