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von seiner Schulter und zeigte Stephan's ritterliche Gestalt.

"Stephan!" rief Ursula mit dem Jubellaute des Entzückens mitten im Schrecken; aber jener war noch mächtiger bei der durch Gemütskämpfe körperlich leidend gewordenen zarten Jungfrauohnmächtig lag sie in seinen Armen.

Er trug sie auf das Sopha und lehnte sie an sich. Er sah sein Bild offen vor sich, das Zeichen ihrer Treueeinen Augenblick sah er voll Mitleid und aufsteigender Selbstvorwürfe auf die bleiche Geliebte, die der Gram um ihn vielleicht bald ganz zu grund gerichtet; aber schnell schützte er sich vor jedem Gewissensskrupel mit der eitlen Meinung, dass er wieder gut machen könne, was er verbrach, und mit dem würdigen Vorsatz, es wirklich zu tun.

Er rief Ursula mit den zärtlichsten Namen und bedeckte sie mit seinen Küssen. Da schlug sie die Augen auf und rief:

"StephanDu bist es wirklichDu bist noch wie einst!"

Er antwortete ihr mit Liebkosungen und rief: "O wohl mir, wenn Du auch bist wie einst! – Ich konnte es nicht länger ertragen, ich musste Dich sehen, geschah es auch, indem ich ein gegebenes Wort gebrochen."

"Du hast Dein Wort gegeben, mich nicht zu sehen?" rief sie und machte sich von ihm los. "Du hast mir nicht geschriebenDu bist schon einige Tage hierAndere sagten es mirich sah Dich nichtich hoffte umsonst auf ein Zeichen ach! ich weiss es wohl, die Väter nähren noch den alten Grollaber Du selbst, Du hast mich gelehrt, dass Liebe stärker sein soll als väterliche Gewalt –"

"Und darum bin ich hier!" rief er; "nur einen kurzen Augenblick. Ich benutzte die Dunkelheit und die Abwesenheit Deines Vaters wie der Andern, um zu Dir zu dringen. Niemand darf es wissennur Elisabet Scheurl."

"Ach, ich habe auch vergeblich auf sie gezählt!" rief Ursula; "seit der König hier ist, habe ich auch kein Wort von ihr gehört, und sie hatte mir doch gleich Nachricht geben wollenüber Dich."

"Erst gestern habe ich mit ihr vertraulich sprechen können," sagte Stephan, "und sie ist wohl auch viel mit sich selbst beschäftigtAlles erklärt sich später. Nur wenige Minuten kann ich bei Dir weilen, ich konnte es nur nicht länger ertragen Dich nicht zu sehenich musste die Gewissheit Deiner Liebe von Deinen Lippen holen!"

"Hast Du je an mir zweifeln können?" fragte sie unter seinen Küssen.

"Man sagte mir, dass Du eine Braut des himmels geworden," antwortete Stephan; "Du hattest mir mit diesem Entschluss schon früher gedroht, ich musste daran glauben, da ich kein Lebenszeichen von Dir empfing."

"Aber wie war es möglich, dass Du –"

Er liess Ursula nicht ausreden. "Wir haben jetzt keine Zeit zu fragen und Erklärungen; lesen wir nicht Eines in den Augen des Andern, fühlen wir nicht am Schlagen unserer Herzen, dass wir einander angehören wie einst? In drei Tagen sehen wir uns beim Schönbartlausen, und dann wird sich Alles erklären und entscheiden. Du wärest doch dazu gekommen?"

"Nur wenn mich mein Vater gezwungen," antwortete sie: "ich habe mich bis jetzt geweigert!"

"Nun, so lass Dich zwingen!" antwortete er heiter, "und zu dem Maskenfest am Abend erlaube mir, dass ich Dir selbst den Maskenanzug schicke, damit ich Dich aus Tausenden sogleich erkenne. Ich erscheine in der prächtigen Tracht eines Sarazenen und werde mich Dir schon bemerklich machen. Bis dahin glaube und liebe und hoffe! Ein neues Leben wird uns seine goldenen Tore öffnen!"

"O ich fühle es schon in mir, seit Du bei mir bist!" rief sie mit seligem Lächeln.

"Aber verrate mich nicht!" bat er wiederholt; "indem ich zu Dir mich schlich, tat ich, was ich nicht lassen konnte; aber Niemand darf es erfahrenam wenigsten der König."

"König Max?" fragte Ursula; "was geht es ihn an?"

"Frage mich nichtich muss scheiden!" und obwohl er so sprach und schon beide aufgestanden waren, verrann doch Minute nach Minute, ehe der letzte Kuss gegeben und das letzte zärtliche Lebewohl gesprochen war. –

Da er fort war, sank Ursula auf ihre Kniee und weinte wie ein Kind. Jetzt erst, mitten in diesem plötzlichen Glück, kamen alle verhaltenen Tränen ihres Unglücks zum Ausbruch. Jetzt erst, wo alles, was sie indess bei dem Gedanken gelitten, dass ihr Stephan könne genommen sein, genommen durch das Schrecklichste, was einem liebenden Wesen begegnen kann: durch Untreue, wie eine Last, unter der sie Tag und Nacht nur seufzend zu atmen vermochte, von ihr abgesunkenjetzt erst wagte sie einen vollen blick auf die Grösse derselben und in den Abgrund von Leid und Lebensöde, der neben ihr immer offen gegähnt hatte. Jetzt, wo die Gefahr überstanden war, wo nach einer furchtbaren Nacht eine leuchtende Sonne ihr aufgegangen, schaute sie noch einmal bebend zurück in die Nachtund dankte inbrünstig dann dem Herrn, der sie nun in demselben Augenblick verscheucht, in dem Ursula noch unter den bängsten Zweifeln und Schmerzen gerungen hatte.

Zwar wusste sie weder, was indess geschehen war, noch was geschehen solltewas