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Tribune. Ausser der Maske verhüllte noch ein mit Silber durchwebter Schleier, der an einen Turban von weisser Seide und silbernen Verzierungen befestigt war, ihr Gesicht und Hals. Sie trug ein weisses mit Silber gesticktes Seidenkleid, das weite weisse Atlasbeinkleider und gelbe Stiefelchen sehen liess, darüber eine Tunika von rosa Sammet mit silbernen Fransen und Tressen, ringsum mit Perlen gestickt, die auch in dichten Schnüren um arme, Hals und Taille sich wandten. So stand sie zwischen den Ungeheuern, die den Raum um sie fast freigemacht und so auch längst von Elisabet verdrängt hatten, an deren Seite sie vorher immer versucht hatte zu bleiben.

Aber obwohl nicht inmitten des Saales wie Ursula und minder beobachtet, war doch Elisabet in keiner besseren Situation.

Durch Konrad Celtes und ihre eigenen Studien mit der Liebhaberei für das Klassische und Antike erfüllt, dem eben damals die Humanisten die Bahn brachen und das sich auch bereits in die deutsche Kunst einzuschleichen begann, hatte sie ein griechisches Kostüm gewählt. Ein in der Taille durch einen goldenen Gürtel und an den Achseln auch von Juwelen und Gold blitzende Agraffen zusammengehaltenes weisses Atlasgewand umfloss sie bis auf die in purpurne Sandalen gekleideten Füsse in malerisch nach ihren schönen Körperformen sich schmiegenden Falten. Darüber ein zweites Purpurgewand mit Gold besetzt, das über die rechte Schulter getragen die linke frei liess und dafür unter dem Arm um die Hüfte sich breitete. Ein goldenes Diadem wand sich durch ihre Locken und im Arm hielt sie eine mit Blumen umwundene Lyra. Eine als Sterndeuter in einen schwarzen Talar mit in Silber darauf gestickten Sternen und Himmelszeichen gekleidete männliche Maske hatte sie zum Tanz aufgefordert und eine Zeitlang stumm im Reigen geführt, dann aber sie einmal so heftig an sich gedrückt, dass sie nur mit Mühe einen Aufschrei zurückhielt.

Anfangs sprach der Unbekannte nicht; jetzt flüsterte er ihr leise zu: "Elisabet, erkennt Ihr mich wirklich nicht? Ich muss es schliessen, weil Ihr nicht gleich wieder um hülfe riefet und mich überfallen und wegweisen liesset, weil es Euch jetzt besser gefällt, statt die Huldigungen eines tapfern Ritters anzunehmen, Euer Herz zwischen einen König, einen fahrenden Poeten und einen rohen Steinmetzgesellen zu teilen und das eheliche Treue gegen Euren ehrsamen Herrn Gemahl zu nennen."

Elisabet erkannte Eberhard von Streitbergsie strebte sich von ihm loszumachen, und sah sich nach allen Seiten um, wie ihr das gelingen könne, ohne aufsehen zu erregen, und ob sie nicht eine bekannte Maske sehe. Wohl gewahrte sie nicht gar weit von sich Konrad Celtes, der auch ein griechisches Kostüm trug und mit dem sie vorhin schon getanzt, aber nur wenig Worte gewechselt hatte, da sie seit seiner Rückkehr eine ernste Zurückhaltung gegen ihn beobachtet! aber ihn wollte sie am wenigsten zu ihrem Schutz herbeirufener sollte am wenigsten die Beschimpfung erfahren, die Streitberg einst der vertrauenden stolzen Jungfrau angetan, noch wollte sie diesem dadurch eine Bestätigung seiner eben ausgesprochenen Anklage geben, die ihr Blut fast erstarren machte. Sie wusste bereits, dass Streitberg wieder in Nürnberg warWillibald Pirkheimer hatte Ulrich's Auftrag erfüllt und mit welch' feiner Gewandteit er es auch tat, die schon den künftigen Staatsmann zeigteer hatte dabei doch auch erzählt, dass er die Baubrüder auf dem Weg zum Kloster gesprochen, und die sinnige Elisabet hatte den Zusammenhang geahnt. Sie war auf ihrer Hut, und darum auch heute zum ersten Mal zu einer öffentlichen Lustbarkeit gegangen, und zwar mit dem festen Entschluss, sich durch nichts dem Maskengewühl entlocken zu lassen, um jede ihr Gefahr bringende Annäherung Streitberg's zu verhindern. Auch wechselte sie ihren Anzug mehrmals, um nicht von ihm erkannt zu werdenund nun war es doch geschehen.

Als sie um sich sah, fielen ihre Augen auf die giftigen Blicke der Hallerin, die sie in ihrer Nähe in einer aufgeputzten, aber geschmacklosen Maske einer jüdischen Königin erkannteund Elisabet ahnete richtig, dass diese es war, welche Streitberg dazu verholfen sie zu erkennen.

Elisabet fühlte sich unfähig ein Wort zu erwiederndoppelt, da sie von ihrer Feindin sich beobachtet und belauscht sah; wenn sie nicht antwortete, konnte Streitberg doch vielleicht nachdenken, er habe sich getäuschtsie ergriff den Arm eines Spielmannes, der eine Harfe im Arm eben an ihr vorüberkam, und sagte ihre stimme verändernd:

"Die Spielleute gehören zusammen!" und zog ihn mit sich in den Kreis der Tanzenden.

Streitberg aber gab seinen Arm einem zierlichen Blumenmädchen und rief Elisabet nach: "Seid ohne Furchtmich gelüstet nicht mehr nach Eurer Schönheit, die vor zehn Jahren sich mir bot; aus den Sternen kann ich's Euch weissagen, dass Ihr von der Liebe nichts mehr zu fürchten habt, sondern nur noch von dem Hass."

In diesem Augenblick erklang lärmende Janitscharenmusik und ein grosser Aufzug kam in den Saal. An seiner Spitze ein prächtig gekleideter Pascha, ihm nach eine ganze Schaar von Sarazenen. Einige, die den Zug als türkische Leibwache geleiteten, machten ihm durch das Maskengewühl Platz, so dass er gerade der Tribüne zuschritt, vor welcher eben Ursula zwischen dem Bären und Löwen stand. Der Pascha schlug den beiden Ungeheuern die Köpfe abund da es geschehen, sprangen ein paar Narren aus den Tierhüllen und suchten die Zuschauer durch allerlei Purzelbäume zu belustigen. Die Türken mit den musicirenden Janitscharen schlossen einen Halbkreis um ihren Pascha, der vor Ursula knieete und in sprechenden Pantomimen zur Belohnung für seine Heldentat um ihre Hand flehte.

Ursula erkannte Stephan in dem vor ihr