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ja im Gefolge mancher waren mehr denn hundert Pferde. Kaum begreiflich schien es, wie eine so ungeheuere Menge von Menschen und Tieren noch Platz finden solle in Nürnberg, das zwar mit zu den grossen, aber auch zu den bevölkertsten Städten gehörte, denn es zählte damals über hunderttausend Einwohner. Denn nicht allein die kamen, die zum Reichstag berufen waren, und das waren eben diesmal weniger als sonst, da in der Eile, mit welcher Max den Reichstag ausgeschrieben, er die Abgesandten der Städte nicht auffordern lassen und auch sonst, sowohl der kurzen Zeit wegen als überhaupt aus Lauheit gegen die Angelegenheiten des immer mehr in sich zerfallenden deutschen Reiches, viele Fürsten es nicht der Mühe wert hielten sich einzustellen. Aber dafür strömten zahllose Volksmassen herbei, welche die Neugier lockte oder der Erwerb. Aus Nah' und Fern kamen Ritter und Bürger sammt ihren Frauen, die hohen Herrschaften zu sehen und den Festlichkeiten beizuwohnen, die immer an die Reichstage sich knüpften; kamen Gelehrte, Dichter und Künstler, um hier ihre hohen gönner zu begrüssen oder neue zu finden, oder doch sich gegenseitig zu treffen, wohl auch Bestellungen zu erhalten, oder sich selbst doch Stoff und Anregung zu neuen Werken zu suchen. Aber es kam auch niederes Gesindel ohne Zahl: Gaukler und Possenreisser, Bettler und Diebe, Wucherer und Betrüger, Wahrsagerinnen und fahrende FrauenTausende strömten herzu trotz der Winterszeit, vielleicht dass sie sich bei der langen Dunkelheit um so besseren Gewinn für alle diese Gewerbe versprachen, welche das Licht zu scheuen hatten. Die Nürnberger aber sangen ihre Verslein auf die einen wie die Andern. Von dem niedern volk hiess es:

"Da kommen die Gaukler und fahrenden Frauen,

Die haben zum Reichstag ein gutes Vertrauen;

Und ob auch gleich sonst es Niemand hätt' –

Die mästen gewiss dabei sich fett."

Und beim Einzuge der Reichstagmitglieder klang es gerade nicht feiner:

"Hier kommen hochgeborene Fürsten und Herren,

Die sehen, essen und trinken gern;

Sie geben Dirnen und Buben genug,

Das ist aller Freiheiten Fug."

So urteilte damals das deutsche Volk über seine Vertreter, und zwar ungescheut wie ungestraft; aber zu mehr brachte es auch der mittelalterliche Volkswitz nicht, als wie dazu, sich über das deutsche Reich und seine Gesunkenheit lustig zu machen und sich damit doch selbst in's Gesicht zu schlagen.

Endlich kam auch der deutsche Kaiser und der römische König. Ein unabsehbarer Zug von Hofleuten, Rittern und Reisigen war in ihrem Gefolge.

Der alte Friedrich, obwohl schon an den Siebzigen, sass dennoch noch immer stattlich zu Ross und schaute mit dem Gleichmut, den er sich durch sein ganzes Leben zu bewahren wusste, vor sich aus. "Unwiederbringlicher Dinge Vergessenheit ist die grösste Glückseligkeit auf Erden", war sein Wahlspruch, den er sogar damals, als er von Wien nach Neustadt, aus seinen Erblanden vertrieben, unaufhaltsam flüchten musste, in jedem Gastofe, in dem er eingekehrt, bis er an den Rhein kam, auf den Tisch schrieb oder in die Fensterscheiben grubvielleicht weniger zur Mahnung für Andere als zum Beweis, das Kaiser Friedrich sich über Alles zu trösten wisse und dem Stern des Hauses Habsburg vertrauend fast untätig zuwartete, bis die Dinge sich wieder zu seinem Gunsten gestalteten. Uebrigens wendete er diesen Wahlspruch doch auch nicht auf Alles an: denn eben jetzt konnte er es noch immer nicht vergessen, dass Herzog Albrecht von Baiern ihm die eigene Tochter Kunigunde sammt Regensburg schon vor langer Zeit geraubt, und hatte dem eigenen Sohne Max gezürnt, der eine Vermittelung ersuchte. Ja Friedrich kam hauptsächlich mit hierher, um, wenn nicht die hülfe des Reichs, doch die der einzelnen Fürsten und Städte wie des Adels zu gewinnen, die zu dem schwäbischen Bund und dem Löwlerbund gehörten, welche beide gestiftet waren, die willkürlichen Fehden im Reiche niederzuhalten und sich untereinander gegen übermütige Lehensherren oder ungehorsame eigenmütige Reichsvasallen beizustehen, gleicherweise wie die Städte und ihre Bürger gegen die Bedrückungen und Raubanfälle des Adels zu schützen. Jetzt war es Friedrich, der nicht nachgeben mochte und auch Vergangenes nicht vergessen konnte und gegen Regensburg drohte, das Albrecht befestigte:

"Ob man die Stadt auch ganz zumauere, will ich doch hinein, und sollt ich durch ein Spältlein schlüpfen." –

Neben ihm ritt der goldlockige König Max. Noch ebenso heldenhaft und schön war seine Erscheinung, wie vor zwei Jahren, wenn auch vielleicht die Sorgen, die ihn jetzt bedrückten, vornehmlich die Sorgen um die immer noch nicht beendeten Flandrischen Händel, die der heldenhafte Herzog Albrecht von Sachsen, seit Jahr und Tag fast ohne alle Reichshülfe gelassen, mit einem kleinen Heer in den immer wieder aufständigen Provinzen allein zu schlichten suchen musste, und dann um die neue Ungebühr, die ihm der König von Frankreich erwiesenwenn auch diese Sorgen vielleicht ein paar Furchen auf seiner Stirn gezogen, welche die Krone mehr drückte als der Helm des Ritters, den er mit grösserem und froherem Stolze trug, als jene. Er grüsste noch ebenso leutselig wie bei seinem ersten Einzug, und gewann sich noch ebenso alle Herzen, wie damals, die durch eine edle ritterliche und huldvoll um sich blickende Erscheinung zu gewinnen waren.

Unter seinem Gefolge erblickte man auch einige Nürnberger, die mit ihm gezogen waren, ihm ihr Schwert zu weihen und im Kampfe für ihn sich ihre Sporen zu verdienen. Darunter befand sich Stephan Tucher in strahlender Rüstung, deren stählerne Schilder durch goldene Einfassungen miteinander verbunden waren; ein weisser Federbusch wehte von dem