1859_Otto_159_91.txt

erkannte er nur mich, und Du hast nichts für Dich zu befürchten."

"Das bliebe sich gleich," antwortete Hieronymus; "man kennt uns als unzertrennliche gefährten."

"Wir müssen aufhören es zu sein," antwortete Ulrich, "wenn Dir meine Handlungen Sorgen oder Verdriesslichkeiten bereiten."

"Zu diesem Vorschlag ist es zu spät!" antwortete Hieronymus doppelsinnig.

Beide gingen eine Weile schweigend nebeneinander. Da hob sich auf einem Hügel am Waldessaum das einsamstehende Kloster der Benediktiner vor ihnen empor. Das goldene Kreuz darauf flimmerte hell im Sonnenlicht, das auf den beschneiten Dächern spielte und mit seiner erwärmenden Kraft ihm einzelne Tropfen erpresste, die sich zu funkelnden Eiszapfen gestalteten.

Sie hatten nicht gar weit mehr zu gehen, da standen sie vor den Oeconomiegebäuden des Klosters, welche sich auch den Laien erschlossenja, als sie durch den Hof schreitend in ein hallenartiges Zimmer des Erdgeschosses kamen, sassen mehrere Wanderer darin, die hier nur eingekehrt waren, um auszuruhen und sich durch einen Trunk Met oder Wein zu stärken. Es gehörte damals mit zu den Missbräuchen, die am häufigsten eingerissen waren, dass, wenn auch nicht in den Klöstern selbst, doch in den ihnen zugehörigen Oeconomien Wein geschenkt wardaus dem, was früher eine freie Gabe mildtätiger Gastfreundschaft, war eine gute Einnahmsquelle für die Klosterkasse geworden.

Hier waren die Baubrüder nur eingetreten, als ein junger Novize, als solcher an seiner braunen Kleidung und dem kurz geschnittenen, aber doch nicht geschorenen Haar kenntlich, auf sie zukam und beiden nach einander die Hand drückte; an der Art, wie es geschah, erkannten sie in ihm einen Bruder, einen freien Steinmetzen.

"Gott grüsse Euch und Gott leite Euch!" rief er; "Ich hoffte, dass Ihr diesen Morgen kommen würdet, und begab mich darum hierher Euch zu erwarten. Nun darf ich auch Euer Führer sein. kommt mit hinüber in's Kloster und stärkt Euch dort erst mit Speise und Trank von der Wanderschaftunter diesen Profanen und Laien hier ist nicht gut sein."

Eben so herzlich erwiederten die Ankömmlinge den Gruss und Ulrich sagte: "Das hätten wir nicht gedacht, hier plötzlich einen Bruder zu finden; aber wie ist denn Dein Name?"

Und Hieronymus fragte: "Und was hat Dich vermocht, Dich aus der tätigen Mitte freier Steinmetzen hierher zurückzuziehen? Willst Du wirklich unser lebensvolles Wirken mit der toten Ruhe hier vertauschen?"

"Mein Name ist Konrad," antwortete der Novize, "Eure andern fragen beantworte ich einmal später in einer ruhigen Stunde. Es ist eine traurige geschichteund mir blieb keine Wahl! Einstweilen denkt daran, dass ich nicht Verachtung, sondern nur Mitleid verdiene."

Ulrich seufzte leise und betrachtete voll innigster Teilnahme den jungen Mann. Er sah blass und abgehärmt aus. Seine dunklen Augen waren mit bläulichen Ringen umgeben, die ihren Glanz noch erhöhten. Seine ganze Haltung und sein fahles Ansehen, so wie seine heisere stimme weckten die Befürchtung, dass er an einer verzehrenden Krankheit litt. Ulrich fühlte sich voll innigsten Mitgefühls zu ihm gezogen, indess Hieronymus den Bruder mit einigem Misstrauen betrachtete, der, sei es freiwillig oder gezwungen aus der Brüderschaft geschieden war, um aus einem fleissigen freien Steinmetzen ein fauler, eingesperrter Mönch zu werdenwie es Hieronymus nannte. Denn obwohl diese ganzen Brüderschaften einst aus den Klöstern und zumal aus denen der Benediktiner hervorgegangen waren, so sahen sie jetzt doch mit derselben Geringschätzung auf sie herab, wie auf weltliche Profane.

Drinnen im inneren Kloster, als der Pförtner sie eingelassen und Konrad sie durch einen schön gewölbten düstern Kreuzgang geführt, empfing sie ein anderer Mönch in einem kleinen wohl durchheizten Seitengemach und bewirtete sie auf's Beste. Ein anderer Bruder ging, den Abt von ihrer Ankunft zu benachrichtigen.

Nach einer Ruhestunde wurden sie zu diesem beschieden, dem Ulrich das Schreiben des Propstes Kress überreichte.

Der Abt empfing sie mit Wohlwollen, und besonders nachdem er das Ueberbrachte gelesen, drückte er ihnen warm die Hand, und nachdem er sich mit ihnen von dem Propst, von dem zu erwartenden Reichstag und andern weltlichen Dingen unterhalten, forderte er sie auf, ihn in die Kirche zu begleiten, um daselbst das Werk, das ihrer harrte, in Augenschein zu nehmen. Der Novize Konrad und noch ein paar andere Mönche und Novizen schlossen sich ihnen an.

So traten sie in die alte, im romantischen Styl erbaute Klosterkirche, die später noch manchen Anund Ausbau erfahren hatte, da die Baukunst schon dem gotischen Styl sich zugewendet und, nebenbei mit italienischer Pracht geschmückt, jenen ruhigen und erhabenen Eindruck vermissen liess, welchen nur die tadellose Reinheit eines bestimmten Styls hervorzubringen vermag. Es war ein Missklang zwischen dieser weiten romantisch gewölbten Eingangspforte, den leichten Spitzbogen, welche die bunt gemalten Fenster umschlossen, und den schlanken Säulen kühner Gotik, aus denen der hohe Chor sich bildete. Es war Ulrich gleich bei seinem Eintritt, als ob ein Geist der Unruhe und Zerfahrenheit ihn in dieser Kirche packe, die an den Seitenaltären besonders mit Reliquienschreinen, in denen die heiligen Gebeine in Gold und Juwelen gefasst von Reichtum strotzten und von frommen Spenden und Prachtgeräten hierin Ueberladung zeigte, indess das reine Künstlerauge vergeblich nach schön gemeisselten Ornamenten und nach dem Ausdruck genialer Schöpfungen suchte, wie sein eigener Kunsteifer sie versuchte: das Geistige zur Erscheinung zu bringen im Stein, das Ewige darzustellen im Endlichen.

Ein einziges reines Kunstwerk dieser Art hatte die Kirche besessen, und das