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den Sternen zu lesen. Gleich den Meisten seiner Zeitgenossen war er erfüllt von dem Gedanken, dass sie eine Sprache redeten, welche die Wissenschaft erlernen könne und daraus das Geschick des Menschen deuten.

Indem er so fragende Blicke zu dem funkelnden Firmament emporrichtete, mahnten ihn die sechszakkigen Sternlein an das doppeltgenommene Dreieck und das heilige Sechsort seiner Kunstda ward plötzlich seine aufgeregte Seele gross und stille und er fühlte wieder begeistert, dass es für ihn keine höhere Aufgabe geben könne, als dieser Kunst zu leben, die auch berufen war, erhabene Werke zu schaffen auf der Erde, welche würdige Abbilder waren jener Wunderwerke des himmels und gleich ihnen die Augen der Menschen tröstend und freudig zu ihm emporführten.

Fünftes Capitel

Reichstag

Anfang Februar war der Reichstag zu Nürnberg anberaumt worden, der erste, auf dem König Max daselbst erschien, obwohl noch von seinem greisen Vater begleitet. Kaiser Friedrich nahm wie gewöhnlich seine wohnung auf der Veste, und der Burggraf Friedrich von Zollern war schon einige Tage vor ihm erschienen, um ihm das Quartier würdig zu bereiten. König Max hielt Wort und sandte seine Boten an Herrn Christoph Scheurl, ihm zu melden, dass er in seinem haus um ein 'Stübchen' bitte. Herr Hans von Tucher, der diese Ehre gern für sich in Anspruch genommen, wählte nun den edlen Kurfürsten Friedrich von Sachsen, der sich bereits von seinen Zeitgenossen den wohlverdienten Beinamen des Weisen erworben, zu seinem gast. Die geistlichen Herren von Mainz, Worms und Trier sollten in der Propstei bei Anton Kress wohnen, der Bischof von Eichstädt bei dem Rat Pirkheimer einkehren, dem er den Sohn Willibald mitbrachteund so hatte der Rat von Nürnberg lange Sitzungen zu halten, bis er glücklich für alle Kurfürsten, Pfalzgrafen, Bischöfe, Fürsten und Herren, ihre Gesandten wie ihre Begleiter die passenden Wohnungen aufgesucht und bestimmt hatte. Es war dies keine Kleinigkeit, sondern eine Verhandlung, die zu vielen Reibungen der Patrizier wie der Geschlechter führte. Den allgemein geachteten Kurfürsten von Sachsen wollte Jeder gern bei sich haben, ebenso den Herzog Georg von Baiern mit dem Beinamen: der Reiche; denn die Nürnberger achteten nach Kaufmannsweise den gar hoch, der Schätze zu erwerben oder die schon überkommenen zu wahren verstand. Auch den Grafen Eberhard von Würtenberg, der von sich sagen konnte, dass er, wenn er ganz allein durch sein Land gehe und ermüdet sei, getrost sein Haupt in den Schooss jedes Würtenbergers könne schlafen legen; so wie den Kurfürsten Johann von Brandenburg, den man auch als bürgerfreundlich und für das Wohl seines Landes im inneren sorgend kannte, wünschte man als Gastaber der meisten andern Fürsten und Herren, die teils als Wüstlinge, teils als rohe Tyrannen oder nur auf Kriegsruhm und Ländervergrösserung, oder als Schützer des Adels und seiner Rauf- und Raublust dem fleissigen Bürgerstand gegenüber bedacht waren, hätte sich Jeder gern in seiner wohnung verwehrt. Da es darüber in der Ratsstube selbst zu keiner Einigung kommen wollte, sondern die sonst so ruhigen Herren in diesem Streite sich immer mehr erhitzten bis er endlich sogar in das Gebiet der Schimpfworte, Grobheiten und Tätlichkeiten geriet: so kam Hans von Tucher, um die Würde der Versammlung zu retten, auf den Einfall, das los entscheiden zu lassen, da auf eine andere Weise keine Einigung zu erzielen war. Als Belohnung für seinen Rat und weil er und Herr Holzschuher als oberste Loosunger sich doch als Häupter der Stadt betrachteten, behielt er sich aber vor, dass der Kurfürst von Sachsen bei ihm und bei jenem Herzog Georg der Reiche wohnen solle, ihre Namen also nicht mit auf die Zettel kamen, die in der Loosurne gemischt wurden. Wie verständig dieser Rat auch war und von Allen, wenn auch von Einigen mit Murren angenommen ward, so bereute Hans Tucher doch gar bald, ihn gegeben zu haben, als der ihm verhasste Gabriel Muffel gerade den Grafen Eberhard im Bart wie ein grosses los ziehen musste! Ihm würde er nur den allerwiderwärtigsten und verhasstesten Potentaten oder nur den geringsten Abgesandten gegönnt habenund nun musste er gerade den allerbeliebtesten erhalten. Tucher ging in seinem Aerger so weit einzuwenden, dass Muffel's Haus wohl nicht geräumig und würdig genug geziert sei, einen solchen Fürsten zu empfangen; aber Muffel entgegnete seines unerwarteten Glückes sich freuend:

"Gross genug ist mein Haus, und ist es nicht mit orientalischer Pracht gleissend von Gold und Marmor gleich dem Euren geschmückt und überladen, so ist es dafür echt deutsch einfach und fest, und eignet sich gerade für einen so biedern deutschen Herrn, der schon manchmal mit der Hütte eines Landmanns vorlieb genommen. Gebt Acht, er wird sich wohler fühlen in dem Haus von deutscher Art erbaut und von deutscher Sitte bewohnt, und nicht lüstern sein nach der türkischen Herrlichkeit, die Ihr ihm zu bieten hättet."

In welchen neuen Zorn auch der alte Tucher über diese Worte ausbrach, es blieb ihm doch unmöglich eine Aenderung des einmal durch seinen eigenen Vorschlag Entschiedenen herbeizuführen, und er hoffte sich nun nur dafür an Gabriel Muffel zu rächen, dass er seinen Sohn Stephan im Geleit des Kaisers wiederkehren sehen werde, vollkommen geheilt von seiner leidenschaft für Ursula Muffel durch schönere Frauen Wiens, Italiens und Ungarns, und dass er die einst blühende Mädchenrose, die jetzt der Gram gebleicht hatte, dass sie indess um ein Jahrzehent gealtert erschien, gewiss nicht mehr begehren werde.

Einzeln hielten die Fürsten und Herren ihren Einzug. Aber keiner kam ohne einen ganzen Schweif von Rittern und Reisigen mitzubringen,