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sie indess zu fürchten gehabt, noch was sie zu hoffen hatteindess, sie fragte nicht darnach. Sie hatte Stephan wiedergesehen, er war zu ihr mit der alten Liebe und Zärtlichkeit zurückgekehrtnoch fühlte sie seine heissen Küsse im Nachhall der Empfindung, das genügte ja, ihr Herz mit jubel zu erfüllen und ihre Seele mit Freudigkeit neuer Hoffnung und dem Mut gegen alle Hemmnisse ihres Liebesglückes zu kämpfen.

Vielleicht war es gut, dass ihr bald heimkehrender Vater etwas berauscht war und sich darum sofort niederlegte, sonst wäre ihm vielleicht die Veränderung aufgefallen, die indess mit seiner Tochter vorgegangen; denn das erneute Liebesglück hatte ihre erst gebleichten Wangen gerötet, und der Wiederschein einer Seligkeit, die sie plötzlich überkommen, strahlte aus ihren Augen und von ihrer Stirn. Am andern Tage, wo sich die hochgehenden Wogen des Entzükkens ein wenig gelagert hatten, zeigte sie dem Vater ein ruhig heiteres Wesen, und er war seit langer Zeit einmal zufrieden mit ihr, als sie sich als gehorsame Tochter bereit zeigte, dem Schönbartlaufen beizuwohnen und nur sagte, er müsse ihr auch den Scherz gestatten, am Abend in einer Maske zu erscheinen, die er selbst zuvor nicht sehen dürfesie möge gern wissen, ob der eigene Vater sie wiedererkennen werde.

Gabriel Muffel war wohl damit zufrieden, und machte ihr nur zur Bedingung, dass die Maske recht schön und reich sein müsse, damit sie nicht einfacher, sondern wo möglich prächtiger erscheine als andere Ratsherrentöchter.

Das in Nürnberg als Fastnachtsfest eingeführte "Schönbartlaufen" stammte vom Jahre 1349. Damals hatte die Fleischerzunft von Nürnberg bei einem Aufstand der andern Zechen dem Rate ihre Treue erwiesen und dafür von Kaiser Karl IV. einen Freibrief auf einen öffentlichen Aufzug in Larven erhalten, welcher das "Schönbartlaufen" genannt ward. Als der dazu gehörige Aufwand anfing der Fleischerzunft beschwerlich zu werden, trat aus den höheren Ständen eine Gesellschaft zusammen, welche ihr zur Aufrechterhaltung und Vervollkommnung dieses Festzuges behülflich war, und am Ende denselben unter dem Namen der Fleischer ganz an sich brachte. Es waren meist junge Patrizier, und der Rat ordnete ihnen förmliche Hauptleute bei, welche zugleich die Züge anführen und auf Ordnung sehen mussten.

Wie an jenem Sommertage, an welchem König Max einzog, so war auch an dem sonnigen, aber kalten Wintertage, an welchem das Schönbartlaufen stattfand, Ursula Muffel bei Elisabet Scheurl, um aus deren Chörlein den Zug mit anzusehen. Die Reichstagsmitglieder waren auf dem Rataus versammelt, vor welchem jener begann und wieder endete. Die Beteiligung der Frauen dabei war keine andere, als dass sie an den offenen Fenstern standen, die Vorüberziehenden mit Backwerk warfen und dafür von ihnen mit Tannenzweiglein statt Blumen beworfen oder mit Rosenwasser bespritzt wurden. Elisabet und Ursula erschienen in kostbare Pelze gehüllt und die Gesichter nur so weit verschleiert, dass sie selbst bequem um sich sehen konnten, an dem geöffneten Fenster des Chörlein.

Sie hatten seit der Reichstag begonnen einander heute zum ersten Male wiedergesehen, und Ursula hätte von Elisabet gern mehr über Stephan erfahren; aber Elisabet wich ihren fragen aus, beschwor sie nicht zu verraten, dass sie ihn gesehen, und nur bis zum Festabend in fröhlicher Hoffnung zu warten, an dem sich ihr ja Alles erklären werde. Und da Ursula weiter fragte: ob es Elisabet nicht möglich gewesen, Stephan und sie dem Schutze des Königs Max zu empfehlen und an sein Versprechen zu mahnen, antwortete sie nur, dass der König jetzt nicht als ein harmloser Gast in Nürnberg sei, welcher der Stadt die Ehre seines Besuches erwiese, sondern dass er zu einem eilig berufenen Reichstag gekommen, von dem er hülfe und Steuern verlange, ihm Ungarn zu retten und ihn an Frankreich zu rächenund dass er, ohnehin schon übelgelaunt angekommen, hier es noch mehr geworden, als die Stände sich schwierig zeigten seine Forderungen zu bewilligenda wage man nicht ihn um eine Gnade zu bitten, die hohe Häupter wie er nur in frohen Ruhestunden gewährten, wo die Krone sie nicht drücke und ihnen nicht die Fähigkeit raube, an anders denn an die Sorgen darum zu denken. "Uebrigens aber," schloss sie, "werden die Majestäten heute' Abend mit beim Tanz erscheinen, vielleicht fügt es sich da, wie damals auf der Veste, dass ein gutes Wort eine gute Statt findet."

Durch die mit Menschen erfüllten Strassen machten sich jetzt Vermummte in Narrenkleidern mit Kolben und Peitschen in der Hand Platz. Die Menge wich zur Seite um noch eine Stufe oder Erhöhung zu erobern, von welcher aus der Zug gesehen werden könnte, der nun folgte. Voran kam ein Reiter mit bunten Bändern und Schellen behangen und sein Schimmel nicht minder. Er hatte vor sich einen grossen Sack, aus welchem er Nüsse auf die Strasse warf, welche die Jugend begierig aufzulesen war und unter Geschrei und Balgen darum rang. Dann folgten vier andere Reiter, ebenfalls phantastisch bunt gekleidet mit Körben vor sich auf dem Sattel, worin sich Eier befanden. Sie warfen damit nach den Frauen an den Fenstern wie auf den Strassen; aber die Eier waren mit Rosenwasser gefüllt und richteten da, wo sie trafen, keinen Schaden an, als dass die duftende Flüssigkeit verspritzte.

Dann kamen die Schönbartleute selbst mit ihren Schutzhaltern, Hauptleuten und Spielleuten in mannigfaltigen Vermummungen, unter denen es nicht an derben Anspielungen auf die Hauptangelegenheiten des Tages und die Gebrechen der Zeit fehlte. Dann folgte auf einer von vielen Pferden gezogenen grossen Schleife eine Maschine, Hölle genannt, die ein künstliches Feuerwerk in sich