. Ein Degen hing an seinem Gürtel und ein kleiner schwarzer Sammetmantel um seine Schultern. Ein hohes Baret von schwarzem Sammet lag neben ihm auf dem hohen Lehnstuhl. Kunz vermochte sein Gesicht nicht zu sehen, das küssend auf Elisabet's Hand ruhte, indess ihre andere auf seinem kurzgeschnittenen dunklen Hauptaar lag. Sie hatte sich vorwärts über ihn gebeugt, ihr Gesicht glühte und verriet gleich dem unruhig wallenden Busen die innere Bewegung. Sie hatten beide geschwiegen, ehe Kunz geöffnet hatte, und bemerkten ihn dennoch nicht, Eines im Andern verloren, so dass er Elisabet sagen hörte:
"Celtes! steh't auf! Wohl ist es oft mein stilles Verlangen gewesen Euch wiederzusehen, wie es mein grösstes Glück war, wenn ich von Euch las und Euren Namen preisen hörte; aber ich durfte es nur dann wünschen, wenn diese Begegnung geschehen konnte, ohne die alten Schmerzen und Kämpfe aufzuwühlen! – sehe't, ich trage ein Joch, das mir Pflichten auferlegt, und da es denn einmal mein los, so ringe ich Tag und Nacht danach, dass ich es mit Würde trage und mir selbst nicht noch mehr Unheil bereite, als das Schicksal schon über mich verhängt. Ihr seid ein Mann! seid frei von kleinlichen Rücksichten und Pflichten, seid immerdar der Herr Eurer eigenen Handlungen und Niemanden davon Rechenschaft schuldig denn Euch selbst. Ein leichteres los ist Euch zu teil geworden und ein erhabenes dazu. Die edle Poesie hab't Ihr zur göttlichen Lebensgefährtin empfangen, und Euer herrlicher Beruf ist's, die deutsche Jugend zu vaterländischem Sinn zu entflammen und vom Zwange inhaltloser Formen zu den lebensvollen Ideen des Humanismus zu führen – geb't Euch an dies Streben mit ganzer freier Kraft dahin, und nach Jahrhunderten noch wird man Euer Andenken feiern. Wer berufen ist zu leben für Jahrhunderte und für die Menschheit, der muss darauf verzichten können, dem Glück des Augenblicks und seinem eigenen Herzen zu leben!"
Konrad Celtes, der erst vor wenigen Augenblicken bei Elisabet eingetreten, und auch nur erst an diesem Morgen mit seinem gönner, dem Bischof von Worms, angekommen war, hatte zwar gemeint, er könne ihr nun ruhig und als Freund begegnen. Aber vor ihrer lebenswarmen Gegenwart waren alle früheren Empfindungen wieder in ihm aufgewacht und er hatte sie in seine arme schliessen wollen.
Elisabet, mit dem feinen Ahnungsvermögen eines liebenden Frauengemütes, oder wenn man will, mit dem klugen Abwägen aller kleinen Möglichkeiten, das Künftige aus dem Gegenwärtigen berechnend, hatte zuweilen daran gedacht, dass Celtes wohl einmal in sein liebes Nürnberg zurückkehren werde, ja sie hatte es jetzt gewünscht – aber viel weniger aus persönlichem Interesse, sondern weil sie es für Celtes als ein Glück betrachtete, wenn König Max mit ihm zusammenkam und ihm seine Aufmerksamkeit schenkte, und wie hätte das besser geschehen können, als jetzt, wo der König in ihrem haus wohnte und der Kaiser, der ihm zum Dichter krönen liess, selbst in Nürnberg weilte. Ja, sie hatte lange mit sich gekämpft, ob sie nicht Celtes um dieses Glückes Willen eine Botschaft senden solle, herzukommen; aber sie hatte doch eine Missdeutung derselben gefürchtet, ja sich selbst nicht recht getraut, ob nicht persönliche und unrechte Empfindungen dabei im Spiele wären, und darum Alles dem Schicksal überlassen. Immerhin aber hatte sie sich auf diese Möglichkeit vorbereitet und sich mit der ganzen weiblichen Würde ihres Wesens gewaffnet, um sich für ein Wiedersehen mit Celtes gerüstet finden zu lassen, damit es ihr gelinge, nicht nur sich selbst zu bezwingen, sondern auch, wenn es nötig sein sollte, jeden Ausbruch seiner früheren Empfindungen verhüten, oder doch vor leidenschaftlichem Unheil sichern zu können. Vielleicht hätte auch sie sonst nicht die Kraft gefunden, sich seinen Armen zu entziehen und die obigen Worte zu ihm zu sprechen.
Da sie ihn zurückwies, war er vor ihr auf die Knie gesunken und lauschte ihren Worten wie einem lied, das nicht minder schön erscheint, wenn es auch auf das schmerzlichste ergreift.
"O es ist ein Fluch, der auf allen Poeten ruht!" rief er; "wir müssen unglücklich, elend und verlassen sein, damit wir in das Reich der Poesie uns flüchten und unter tausend Schmerzen eine erträumte Welt der wirklichen entgegenstellen – den frischen Kranz des Lebens müssen wir opfern, damit ein dürrer Lorbeerkranz auf unsern Grabhügeln anschelle. Elisabet! Ihr seid so kalt und grausam wie die Welt – ich hoffte Euch anders zu finden!"
Sie erhob sich zürnend: "Dann wehe mir und Euch, wenn Ihr das hofftet, wenn Ihr während dieser Trennung den Glauben an mich und an Frauentugend verloret!"
Bestürzt fasste er den Saum ihres Gewandes und rief: Elisabet! tut, was Ihr wollt, aber vergebt mir und zürnt nur nicht!"
"So seid ein Mann!" antwortete sie; "versündigt Euch nicht an Frauenwert – versündigt Euch nicht an der Gottesgabe der Poesie, die Euch geworden! – Ihr wisst nicht, wie es ist: alle diese Schmerzen empfinden und keine Sprache dafür haben – das Entsagen ist schwer: aber das Schwerere ist, ein einmal auferlegtes Joch noch edel zu ertragen! – Steht auf – mich dünkt, ich höre Jemand – wenn es schon der König wäre!"
Celtes erhob sich und Elisabet blickte nach der Tür, mit welcher Kunz von der Rosen vor einem Weilchen unwillkürlich geknarret hatte, da ihn diese Scene, deren Zuschauer er geworden, selbst bewegte. Erst hatte er gemeint,