meine es gut mit Dir – ich wusste mir nicht zu helfen, ich musste nachgeben, Dich hinschikken, da der Werkmeister gleich darauf einging."
"Ein Unglück?" sagte Ulrich und dachte an Hieronymus' Argwohn: "ich meinte, man habe uns eine Gunst erwiesen, und kam, sowohl Euch dafür zu danken als Euren Auftrag zu empfangen."
"Ach ja!" sagte der Propst und rieb sich die erhitzte Stirn, "es ist gewiss eine Gunst. Ich wollte nur sagen, dass Ihr im Kloster vorsichtig sein sollt – nicht mit den Mönchen reden – es darf bei Strafe nicht sein – auch nie ein Wort laut werden lassen von dem, was Ihr drinnen sehet und höret – es geht die Laien nichts an – und Euch könnte es nur schaden."
"Ich werde mich gewiss der erwiesenen Gunst nicht unwert erweisen," versetzte Ulrich; "indess erlaubt mir eine Frage: Ich sah Euch ehegestern beim Meister Kraft mit einem Benediktinermönch am Fenster stehen, der mir derselbe zu sein schien, welcher mir vor –"
Entsetzt sprang der Propst auf Ulrich zu und drückte seine Hand auf dessen Mund, ihm die Rede abzuschneiden: "Um aller Heiligen Willen, vollendet nicht! Wisst Ihr – ahnt Ihr es denn wirklich schon? – Nein! denkt lieber gar nicht daran – denkt lieber, es sei nicht – es wäre ja schrecklich, wenn es wäre, und noch schrecklicher, wenn es an den Tag käme!"
Jetzt war die Reihe zu erschrecken an Ulrich. Er sah wohl, dass der Wein in diesen unzusammenhängenden Reden schäumte, aber irgend einen Hintergrund mussten sie doch in des Propstes Seele haben.
"Ich verstehe Euch nicht," sagte er; "was ich fragen wollte, ist etwas Ungefährliches und Geringes. Ich hatte bald nach meiner Ankunft in Nürnberg das Unglück, im Gedränge mit meinem Schwert den Rosenkranz eines Benediktinermönchs zu zerreissen; das kostbare Kreuz, das daran hing, ist mir zurückgeblieben, und ich möchte es gern seinem Eigentümer zurückgeben: nun schien es mir, als hätte ich denselben Klosterbruder neben Euch gesehen; wenn er vielleicht es war, der die Sendung des Abtes vom heiligen Kreuz Euch überbrachte, so wollte ich nur fragen, ob ich das Verlorene dem Abt oder dem Mönch übergeben sollte? Was ist dabei das Unglück?"
Der Propst hatte mit äusserster Anspannung seiner Sinne und Kräfte zugehört, er wischte sich den Schweiss von der Stirn und fragte: "Weiter weisst Du gewiss nichts von dem Mönch?"
"Nichts!"
"Nun, dann danke Gott, dass Du es nicht weisst!"
"Aber ich irrte mich nicht, es war derselbe?"
"Derselbe! ach, es ist schrecklich, dass es immer derselbe!"
"Soll ich ihm das Kreuz geben?"
"Tue es, aber höre nicht auf seine Reden – er ist halb wahnsinnig – sprecht nicht mit ihm, wenn es Jemand sieht und hört – aber dem Abt gebt das Kreuz auch nicht – da gebt es lieber noch dem Bruder Amadeus selbst – aber hört nicht auf ihn; er hat wunderliche Einfälle und fixe Ideen."
"Amadeus heisst er?"
"Amadeus; aber lass Dich nicht irre von ihm machen, ich beschwöre Dich. Er ist schon lange im Kloster, aber er war früher ein vornehmer Ritter und büsst um seine Sünden, die er damals begangen; er hat viel Unglück angerichtet, er könnte Dich auch unglücklich machen – wie er Deine Mutter unglücklich gemacht hat –"
"Meine Mutter? sagt Ihr?" rief Ulrich aufhorchend in äusserster Bestürzung.
"Mutter sagt' ich?" rief der Propst; "nein, das sagt' ich nicht; ich meinte meine Schwester, wenn ich's sagte – bedenke, dass er wahnsinnig – und mit mir – was meinst Du, mit mir ist es wohl auch nicht richtig? Hörst Du, wie drinnen die Pokale klingen! – Warte, Du sollst auch nicht dursten, der Wein erfreut des Menschen Herz!"
Mit diesen Worten ging er zu seinen Gästen zurück und sandte ihm durch die Dienerin einen grossen gefüllten Humpen heraus, liess ihm sagen, er möge nur austrinken, dann käme er wieder. Ulrich trank mit Mass, er war in der peinlichsten Stimmung. Bisher hatte er den Propst nie anders gesehen als in der Bauhütte oder Kirche, oder wenn er ihn in der Krankheit besuchte, da war er immer nüchtern gewesen – jetzt sah er wohl, dass er betrunken war und nicht wusste, was er sprach; aber es schien ihm doch, dass er spreche, was er denke und fühle, und gerade nicht sprechen wollte. Welch' ein Zusammenhang konnte zwischen diesem Amadeus und seiner Mutter und ihm selbst sein? Es fiel ihm ein, dass in seiner Kindheit, als flüchtige Söldnerschaaren im Elsass sein Heimatsdorf verwüstet, indess er selbst Obdach im Kloster gefunden, Einige gesagt hatten, dass seine Mutter ein Lanzenknecht auf seinem Pferde fortgeschleppt! Konnte dies nicht auf den Befehl eines Anführers geschehen sein, oder doch ein solcher – vielleicht dieser Amadeus sie als seine Beute an sich gerissen haben? Aber was wusste der Propst davon? was wusste denn er von seiner Mutter, da er doch nach dem Schicksal seiner Eltern wie seinem ganzen Herkommen gleich bei seinem Eintritt in die Bauhütte gefragt hatte. Aber gerade seitdem hatte er ihm auch jene ungewöhnliche Teilnahme bewiesen, die Ulrich anfangs befremdet und