1859_Otto_159_79.txt

eine Wunde davon getragen.

Wie das plötzliche Licht kam, fuhr von der untersten Stufe der kleinen Windeltreppe eine Gestalt erschrocken empor und sagte: "Verzeiht! – Ihr hiesset mich fliehen, und ich konnte mich nicht anders sichern. O, Ihr waret mein Beschützer und werdet mich auch jetzt nicht verraten. Ach, wenn ich Euch danken könnte!"

Ulrich stand etwas bestürzt vor Rachel, denn er war allerdings nicht darauf vorbereitet sie hier zu finden; Hieronymus aber herrschte ihr zu: "Hier kannst Du nicht bleiben; wir haben Dich vor Misshandlung geschützt, aber wir mögen keine Gemeinschaft mit Dir!"

Von oben rief Marta, die nur Rachel's stimme hörte und ihr Gesicht sah, auf das gerade der Schein ihrer Holzflamme fiel: "Ach, da ist ja der Knabe, der immer kam, wie Ihr krank waret, und die geheimnissvollen Gaben brachte."

Rachel wandte ihr Gesicht der Dunkelheit zu, um seine glühende Röte zu verbergen, und schlich nach der Haustür; aber da sie dieselbe öffnen wollte, sprang Ulrich ihr nach, hielt sie zurück und sagte! "Jetzt darfst Du nicht hinauses sind noch zu viel Leute draussen."

Sie sah mit seligem Dankesblick zu ihm auf.

Hieronymus zog die Stirn in Falten und sagte rauh: "Ja, das fehlte noch, dass sie Jemand aus dem haus kommen sähe, das wir bewohnenes wäre denn, wir würfen sie hinaus, um uns selbst vor Schande und übler Nachrede zu sichern!"

"Um Jesus Christus Willen!" rief Mutter Marta, "es ist ein Mädchen und wohl ein verrufenes Frauenzimmeroder gar eine Jüdin?" denn vom Fenster aus hatte die Spähende natürlich gehört, dass es sich unten mit um eine solche gehandelt.

Ulrich aber sagte: "Komm' mit hinauf, hier unten möchte Dich Meister Sebald finden, oder noch andere Leute."

Sie folgte ihm ohne ein Wort zu erwiedern, oben öffnete er die kammer der Mutter Marta, schob Rachel dahinein und sagte: "Hier warte und ruhe auswenn es draussen still geworden und Niemand mehr in den Nebenhäusern wacht oder auf der Strasse geht, werde ich Dich hinauslassen."

Er wollte schnell durch die Tür zurück und sie allein lassen. – "Sagt mir nur noch," rief sie angstvoll, "nach welcher Seite mein Vater entkam, oder was aus ihm geworden?"

Ulrich zögerte mit der Antwort, endlich sagte er doch: "Die Stadtwache hat ihn mitgenommen, aber es wird ihm nichts geschehen, als dass er Strafe zahlt für sein nächtliches Umherschweifen."

Rachel brach in Tränen ausUlrich ging und verschloss die Tür hinter sich.

Als er zu Marta und Hieronymus zurückkehrte, rief Jene: "In meine kammer sperrt Ihr die Jüdin?"

"Das hättest Du der Mutter ersparen können!" sagte Hieronymus vorwurfsvoll, "sie hat es nicht um Dich verdient."

Ulrich sah betrübt auf die Beiden. "Ich konnte sie doch nicht zu uns nehmen," sagte er, "und mögen wir auch sonst keine Gemeinschaft mit den Judenwer des Schutzes bedarf, den schütze icher mag gehören, zu wem er will, und sein, wer er willja ich schütze ihn, es sei auch gegen wen es wolle!"

Seine Augen flammten dabei bedeutsam, fast drohend. Er ging an's Fenster und schaute auf die Strasse.

Die alte Frau sass händeringend in einer Ecke und jammerte bald über die Entdeckung, dass ein Judenkind, gleichviel ob Knabe oder Mädchen, in Ulrich's Krankheit ihn mit seinen Gaben bedacht, dass sie selbst sie angenommenbald darüber, dass eine Jüdin in ihrer christlichen kammer seidass ihre Söhne sie versteckt. Neinnicht Söhne! ihr eigener Sohn zürnte ja selbst darüber und hätte das nimmer getan; jetzt zeigte es sich recht deutlich, das Ulrich ein fremder Mensch war, der sie gar nichts anginge.

Die Baubrüder liessen sie reden und sagten beide nichts dazuHieronymus nicht, weil er im grund der Mutter beistimmte, und Ulrich nicht, weil er sich verletzt fühlte und weil er nicht wollte, dass es im Zimmer noch lauter werde und Rachel in der kammer nicht höre, was es ihn koste, auch jetzt sie zu sichern. –

So war es etwa elf Uhr gewordenin allen Fenstern waren die Lichter verlöscht und es war ganz still auf den Strassen. Ulrich sagte: "Ich werde jetzt Rachel hinauslassen," und ging zu ihr. "Du kannst jetzt gehen," sagte er; "Ich will Dir den Riegel an der Haustür öffnen, es ist ganz still draussenaber sprich kein Wort!"

"Könnt Ihr mir vergeben?" sagte sie; "könnt ich's vergelten –"

"Es ist nichts zu vergeben!" antwortete er.

"Doch, doch!" rief sie, "es ist eine alte Rechnung!"

"Still!" sagte er, "ich bat Dich nicht zu sprechen."

Sie gehorchte mit einem Seufzer und folgte ihm schweigend die Treppe hinabebenso öffnete er die Tür, und ohne Lebewohl und Gutenacht schieden sie von einander.

Als Ulrich wieder in sein Zimmer kam, legte er sich auch schweigend nieder. Mutter Marta aber öffnete in ihrer kammer Tür und Fenster und räucherte unter dem von Holz geschnitzten Christus, der darin hing, um