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fast bedrückt hatte, an die er aber im Laufe der Zeit sich selbst gewöhnt, so dass es ihm endlich zu Etwas geworden, das gar nicht anders sein könne, und das er nur etwaigen besonderen Empfehlungen seiner Kunstleistungen an den Kunstfreund zuschrieb. Ausser jenem ersten Gespräch in der Bauhütte hatte der Propst nie wieder mit ihm von seinen Eltern gesprochen. Wenn er etwas von seiner Mutter wusste, warum hatte er es ihm nicht gesagt? – Und wenn es nur Unglückliches und Unwürdiges war? Wenn nun jener elsässische Benediktinermönch, Bruder Anselm, der es ihm auf die Seele gebunden, nie nach seiner Mutter zu forschen, weil man ihr üble Dinge nachgesagt, damit Recht hatte? Und wenn es dieser Amadeus war, der sie in üblen Ruf gebracht? – Ulrich fühlte ein Gefühl von Hass, das er bisher kaum gekannt, gegen den Mann in sich aufsteigen, der seine Mutter unglücklich gemacht; er fühlte, dass er strenge Rechenschaft von ihm fordern müsse, Rache und Sühne verlangen für seine Mutter. Aber er sollte ja nicht nach ihr forschen und fragen! Und mitten durch alle diese Gefühle und Gedanken klang auch als Echo die Warnung des Judenmädchens: "Sie wollten aussprengen, Eure Mutter sei eine Hexe gewesen!" und dass ihm Hieronymus später einmal gesagt, man habe während seiner Krankheit wirklich einmal ein derartiges Gerücht in die Hütte gebracht, aber durch seine Zeugnisse von Strassburg und die Bürgschaft des Propstes sei es vernichtet worden. Seitdem war auch nichts wieder davon verlautet.

Ulrich leerte den Becher fast ohne es zu wissen unter diesen von allen Seiten auf ihn eindringenden Gedanken. Des Weines gänzlich ungewohnt, fühlte er ihn bald glühend durch seine Adern rollen, indess ein Anderer vielleicht vieler dieser Pokale hätte leeren können, ohne in gleicher Weise erregt zu werden.

Umgekehrt hatte indess der Propst versucht, sich durch ein niederschlagendes Pulver zu ernüchtern, oder wenigstens in eine ruhigere Umfassung zu bringen. Er kam jetzt zurück mit dem Brief an den Abt in der Hand. Ulrich schob denselben in seine Ledertasche und fragte:

"Ist's ein Uriasbrief?"

Der Abt sah den Steinmetzgesellen verwundert an, legte seine Hand auf seine Schulter und sagte: "Ich dächte, Ihr hättet von mir Beweise genug, dass Ihr mir vertrauen könntet und wissen, ich fördere Euer Wohl in allen Stücken!"

"Ja gewiss," sagte Ulrich und drückte dankbar des Propstes Hand; "darum darf ich Euch auch ganz vertrauen und um eine neue Gunst Euch bitten: sag't mir, was Ihr von meiner Mutter wisst?"

Der Propst stand bestürzt. Auf eine solche directe Frage war er nicht vorbereitet; er war sich so weit klar, zu wissen, dass ihm vorhin wohl unvorsichtige Aeusserungen entschlüpft waren, aber er konnte sich nicht besinnen, was und wie viel er verraten. Um jeden Preis musste er das wieder zurücknehmen, aus Ulrich's Seele zu verdrängen suchen. Nach einer Pause antwortete er:

"Hab't Ihr nicht selbst erzählt, dass ein feindlicher Kriegshaufe Eure Mutter fortgeschleppt und dass Ihr seitdem nichts von Ihr gehört? Meine Schwester hatte ein ähnliches Schicksalsie ward auch eine Kriegsbeute im Elsass, und erzählte von einer Genossin ihrer Leiden, die vielleicht Eure Mutter gewesen sein konnte, denn sie hiess Ulrike und stammte aus Eurem dorf."

"Und was ist aus Ihr geworden?" rief Ulrich.

"Darauf kann ich Euch keine Antwort geben," versetzte der Propst.

"Aber Eure Schwester kann es, weiss wenigstens ihr damaliges Schicksal – o sag't mir, wo sie weilt, damit ich mir von ihr die langersehnte Kunde hole."

"Das ist unmöglich," antwortete der Propst. "Meine Schwester ist Nonne im Kloster der heiligen Klara hier in Nürnberg, Du wirst sie niemals sehen und sprechen. Ich selbst darf sie nur einmal im Jahr besuchen. – Gebt es auf, nach Dingen zu forschen, die unerforschlich sind und deren Entüllung Euch keinen Gewinn bringen würde. Lasst das Vergangene und die toten ruhen, es tut nicht gut, in die Gräber zu blikken und die Särge wieder zu öffnenes könnte ein Pestauch von ihnen in's Leben strömen und es vergiften. lebe't Eurer Kunst und geh't in Gottes Namen dahin, wo Ihr immer ihr dienen könnt. Forschet nichts Unnützes, am wenigsten bei dem Bruder Amadeuser hat nur zuweilen klare Augenblicke, auf seine irren Reden könnt Ihr nimmer etwas geben. Meidet ihn lieber ganz. Wenn Ihr aber zurückkommt und mir beichtet, was er mit Euch gesprochen, so will ich Euch seine unglückliche Lebensgeschichte erzählen, durch die er in diesen wüsten Zustand gekommenjetzt ist dazu keine Zeit. Und nun gehab't Euch wohl, meine Gäste harren auf mich. Die Ordensregel verlangt, dass Ihr nicht mit den Mönchen sprecht; wenn Ihr Euch dawider vergeht, wird man Euch im Kloster bestrafen und es in Eure Zeugnisse schreiben, dass sich die Strafe in der Hütte wiederhole. Aber nicht mit einer Drohung will ich scheiden: der Herr segne Euch und gebe Euch Frieden!"

Damit war Ulrich entlassen.

Als er in die kalte Winternacht hinaustrat, war es ihm, als ob sich das ganze Firmament mit ihm drehe. Sie flimmerten und glitzerten auch gar so hell diese Millionen von Sternen, und es war, als suchten sie einander an Schimmer und Glanz zu überbieten. Ulrich blickte hinauf und wünschte in