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war eben jetzt zerstört. Es war das Weihbrodgehäuse neben dem Hochaltar, darin das Allerheiligste aufbewahrt war. Es war dies ein kleines gotisches Kunstwerk von kundiger Hand nach dem Albertinischen System des Achtortes säulenartig aufgeführt. An der einen Seite stand eine Statue der Madonna, an der andern Seite die des Johannes. Gotische, mit zierlichem Laubwerk umrankte Spitzbogen stiegen darüber empor, auf dessen höchster Spitze ein Engel schwebte. Dieses durchbrochene Türmlein, das sich über dem Hostienschrein selbst befunden hatte, war herabgefallen und lag sammt dem Engel halbzerschmettert daneben. Es sollte die Aufgabe der herzugerufenen Baubrüder sein, diese Stücke wieder zusammenzufügen, wo es tunlich, oder durch neue zu ergänzen. Der feine Sandstein, dessen man dazu bedurfte, lag bereit.

Als sie in die Kirche eingetreten waren, lagen einzelne Mönche vor den verschiedenen Altären betend auf den Knieen. Sie liessen sich durch die Kommenden nicht in ihren frommen Uebungen stören und sahen sich nicht nach ihnen um. Ulrich warf auf jeden von ihnen einen blick, so gut es im Vorüberbergehen und von Weitem gehen wollte, ob er vielleicht Amadeus unter ihnen gewahre. Doch sah er ihn nicht. Nur über Einen blieb er im Zweifel, der in einer Seitennische nicht weit vom Hochaltar in einer dunklen Ecke knieete und den Kopf so tief geneigt hatte und in die gefaltenen hände gedrückt, dass keine Spur von seinem Gesicht zu sehen war. Die grosse Gestalt und der Kranz von grauschwarzem Haar um sein Haupt gemahnte an ihnaber unter den mehr als hundert Mönchen, welche das Kloster einschloss, konnten viele dergleichen haben.

Hieronymus und Ulrich bewunderten und prüften das Kunstwerk, seine Zerstörung bedauernd, und letzterer sagte nach genauer Untersuchung desselben sowohl als der Wölbung der Kirche und allen, das Tabernakel nah' und fern umgebenden Gegenständen zornig aufflammend und mit grosser Bestimmteit:

"Herr Abt! hier ist ein unerhörter Frevel geschehen. Dies Türmlein ist nicht von selbst herabgefallen, das hat die vandalische Hand eines Niederträchtigen herabgeworfen. Hier ist noch schlimmeres und Schändlicheres geschehen denn Kirchenraubhier ist blosser Mutwillen geübt worden am Allerheiligstenam Allerheiligsten, das die Kirche bewahrt und besitzt, am Allerheiligsten auch der Kunst. Das ist das Werk einer gewaltsamen, absichtlichen Zerstörung von menschlicher Hand. Habt Ihr keine Untersuchung angestellt, den Schuldigen zu finden? Ich denke, ich darf mich rühmen, beseelt zu sein vom geist christlicher Milde und Vergebungaber gegen solch' ungeheuren Frevel, den nur ein Mensch verübt haben kann, der allen Sinnes für das Heilige baar zu einer Bestie herabgesunken, die aus Bosheit sich an einem Tabernakel vergreifen kann, dem jeder fromme Christ nur mit einer Kniebeugung sich nähert, und die so ihre Rohheit und Scheusslichkeit an einem erhabenen Meisterwerk der Kunst auslassen kann, das ein Heiligtum an sich ist, auch wenn es an einer andern Stelle stünde und eine profane Bestimmung hättefür eine solche Bestie kenne ich kein Erbarmen!"

Er hatte laut und vom heiligen Feuer entflammt gesprochen; der tiefgebückte Mönch war noch tiefer zusammengesunken und hatte einen jammernden Ton von sich gegeben; der Abt und die Mönche sahen einander erstaunt an und Konrad sagte:

"Ich habe dasselbe gleich gesagt, aber Niemand hat mir glauben wollenso musste ich schweigen."

"Das ist wahr," sagte der Abt; "aber es ist doch auch ganz unmöglich, dass hier ein solcher schauderhafter Frevel geschehen konnte."

"Aber immerhin möglicher, als dass dies wohlgefügte Werk von allein herabstürzen konnte!" sagte Hieronymus kaltblütig, der nun auch seinerseits dasselbe untersucht; "ohnehin hat der Frevler seine Sache nicht einmal täuschend und geschickt gemacht, sondern nur mit einiger Scheu vor dem Allerheiligsten, die doch noch in seiner verworfenen Seele gewesen sein muss; er hat dies selbst verschont, und diese Statuen, die notwendig mit hätten zertrümmert werden müssen, wenn etwa dies Werk, morsch und schwankend geworden, wie es aber durchaus nicht gewesen sein kann, bei einer geringen Veranlassung zusammengestürzt wäre. Der Frevler hat sich mit dieser gotischen Spitzsäule begnügt, oder er ist verscheucht worden und hat sein Zerstörungswerk in einem Zustand zurücklassen müssen, der jedem scharfblickenden Auge die willkürliche Menschenhand verraten musste."

"Aber es kann ja Niemand in diese Mauern," rief der Abt, "denn wer herein gehört; Fenster und Türen zeigten keine Verletzung, durch die ein Bösewicht hätte eindringen können."

Hieronymus zuckte die Achseln und sagte: "Wenn er nicht von aussen kam, ist er von innen gekommen."

"Das ist eine Beschimpfung unser Aller!" rief ein Mönch und blickte zornig um sich.

Ulrich sagte gelassener: "Und wie meinet Ihr denn, dass die Sache zugegangen? Von einem Erdbeben hat man nichts gehört, und Gewitter gibt es im Winter ebenso wenig, oder sie sind doch so selten, dass Ihr es Euch gemerkt haben würdetwar ein solches und meintet Ihr, ein Blitz oder Donnerschlag habe das Werk getroffen?"

Alle verneinten.

"Wann geschah es denn? und war Niemand in der Kirche? Ich denke, sie wird auch Nachts nicht leer?" sagte Hieronymus.

"Es scheint, Ihr geberdet Euch, als wäret Ihr als Inquisitoren in unser Kloster gekommen!" sagte der Abt übel gelaunt, dass man es für möglich halte, in seinem Kloster, das sich immer eines guten Rufs erfreut, an solche Rohheiten zu glauben, wie sie kaum ausserhalb desselben vorfielen; denn selbst der gemeine sittenlose Haufe hatte achtung vor der Kunst