war, und auch wieder ärgerlich, dass die Jungfrau bei ihm diese Kenntniss zu bezweifeln schien.
"Könnt Ihr verschwiegen sein und wollt Ihr mir einen Dienst erweisen?" fragte sie weiter mit beklommenem Atem.
"Beides, wenn Ihr es fordert und ich das letztere wirklich vermag," sagte er bescheiden.
Ursula's Unruhe schien zu steigen, ihre Wangen glühten höher, ihre Pulse gingen schneller, man sah es an allen Bewegungen ihres Körpers, hörte es an der noch mehr beklommenen stimme, mit der sie sprach:
"Wolltet Ihr, statt hier zu malen, wohl einen gang für mich tun? Ich habe sonst Niemanden, den ich schicken könnte."
"Herzlich gern," antwortete Albrecht, "ich werde hier ohnehin nicht vor Mittag fertig."
"Dann kommt in einer Viertelstunde wieder hinunter in dasselbe Zimmer, in dem Ihr mich vorhin fandet," sagte Ursula und eilte die Stiege wieder hinab.
In ihrem Gemach angelangt zog sie das Papier wieder hervor, das sie zu sich gesteckt, weil sie es sonst nirgend sicher hielt. Nun musste sie es doch von sich geben und fremden Händen vertrauen. Sie durchlas das schön geschriebene Brieflein noch einmal, drückte dann ein Siegel von weissem Wachs darauf und schrieb die Aufschrift: "An den hochedelgeborenen Herrn Stephan von Tucher." Nun zählte sie die Minuten, bis Albrecht kam, überlegte sich zehnmal, was und wie sie es ihm sagen könnte, ohne vor ihm zu erröten, und wusste doch keinen Rat, denn zweierlei musste ja doch immer heraus: dass er schweigen musste und wem er den Brief übergeben sollte.
Endlich kam Albrecht, und Ursula fühlte, dass sie sich vergeblich vorbereitet hatte, denn sie war ganz eben so um Worte verlegen, wie sie es vorhin gewesen war. Die Finger zitterten sichtbar, welche den Brief hielten, und endlich sagte sie zu Albrecht:
"Eure guten Augen bürgen mir für Eure Verschwiegenheit – nicht wahr?"
"Was mir anvertraut worden, das plaudere ich niemals aus," antwortete Albrecht, "und da ich sehe, dass Euch so sehr an meinem Schweigen gelegen, so könnt Ihr Euch doppelt darauf verlassen, dass ich das unerwartete Vertrauen einer edlen Jungfrau nicht durch eitles Ausreden missbrauchen werde."
"So nehmt diesen Brief und tragt ihn zu dem, an welchen die Aufschrift lautet," sagte sie – der Name selbst schien nicht über ihre schönen Lippen zu wollen. "Kennt Ihr ihn?" fragte sie dann hastig, und damit mehr den Zustand ihres Herzens verratend, als wenn sie den Namen selbst errötend und zitternd ausgesprochen.
"Ei, wie sollt' ich den feinen Herrn nicht kennen!" antwortete Albrecht. "Aus meines Vaters Werkstatt ist manch' ein zierliches Silbergerät für das schöne Haus in der Hirschelgasse hervorgegangen, und mein Meister hat den Herrn Hans von Tucher selbst conterfeiet in seiner Pilgrimstracht, in der er das heilige Land durchreist hat; danach hat er auch das Bild seines Herrn Sohnes Stephan zu malen angefangen – aber es ist noch nicht fertig, weil derselbe jetzt gar nicht zum Sitzen zu bewegen."
Ursula horchte hoch auf und sagte dann: "Nun so geht in das schöne türkische Haus in der Hirschelgasse und seht Euch darin um nach dem jungen Herrn. Aber Niemandem als ihm selbst gebt den Brief, und saget auch Niemandem, wer Euch sendet. Seht, ich hätte ja fürwahr keinen bessern Boten als Euch finden können; wenn man Euch dort kennt, so könnt Ihr ja sagen, dass Euer Meister Wohlgemut Euch sendet."
Der Jüngling errötete vor der zugemuteten Lüge, die der jungen Dame sehr geläufig schien, indess er selbst so ohne Arg und Falsch war, dass auch die kleinste Lüge ihm ein Verbrechen erschien. Er sagte darum halb verweisend: "Will's Gott, so geht es ohne Lüge ab. Vertrauen verdienen und schweigen können ist ein Anderes denn lügen, dazu bin ich nichts nütz."
"Ihr sollt es auch nicht," sagte Ursula beschämt; "wenn nicht im Auftrag Eures Meisters, so erinnert ihn um meinetwillen daran, dass er sein Bild soll vollenden lassen!" und wieder erschrak sie, dass sie sich durch unvorsichtige Worte verraten, und fühlte auch, dass es ihr wie Albrecht ginge: das Lügen und Heucheln war ihr auch nicht geläufig. "Und nun geht," sagte sie nach einer Pause, "um 12 Uhr wird er wohl nach haus kommen, und die Antwort bringt mir, wenn Ihr Nachmittag wieder kommt und hier Euere Arbeit vollendet."
Es war immerhin kein kleines Opfer, das Albrecht Dürer der Jungfrau Ursula brachte mit diesem Gange. Da er ihr Verschwiegenheit gelobt, mochte er auch in seiner Werkstatt nicht sagen, dass er ihr Botendienste geleistet, woran die Gesellen gewiss weitere fragen und vielleicht unsaubere Spässe geknüpft hätten; wenn ihn aber jetzt Einer oder der Andere auf der Strasse gewahrte, noch ehe es Mittag geläutet, so traf ihn der gerechte Vorwurf, dass er vor der Zeit von der Arbeit gelaufen und wohl noch Schlimmeres getan als die Zeit verträumert habe, wie man ihm denn vorhin schon als Warnung mit auf den Weg gegeben. Aber eine Bitte konnte er nimmer abschlagen, und wo er Jemand helfen und einen Dienst leisten konnte, tat er es immer ohne an sich selbst dabei zu denken, am wenigsten vermochte sein kindlich weiches Gemüt eine Träne in einem Frauenauge zu sehen, ohne gerührt