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ihn wieder zu versöhnen für den Frevel, dass ein Judenkind in seiner Nähe geweilt.

Viertes Capitel

Geheimnissvolles

Am Morgen nach dem nächtlichen Abenteuer, welches Ulrich und Hieronymus zum ersten Male in ihrem Leben in eine Art von Zwiespalt gebracht hatte, waren sie stumm aufgestanden und hatten auch so ihr Morgenbrod genossen. Es war noch dunkel, als sie die Stiege hinabgingen, da hörte Ulrich von seinem Tritt berührt die Stufen etwas wie eine kleine Kugel hinabrollen. Er tappte unten danach, wo der laut verhallt war, und fühlte einen Ring mit einem grossen Stein in seinen Händen.

Draussen vor der Haustür besah er seinen Fund und zeigte ihn auch Hieronymus. Es waren die ersten Worte, welche sie zusammen redeten.

"Es scheint ein wertvolles Kleinod zu sein," sagte Ulrich; "ein goldener Ring, einen grossen Stein in der Mitte, der noch mit einem Kranz von gleichen Steinen eingefasst istwer kann ihn verloren haben?"

"Wer anders als das Judenkind?" sagte Hieronymus, "es ist ja Niemand in das Haus gekommen."

Ulrich schüttelte den Kopf. "Wie käme die zu solchem Kleinod?"

"O dies Judenpack sammelt immer Schätze, um die es die Christen betrügt," rief Hieronymus, "und wer weiss, auf welche unlautere Weise noch die Dirne dazu gekommen, die sich seit Jahr und Tag so unerträglich an uns hängt, und wenn man einmal sie lange losgeworden zu sein scheint und sie fast vergessen hat, so ist sie wieder da in einer andern Gestalt uns zu belästigen gleich einem bösen Kobolt, mit dem jede Bewegung unheilvolle Folgen hat."

"Hieronymus!" mahnte Ulrich, "wir haben es mehr als einmal gesagt, dass wir ohne Grund andern Menschen nicht eher das Schlechte zutrauen wollten als das Gute, nach dem Grundsatz der heiligen Schrift: Was du nicht willst, dass dir die Leute tun sollen, das tu' du ihnen auch nicht! Warum ihn einmal verleugnen? Warum dies Judenmädchen, das mir ein unschuldiges, aber gepeinigtes Kind zu sein scheint, zu einer Verbrecherin stempeln?"

"Die Juden sind einmal die Ausgestossenen, auf denen der Fluch des Herrn ruht, den sie sich selbst täglich neu verdienen!" rief Hieronymus. "Hast Du Dein Glaubensbekenntniss geändert, so brauchst Du doch nicht mir dasselbe zuzumutenund ausserdem hätte ich wenigstens erwartet, dass Du meine Mutter schonen und ihr nicht so ihre Liebe vergelten würdest!"

"Hieronymus!" sagte Ulrich ernst, "Du sahest selbst, dass ich nicht anders handeln konnte. Du eiltest selbst mit mir den Unglücklichen zu hülfe, Du gewährtest sie ihnen, wie ich auch, nachdem wir erfuhren, dass sie zu den Ausgestossenen gehörten –"

"Ja," fiel ihm der unzufriedene Kamerad in's Wort, "ich gewährte sie ihnen, wie ich sie auch einem Hunde würde gewährt haben, der von einer tollen Meute angefallen. Die Hülferufenden vor Misshandlung zu schützen und dann der Wache zu übergeben, war unser würdig; aber das Mädchen bei uns zu versteckendieser Schimpf macht meine Mutter unglücklich und wird uns Beide in Schimpf und Schande bringen, wenn, was sehr wahrscheinlich ist, der Vorfall in der Hütte zur Sprache kommt."

"Dann," sagte Ulrich, "werde ich den Schimpf und die Strafe auf mich allein nehmen und sagen, dass ich das nicht nur getan, weil ich gar nicht anders konnte, sondern auch gegen Deinen Willen; und damit man dies glaubt, will ich mir noch heute eine andere wohnung suchen und Deiner Mutter nicht mehr zur Last fallen."

Während er so sprach, drehte er den Ring noch in der Hand. Hieronymus sah darauf und sagte:

"Wirf den Ring in den Schnee, mag ihn finden, wer will."

"Dadurch, dass ich ihn fand, ist er mir anvertraut worden," antwortete Ulrich; "ich hoffe den rechtmässigen Eigentümer dazu noch finden zu können."

"Wohl, er wird eine neue Berührung mit Rachel herbeiführen!" sagte Hieronymus mit spöttischem Lächeln.

Ulrich zuckte die Achsel als Antwort.

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander und betraten so aufgeregt und verstimmt die Hütte. Es war die höchste Zeit, dass sie kamen, denn schon begann das Morgengebetwer später erschien, musste Strafe geben und seinen halben Tagelohn "in die Büchse legen."

Schweigend gingen dann Beide an ihre Arbeit. Nach ein paar Stunden kam der Propst Kress und redete leise und eifrig in einer entfernten Ecke heimlich mit dem Werkmeister, wobei er seine Augen immer auf Ulrich und Hieronymus richtete.

Dieser bemerkte es zuerst und flüsterte Jenem zu: "Jetzt kommt es schon zur Sprache."

Ulrich antwortete stolz: "Du brauchst Dich nicht zu fürchten, ich werde Alles auf mich allein nehmen" – und er meisselte ruhig an der kleinen Statue eines Johannes weiter, die unter seinen Händen aus dem Stein hervorzuspringen schien.

Nach einer Weile wurden die Beiden von dem Hüttenmeister aufgerufen. Ulrich näherte sich mit gewohntem stolzen Gange, Hieronymus finsterblickend mit niedergeschlagenem Auge.

Der Werkmeister teilte ihnen mit, dass sie sich Beide morgen in das ein paar Stunden entfernte Benediktinerkloster zum heiligen Kreuz begeben sollten, um ein halb zertrümmertes Weihbrodgehäuse wieder herzustellen. Er nannte ihnen den Lohn, den sie bekommen sollten, und fügte hinzu, dass sie diese Gunst teils ihrem Fleiss und ihrer Geschicklichkeit, teils der Empfehlung des Herrn Propstes dankten.

Mit Erstaunen