und um Erbarmen flehenden alten Juden schwangen, hieb zwei dieser aufgehobenen Stöcke mit seinem Schwert zurück und herrschte den Gesellen zu: "Hat der Mann da ein Unrecht getan, so ruft die Stadtknechte, dass sie ihn in Gewahrsam nehmen, oder wir wollen ihn selbst auf die Büttelei führen; aber ihn hier zu beschimpfen und zu zerbläuen habt Ihr kein Recht, und wenn Ihr es tut, so verdient Ihr zehnmal grössere Strafe als er selbst!"
Wie er so sprach, durch seine gebietende Haltung und Rede, die Allen ganz unerwartet kam, die Aufgeregten im ersten Augenblick verblüffte, warf sich Rachel zu seinen Füssen, die neben ihrem Vater stehend, von Angst und Scham über die Reden der Gesellen, ihre Berührungen und allen angetanen Schimpf fast vernichtet, regungslos und gebückt die hände vor ihr Gesicht haltend, und rief:
"Wir haben nichts getan, als dass wir uns verspätet und nun noch auf der Gasse sind! Ihr seid ein Christ und ein Mensch, aber diese da sind keine Menschen."
"Ich glaube, das Mädchen hat Recht," sagte Ulrich, der sie wiedererkannte. "Sage, was geschehen; ich glaube Dir mehr als diesen, denn sie sind betrunken und haben sich unter das Vieh erniedrigt!"
Rachel stiess einen hellen Ton wie ein freudiges Triumphgeschrei aus und sagte: "Wir hatten uns im Schneefall verspätet, diese da kamen dort um die Ecke aus der Trinkstube und wollten Kurzweil mit mir treiben; der Vater stiess sie zur Seite, und weil ich mich ihrer nicht anders erwehren konnte, sagte ich, dass ich ein Judenmädchen sei, damit sie mich ziehen liessen; da rissen sie mir und dem Vater da die Bündel ab – sehe't, es waren Sachen darin, sie haben sie an sich genommen oder im Schnee verstreut!"
Ulrich vernahm diese Rede, obwohl die Gesellen sie zuweilen mit höhnischem Ruf überschrieen, auf Ulrich losschlagen wollten, und doch wieder vor seinem und Hieronymus geschwungenem Schwerte zurückwichen, auch weil jetzt die früheren müssigen Zuschauer hinzutraten und den Gesellen selbst den Rat gaben, das Judenpack laufen zu lassen.
Gleichzeitig jammerte der Jude Ezechiel: "Sie haben uns überfallen, aus unsern Bündeln gerissen die schönen Sachen, die ich erst gekauft für mein teures Geld! sehe't Ihr nicht die Reiherfedern und den Sammetmantel da" – er deutete auf einzelne Gesellen, die solche Gegenstände noch in den Händen oder auf den Schultern trugen.
"Nun!" rief Ulrich, "gegen Spitzbuben und nächtliche Strassenräuber wird es doch Schutz in Nürnberg geben und Strafe für sie."
Jetzt rückten, von dem Lärm herbeigelockt, einige Mann der Stadtwache an, indess es bereits einige ernüchterte Gesellen für gut fanden leise zu entweichen; ein paar warfen die den Juden abgenommenen Gegenstände weg, ein paar andere aber nahmen sie mit sich.
Bei dem Anrücken der Wache und noch anderer herzueilender Personen bekam die Scene ein anderes Ansehen: nur drei Gesellen waren noch auf dem Platz; Andere waren müssige Zuschauer, und es war nun Streit darum, wer hier Streit angefangen oder im grösseren Rechte sei – die Gesellen oder die Baubrüder, und Ulrich konnte Rachel zuflüstern: "Flieh' doch, damit Du nicht wenigstens mit auf die Büttelei musst" – und sie war wie im Nu in demselben Augenblick entschwunden, indess ihr Vater, mehr als auf Leben und Freiheit und auf sein Kind, auf die Waaren, die er bei sich getragen, bedacht, davon zu erhaschen suchte, was von den Gesellen im Schnee verstreut war.
Da die herzugekommene Stadtwache nur aus fünf Mann bestand, wusste ihr Führer nicht recht, wie er hier von seiner gesetzlichen Autorität Gebrauch machen sollte. Die Baubrüder stellten sich selbst auf seine Seite, erklärten sich ihm in allen Stücken gehorsam zu zeigen und beteuerten friedlich, dass sie nur bis zu ihrem Kommen einen mit seiner Tochter misshandelten Mann vor einem Trupp betrunkener Gesellen beschützt hätten, was die Zuschauer bezeugten, indess die Gesellen riefen: es war Judenpack! und dem stimmten auch die Anwesenden bei.
Das änderte die Sache sehr. Die Juden durften nur bis zur Dämmerung durch die Stadt gehen. Wurden sie im Dunkeln dabei betroffen, so waren sie strafbar und mussten dafür entweder sitzen oder Geldbusse zahlen. So waren auch diese hier auf unrechten Wegen gegangen, und überhaupt war es eine sehr herkömmliche Sache, wenn Juden verspottet und gemisshandelt wurden – freilich sie zu berauben und todtzuschlagen, in welcher Gefahr diese beiden gewesen, das gehörte sich nicht.
Die Stadtwache ergriff den alten Juden, der noch nach seinen Sachen suchte, und nahm ihn mit, damit er diese Nacht in Haft und morgen zur Bestrafung für die Uebertretung des gesetzlichen Verbotes, im Dunkeln die Stadt nicht zu betreten, an die Schöppen abgeliefert werden könne. Vergeblich jammerte er um seine Tochter, vergeblich suchte man nach ihr: sie war verschwunden. Den Andern ward nur gesagt ruhig nach haus zu gehen, um nicht auch als Ruhestörer verhaftet zu werden.
Alles verlief so zuletzt ziemlich ruhig; denn solche Vorfälle gehörten eben nicht zu den Seltenheiten, und ein Tumult endete oft so schnell, wie er begonnen.
Ulrich und Hieronymus waren die ersten, die wieder in ihr Haus zurückgingen.
Von oben kam ihnen Mutter Marta bis an die Treppe mit einem brennenden Kienspan entgegen. In schrecklicher Angst hatte sie oben vom Fenster herab zugesehen, und jetzt konnte sie den Augenblick nicht erwarten, zu sehen, ob nicht wieder einer ihrer Lieblinge