, besonders an den heiligen Stätten und auch vor diesen selbst; das Verbrechen des Kirchenraubes gehörte mit zu den seltensten und darum auch mit der Kirchenschändung zu denen, welche am härtesten und fast immer mit dem tod bestraft wurden.
"Ihr seid es, der Ehre des Klosters und unser aller Ehre schuldig, dass die Sache auf's Strengste untersucht werde, und dann auch zur Kenntniss dieser Steinmetzen gebracht, die ausserdem in ihre Hütte ein schlechtes Vorurteil gegen uns mit hinausnehmen möchten!" sagte einer der Mönche.
"Es wird geschehen!" antwortete der Abt. "Amadeus soll uns im Conclave noch einmal darüber berichten." Zu Konrad gewendet sagte er: "Führe die Steinmetzen in die Seitenhalle, in der sie das Material zu ihrer Arbeit finden werden, und versammle die andern Bauleute um sie, damit sie nach ihrer Vorschrift arbeiten."
Es geschah, wie er gesagt hatte. Ungefähr acht Mönche und Novizen, die nicht ganz unkundig der Kunst waren das Winkelmass zu führen und mit dem Meissel zu arbeiten, waren zur Verfügung der Baubrüder und halfen diesen vorerst das Material ordnen u.s.w. Nach den Vorschriften der freien Maurer sowohl als der Klosterbrüder durfte bei der Arbeit weiter nichts gesprochen werden, als was unmittelbar zu ihr gehörte, und daran banden sich denn auch Alle.
Nicht lange Zeit war vergangen, als Ulrich noch einmal in die nebenan liegende Kirche ging, um ein Massbrett an die darin befindlichen Trümmer des Tabernakels zu halten. Ein Mönch knieete dabei – es war derselbe, der vorhin an dem dunklen Seitenaltar geknieet. Jetzt fuhr er empor. Ulrich erkannte in ihm den Bruder Amadeus. Der Augenblick war günstig; es war Niemand weiter in der Kirche, als am Eingang ein Novize, welcher denselben kehrte.
"Wir sind uns schon einmal begegnet," sagte Ulrich leise, da der Mönch zusammenfuhr; "mein Ungeschick riss das Kreuz von Eurem Rosenkranz – hier habe ich es Euch mitgebracht."
"Ihr erkennt mich wieder?" sagte Amadeus.
"Ja – und ich weiss auch Euren Namen: Amadeus."
"Nun wohl," sagte dieser mit sonderbaren Blicken auf Ulrich schauend, "so behaltet das Kreuz als Andenken – an einen Mönch, der schon lange zu sterben wünschte und nun Euch sein Todesurteil dankt."
Ulrich dachte: der Propst hat Recht – Amadeus scheint wahnsinnig zu sein. Amadeus mochte diesen Gedanken des Schweigenden erraten und fuhr fort:
"Ich rede Wahrheit, wie Ihr sie geredet, Ulrich! Du warst der einzige, der kein Recht hatte mein Urteil zu sprechen. Aus Liebe zu Dir beging ich den Frevel – ich wollte meine Hand segnend auf Deinen Scheitel legen – es ist meine Sühne, dass ich durch meinen Sohn sterbe! Gott vergebe Dir, wenn es ein Vatermord ist, den Du auf Deine Seele ludest!"
Ein Mönch an einer Seitenpforte näherte sich und rief: "Bruder Amadeus!"
"Sie holen mich in's Gericht!" flüsterte er noch Ulrich zu; "lebe wohl und schweige. Lebt Deine Mutter noch und siehst Du sie wieder, so sage Ihr, dass Du sie an mir gerächt hast – und dass ich mit dem Namen Ulrike auf den Lippen sterben werde!"
Heftig eilte er davon.
Ulrich sah ihm nach und fühlte sich von eigentümlichem Grauen erfasst. Was war das? was hatte er gehört? waren das die Worte eines Wahnsinnigen? Fast schien es so. Und doch! wenn sie mehr waren als Wahnsinn? oder dieser Wahnsinn doch nur der Nachhall einer Wahrheit? Wenn ein Zusammenhang war zwischen ihnen und denen, welche die Trunkenheit des Propstes schwatzte?
Ulrich hielt den zertrümmerten Engel in der Hand, der von dem Tabernakel herabgefallen – er hatte keine Flügel mehr. So erschien er sich selbst in diesem Augenblicke – so herabgestürzt und aller Schwingen der Kunstbegeisterung beraubt – er musste sich gewaltsam zusammenraffen, um wieder zur Arbeit zurück zu seinen Genossen zu kehren.
Siebentes Capitel
Das Schönbartlaufen
Ursula Muffel befand sich in einem Zustande des peinlichsten Harrens, schon seit sie gehört, dass der Reichstag in Nürnberg gehalten werde und dass Hans Tucher auch seinen Sohn Stephan in der Begleitung des Kaisers mit zurückerwarte. Aber dies Harren ward zur schrecklichsten Aufregung, als sie erfuhr, dass Stephan wirklich in den Schooss seiner Familie zurückgekehrt sei, dass er wie einst unter den Söhnen der Patrizier und Kaufleute Nürnbergs für den blühendsten und durch Ansehen und Haltung hervorstechendsten geltend, jetzt auch unter den königlichen Begleitern zu den stattlichsten und zu denjenigen zählte, die sich durch Pracht und Schmuck ihrer Kleidung von Andern auszeichneten und ebenso sorgfältig ihre Körpergaben pflegten. Ursula hörte, dass Stephan's Angesicht von Frohsinn, Gesundheit und Schönheit glänze – und ein blick in ihren Spiegel warf ihr dafür nur ein angstvoll betrübtes Gesicht zurück.
Er war da und kam nicht – das passte nicht zu seiner sonst so feurigen natur, der gegenüber sie ihre ganze Sittsamkeit hatte zusammennehmen müssen, um nicht dem Ungestüm der männlichen leidenschaft zu erliegen. Und nun konnte er nach einer so langen Trennung zurückkehren, ohne Alles daran zu setzen, sie wiederzusehen? – War er ihr untreu geworden? hatten andere, verführerischere Frauen ihn verlockt – oder hatte er eine würdigere Gefährtin gefunden? – Oder hatte er ihr entsagt aus Gehorsam gegen seinen Vater – oder vielleicht selbst aus Bürgerstolz, der es doch verschmähet, sich mit der Enkelin des Gerichteten zu verbinden? – Oder hielt eine feindliche Macht sie