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fasste und zuletzt am Rataus angezündet ward. In dieser Hölle gewahrte man ausser ergötzlichen Bildern aus der natur und dem Menschenleben auch satyrische Darstellungen, wie der Nürnberger Witz sie liebte: einen Venusberg mit schönen Frauen; einen Backofen, worin Narren gebacken wurden; eine grosse Büchse, welche böse Weiber schoss; einen Vogelherd, worauf man Narren und Närrinnen fing; ein Glücksrad, welches Narren und Närrinnen herumdrehte, die sich einander jagten; eine Galeere, auf welcher Mönche und Nonnen aneinander gekettet ruderten, und noch mehr dergleichen. Darauf folgten vielspännige Schlitten mit maskirten Personen in prächtigen Pelzen, dahinter sassen Spielleute auch in bunte Trachten gekleidet, die lustig aufspielten. Daran schlossen sich etwas entfernter kleine Rennschlitten mit Geharnischten besetzt, die sich mit Turnierstangen einander auszustechen und herunterzuwerfen versuchtenein Spiel, welches das Gallenstechen hiess und das auch zu andern zeiten in Nürnberg angestellt ward.

Unter diesen Geharnischten befand sich Stephan Tucher. Ursula's Augen hatten ihn erkannt, auch wenn er nicht zu den Frauen hinaufgeschielt hätte; aber er wollte ihnen auch eine probe seiner Geschicklichkeit geben, und mit seiner Turnierstange gewandt ausholend, gelang es ihm, einen andern Geharnischten von seinem Schlitten zu werfen, dass er unter dem Gelächter des Volkes im Schnee sich wälzte. Diesem wollte sich der Herabgeworfene am schnellsten entziehen indem er aufstehend sich in Scheurl's Haustür drängen wollte.

"Dort gehört Ihr nicht hin! Lauft nur Eurem Schlitten nach!" rief Stephan eifersüchtig und drohte ihm mit seiner Lanze.

Jener aber warf seinen Helm ab, und Stephan erkannte mit Missbehagen Georg Behaim in ihm. Den Bruder Elisabet's hatte er nicht dem allgemeinen Spotte preisgeben wollen; indess blieb ihm nichts anderes übrig als weiter zu fahren und sein Turnierheil auch an Andern zu versuchen, damit Behaim nicht in dem, was er ihm getan, eine besondere Absichtlichkeit suche. Es gelang ihm auch noch Manchem herabzuwerfen, indess er selbst vor jedem Angriff fest sassso aber errang er sich den Preis des Gallenstechens.

Als es vollständig dunkel geworden, ward auf dem Markt das Feuerwerk abgebrannt, und das war zugleich das Zeichen zur Versammlung der Masken im Tanzsaal des Ratauses.

Da wimmelte es von allerlei schönen und wunderlichen Masken. Männer und Frauen wetteiferten miteinander an Pracht und Absonderlichkeit der Kleidung, und manche Freiheit herrschte dabei, die zu anderen zeiten die bedenklichen und sittenstrengen Nürnberger nicht dulden mochten.

Verschiedenartige Aufzüge fanden dabei statt und possenhafte Darstellungen ergaben sich aus ihnen von selbst. Sie wurden von der Tribune aufgeführt, die für den Kaiser und den König wie die anderen zum Reichstag gekommenen Fürsten erbaut war und auf welcher diese Platz genommen. Denn sie waren nur als Zuschauer und ohne Masken erschienen, und auch König Max beobachtete diesmal eine strengere Zurückhaltung und Etiquette als bei seinem ersten Aufentalt in Nürnberg. Vielleicht war er überhaupt nicht wohl gelaunt durch die geringe Willfährigkeit, welche der Reichstag zeigte, auf seine Forderungen einzugehen; vielleicht wollte er auch sich den stolzen Nürnbergern, damit sie nicht etwa übermütig würden, mehr in der Würde seiner Majestät zeigen, als sie ihn früher gesehen, damit sie nicht vergessen, dass sie doch seine Untertanen wären, wenn sie auch sonst sich ihrer reichsbürgerlichen Freiheit rühmen mochten. Er sah ernst, fast finster in das Maskenspiel, und nur der unverwüstliche Kunz von der Rosen vermochte durch irgend eine ihm in's Ohr gezischelte Bemerkung zuweilen ein Lächeln um seinen Mund zu zaubern.

Mit den bängsten Empfindungen warf Ursula Muffel zuweilen einen scheuen blick auf den König Max. Seit dem Wiedersehen mit Stephan Tucher plötzlich in ihren Hoffnungen so kühn gemacht, als sie noch vorher verzagt und verzweifelnd gewesen war, hatte sie, von Stephan und Elisabet auf diesen Abend vertröstet, an die Möglichkeit gedacht, dass es ihm oder ihr selbst gelingen werde sich heute dem König zu nähern und um seine Fürsprache bei den erbitterten Vätern nachzusuchen. Und wie in dieser schien sie sich in jeder Hoffnung getäuscht zu haben, denn auch Stephan hatte sich noch nicht zu ihr gefunden, und so oft sie auch eine Sarazenenmaske sah oder zu sehen glaubtewenn sie selbst sich ihr näherte, erkannte sie immer, dass es nicht Stephen war.

Da trug sie nun selbst den prachtvollen Anzug einer Sultanin, den er ihr gesendet, und je mehr der Glanz desselben die Blicke Anderer auf sich zog, und je länger Stephan säumte sich ihr bemerkbar zu machen, die er doch auf den ersten blick hätte kennen müssen, je bänger ward ihr in dem sie umdrängenden Gewühl. Aber noch grösser ward ihre Bestürzung, als sie einen riesengrossen Bären, der bald auf allen Vieren lief, bald auf den Hinterpfoten ging und allerlei Purzelbäume machte, immer hinter sich herkommen sah. Sie mochte sich wenden, wie sie wollte, sie konnte dem Ungetüm nicht entgehenes drängte sie immer näher an die Schranken der fürstlichen Zuschauer. Wusste Ursula auch recht gut, dass im Bären auch nur ein Mensch steckte, so ward ihr diese Zudringlichkeit dadurch beinah' um so lästigerin diesem Augenblick hätte sie nichts dagegen gehabt, wenn ein wirkliches Ungeheuer sie zerrissen hätte, so entmutigt und trostlos fühlte sie sich; dass sie aber ein Mensch so absichtlich, wie es schien, zur Zielscheibe seiner widerwärtigen Grimassen und damit des allgemeinen Gelächters machen konntedas empörte sie noch vielmehr. Und nun kam auch von der andern Seite ein Löwe und bedrängte sie nicht minder. Da stand sie jetzt gerade mitten zwischen den beiden Bestien, ganz nahe vor der kaiserlichen