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empfingen die Baubrüder diesen ehrenvollen Auftrag, da sie eben eine ganz andere Rede erwartet hatten, und besonders Hieronymus richtete sich noch einmal so gross auf und blickte, die vorige Angst von sich werfend, mit leuchtenden Augen um sich, indess Ulrich seine dankenden Blicke auf den Propst richtete. Aber zu seiner Verwunderung begegnete er in dessen sonst immer freundlichen Gesicht einen Ausdruck von Besorgniss und Kummer, der demselben sonst ganz fremd war. Wie segnend legte der Propst seine hände auf die Häupter der beiden Gesellen und sagte: "Ziehet mit Gott! und möge er Euch gnädig sein bei dem neuen Werke zu seiner Ehre." Dann flüsterte er Ulrich zu: "kommt heute nach dem Feierabend noch zu mir, ich will Euch noch ein Schreiben mitgeben an den Herrn Abt." Dann verliess er eilends die Hütte.

Als die Baubrüder zum Mittagessen nach haus gingen, sagte Ulrich: "Nicht wahr? das war eine vergebliche Angst?"

"Wer kann es wissen?" antwortete Hieronymus; "möglich, dass dies Zusammentreffen blosser Zufall; möglich auch, dass der Propst, der Dich einmal in seinen besonderen Schutz genommen, diese Entfernung für Dich wohltätig findet und selbst veranstaltet; möglich auch, dass, was eine Gunst erscheint, eine Verbannung ist, und indess unsere Feinde Zeit haben uns bis zu unserer Rückkehr Schimpf und Schande zu bereiten!"

"Dummes Zeug!" antwortete Ulrich, und konnte doch die trüben, mitleidigen Blicke des Propstes nicht los werden, der sonst bei ähnlichen Gelegenheiten nur freundliche und heitere für ihn gehabt hatte.

Aber beide teilten die Kunde doch fröhlich als Glück und Ehre der Mutter Marta mit. Sonst wäre sie in lauter stolze Glückwünsche ausgebrochenheute, wo sie auf Ulrich zürnte und um ihren Sohn sich ängstete, sagte sie in kummervollem Tone:

"Nun werde ich allein sein, wenn der Büttel kommt Euch vor den Schulteissen zu citiren, oder wenn das Judenmädchen sich untersteht mir wieder über den Hals zu kommen."

"Das ist bald fortgejagt," tröstete Hieronymus, "und was der Büttel bei uns zu suchen hätte, wüsst' ich wahrhaftig nicht."

"Und meinetwegen habt Ihr in Eurer wohnung auch nichts mehr zu fürchten," sagte Ulrich; "ich werde mir eine andere suchen, sobald wir wieder aus dem Kloster zurück sind, so könnt Ihr morgen schon sagen, dass ich nicht mehr bei Euch wohne."

Mutter Marta entfärbte sich und hätte bald vor Schreck die Suppenschüssel hingeworfendass Ulrich sich von ihr und ihrem Sohne trennen könne, das schien ihr gar nicht mehr möglich; doch sass ihr Groll zu tief, als dass sie schon heute ein versöhnliches Wort zu ihm hätte reden können. –

Als Ulrich am Abend zu dem Propst kam, führte ihn die öffnende Wirtschafterin nicht in dessen gewöhnliches Wohnzimmer, sondern in ein kleines Seitengemach, das einen besonderen Eingang hatte, und bedeutete ihn zu warten. Durch die hohe eichene Flügeltür schallte das Gelächter überlauter Zecher.

Da der Propst so viel auf seine geistliche Würde hielt, um nicht öffentliche Trinkstuben zu besuchen, so suchte er sich dafür in den Häusern guter Freunde oder noch öfter in seinem eigenen haus zu entschädigen. Es war bekannt, dass der Keller des Propstes am besten in der ganzen Stadt gefüllt war, dass er die feinsten wie die schwersten Weine entielt und dass er mit keinem derselben geizteja, er trank seinen Gästen immer eifrig zu, und rechnete es sich als ein Verdienst und das Zeichen eines guten Wirtes an, wenn seine Gäste betrunken wurden, im besten Falle taumelnd heimgingen, oder auch noch in seinem Zimmer bewusstlos zu Boden sanken und halbe Stunden brauchten ihren Rausch auszuschlafen. Solche Niedergetrunkene wurden dann in das Cabinet gewälzt, in dem jetzt Ulrich wartete und dem man deshalb den Namen der Todtenkammer gegeben. Zum Glück hatte sie jetzt noch keinen Insassen.

Heute würde sich der Propst keine Gäste geladen haben, da er sich vorgenommen, ernstaft mit Ulrich zu sprechen; allein auswärtige Amtsbrüder und Genossen waren unerwartet und gehörig ausgefroren angekommen, sie sassen nun jetzt schon ein paar Stunden mit ihm beim Mahl und vertilgten immer mehr von der edlen Gottesgabe, die sie missbrauchten, bis sie dadurch sich selbst und gewaltsam unter das Tier erniedrigten. Für einen Helden galt, wer am meisten saufen konnteso nannten sie auch selbst ihr unmässiges Trinken, das auch auf keinen andern Namen mehr Anspruch zu machen hatte und wenn bei Einigen in allerlei kaum glaublichen und nicht zu schildernden Rohheiten die viehische Lust ausbrach, oder Andere wie tote da lagen, so galt dies meist als das fröhlichste Ende eines fröhlichen Gelagesbei Fürsten und Geistlichen ebenso gut, ohne dass diese darum in der öffentlichen Meinung verloren, wie bei Bürgern und Gesellen.

Mit rotglühendem Gesicht trat der Propst vor Ulricher hatte ganz vergessen, dass er ihn herbestellt; jetzt fiel es ihm ein und auch welche Warnungen er ihm hatte mitgeben wollen; aber er war seiner Sinne zu wenig mächtig, um selbst zu wissen, was er sprach. Er gehörte zu den gutmütigen und gemütlichen Naturen, die in der Trunkenheit sich durch Geschwätzigkeit und Zärtlichkeit offenbaren, gleich sehr zum lachen wie zum Weinen geneigt, je nachdem die Veranlassung dazu reizt.

"Ach, Du bist es, mein guter Junge!" sagte er zu Ulrich; "Du kommst, ehe Du in das Kloster gehstnun, möge der gang Dir nicht zum Unglück werdenDu weisst, ich