getrennt? hatte man ihm falsche Nachrichten von ihr gebracht – etwa dass sie ihm untreu sei? oder entsagen wolle und müsse, oder wie sonst sich seiner unwürdig gemacht?
Alle diese fragen erneuerten sich in Ursula mit fieberhaftem Ungestüm – und den grössten Kampf kostete ihr gerade die letzte. Gewann diese die Wahrscheinlichkeit der Bejahung, dann war es ja an ihr zu dem Geliebten zu eilen, ihn von ihrer Treue, ihren unveränderten Empfindungen zu überzeugen. Aber sie hatte doch keine Bürgschaft für diese Ursache seines Zurückbleibens von ihr, und so hielt sie sich gewaltsam von einem solchen entscheidenden Schritt zurück, der ihren jungfräulichen Stolz und ihre keusche Mädchenzarteit dem Spotte und der Verachtung preisgeben konnte, wenn ihre Voraussetzung und mit ihr Stephan sie getäuscht.
Die Anwesenheit des Grafen von Würtemberg und seines Gefolges in ihrem sonst so stillen Hauswesen, dessen Aufsicht sie führte, gab ihr wohl nebenher zu tun und zu denken in Menge, um so mehr, als Herr Gabriel Muffel mit seiner Bewirtung des hohen Gastes alle Ehre einlegen wollte, damit nicht die andern Genannten Ursache fänden, sich über ihn lustig zu machen, und das Hans von Tucher seinen Hochmut nicht an ihm üben könne. Ursula musste es sich auch darum um so angelegener sein lassen, sich selbst die Zufriedenheit ihres Vaters zu erwerben, als sie diese in andern Dingen verscherzt hatte: erst überhaupt durch ihr Liebesverhältniss mit Stephan und dann auch, als durch dessen Entfernung dieses dem Vater gelöst erschien, durch ihre Weigerung jedem andern Bewerber ihre Hand zu reichen. Zwar war der Vater auch tief bekümmert, dass er die einzige Tochter von Tag zu Tag trauriger und leidender werden sah – doch da er eben meinte, dass ihr Eigensinn dies selbst verschuldete, so ward er dadurch nicht milder gegen sie gestimmt.
Jetzt, wo er hörte, dass Stephan mit dem König zurückgekommen und in seinem Gefolge den Ritter spielte, wo die Tucher und Holzschuher dafür sorgten, zu Muffel's Ohren gelangen zu lassen: wie viele schöne Edelfräulein ihr Herz an Stephan verloren, und wie er mit einem derselben bald Hochzeit halten werde – jetzt forderte er doppelt von der Tochter, dass sie vor den Leuten in gleich stolzer Haltung erscheine, und zürnte ihr doppelt, dass er sie ihnen nicht auch als Braut vorstellen konnte. Während er sonst an ihr mehr auf bürgerliche Einfachheit gehalten, verlangte er jetzt, dass sie auch in ihrer Kleidung mit den stolzesten Nürnbergerinnen wetteifere und bei keiner öffentlichen Lustbarkeit fehle. So, da die Fastnacht kam, sollte in wenig Tagen das "Schönbartlaufen" stattfinden, und zwar in der glänzendsten Weise, da der Reichstag versammelt war. Ursula wollte sich weder bei der Schlittenfahrt noch bei dem Ball, der ihr folgen sollte, beteiligen, aber ihr Vater bestand darauf, und da beides in Maskenanzügen vorgeschrieben war, liess er ihr selbst dazu die schönsten bestellen. Es waren noch einige Tage bis dahin, und Ursula dachte darüber nach, wie sie dem entgehen könne; denn wenn Stephan sie verlassen hatte, für den allein sie gelebt, so war sie fremd im Leben und es dünkte ihr nicht mehr hinein zu gehören: wenn er sie verstossen und verachten konnte, so meinte sie die Verachtung der ganzen Welt auf sich geladen zu sehen, und ihren Hohn nicht nur zu finden, sondern auch zu verdienen.
So sass sie an einem früh hereingebrochenen Winterabend allein in ihrem Gemach. Der Burggraf von Zollern hatte an diesem Tag eine Jagd im nahen Forst veranstaltet, welcher die meisten Fürsten und Herren beiwohnten. Auch der Graf von Würtemberg war mit den meisten seines Gefolges dabei, ebenso ein teil der Nürnberger Ratsherren, darunter auch Herr Muffel. Unter ein paar Stunden war wohl noch Niemand zurück zu erwarten.
Ursula konnte sich einmal ihrem Schmerze überlassen. Von innerem Frost geschüttelt sass sie am Kamin, dessen nicht mehr hell lodernde Glut einen milden Schimmer auf ihr bleiches Antlitz warf. Wehmütig blickte sie auf das helle Grün ihres Kleides, dessen Farbe der Hoffnung sie zu höhnen schien. Ihre kleinen hände, zart und durchsichtig wie Milchglas, ruhten gefaltet in ihrem Schooss. Es war immer dasselbe Gebet, das sie betete zur Mutter Gottes und zu allen Heiligen: ihr Stephan wiederzugeben oder sie abzurufen von der verödeten Erde! Und wie sie schon hundertmal getan, zog sie die goldene Kapsel hervor, die Stephan's von Meister Wohlgemut in Miniatur gemaltes Conterfei verschloss, das er ihr beim Abschied geschenkt. Sie küsste das Bild und flehte, ihn nur noch einmal wiedersehen, noch einmal so küssen zu können – und dabei lächelte sie unter Tränen – –
Da klangen draussen hastige Männertritte – sie näherten sich ihrem Gemach – vielleicht Einer von des Grafen Leuten, der im Dunkeln fehl gegangen, denn diesem abgelegenen Zimmer kam Niemand nahe, der nicht ausdrücklich zu ihr gesandt war – schon ruckte die Türklinke – oder war es ihr Vater, der früher zurückkam? – vor ihm hatte sie Stephan's Bild, das Tag und Nacht tief verborgen an ihrer Brust ruhte, immer sorgsam verhehlt – sie wollte es schnell verstecken, aber das Kettlein verwickelte sich in die steifen Zakken des Spitzenkragens, der ihren Busen umgab – die Tür sprang auf und ein Mann in einem schwarzen Mantel gehüllt stand vor ihr.
Sie fuhr empor und rief: "Was dringt Ihr hier ein – Niemanden geziemt hier der Zutritt!"
Aber ungestüm fasste er sie in seine arme und rief: "Auch mir nicht?" Der Mantel sank von seinem Haupt wie