und des Heiligsten sich selbst vergessen und aufgeben müsse – seine person und seinen Namen; ich sah es wohl, wie sie blass ward bei Deinen Worten."
"Mochte sie eine Lehre daraus ziehen, wenn sie wollte," sagte Ulrich; "doch sollte es kein Vorwurf sein. Für das Gemälde ist sie auch nicht verantwortlich, das ist so Meister Beuerlein's Art; er kann fast gar nicht anders malen, als conterfeien; die Personen zu den anderen Figuren kennen wir nur nicht, und dass er die schönste Nürnbergerin in den Vordergrund gestellt, wird ihm Niemand verargen."
Mutter Marta schüttelte mit dem Kopf. "Wenn Ihr einmal streiten wollt, so ist mit Euch nicht durchzukommen!"
Ulrich reichte ihr versöhnlich die Hand und sagte: "Ihr solltet froh sein, wenn wir die Frauen in Ehren halten – und doch selbst ihnen fern bleiben."
Die alte Frau ward jedesmal gerührt, wenn sie daran dachte, welches schwere Gelübde die jungen Männer hatten leisten müssen. Zwar war es ihr ganz recht, wenn sie dachte, dass ihr Hieronymus so immer bei ihr bleibe und dass sie sein Herz nie mit einem andern weib zu teilen brauche, auf das sie doch eifersüchtig geworden, selbst wenn sie mit aller Uneigennützigkeit einer Mutter ihrem Sohne sein Glück gegönnt hätte. Ihre Sucht, das weibliche Geschlecht vor ihnen zu verdächtigen und herabzuwürdigen, entsprang mit aus ihrem Bedauern und der gutmütigen Absicht, den jungen Männern dadurch ihr Fernhalten von allen Frauen und allen Regungen des Herzens zu erleichtern; indess war sie aber auf Elisabet gerade darum erbittert, weil sie doch die Ursache war von Ulrich's schweren Wunden, wenn die Mutter auch nicht wusste, dass es nicht blosser Zufall war, dass die Baubrüder sie beschützt und verteidigt hatten. Wie unschuldig auch Elisabet selbst daran sein mochte: der alten Frau ward sie dadurch immer ein hassenswerter Gegenstand, dass ihre Söhne um ihretwillen gelitten – und zwar doppelt, als sie aus späteren Gesprächen derselben entnommen, dass die Gerettete auch beim Wiedersehen mit Ulrich kein Wort des Wiedererkennens und Dankes für ihn gehabt.
Jetzt scholl plötzlich von der Strasse, auf der es vorhin ganz winterlich still gewesen, ein wüster Lärm empor, und Frau Marta öffnete gleich neugierig das Fenster, um zu sehen, was es gebe, oder vielleicht zu hören, denn es war dunkler Abend draussen, nur von den Dächern leuchtete der Schnee, indess der auf der Strasse nur hie und da noch seinen weissen Glanz behalten hatte.
Man hörte rohe, lallende und höhnende Männerstimmen, dazwischen jammerten unverständliche Reden eines alten Mannes und eine helle weibliche stimme rief laut und immer lauter nach hülfe. Von oben konnte man nur unterscheiden, dass von einem Trupp Männer zwei Personen umringt waren und bedroht, gemisshandelt zu werden.
Ulrich und Hieronymus nahmen ihre Schwerter und eilten auf den Ruf hinab, obwohl Mutter Marta warnte und bat, sich doch nicht in Gefahr zu begeben und in Händel zu mischen, wo man ja nicht einmal wissen könne, wem das Unrecht geschehe; solchen Strassenunfug zu verhindern, sei das Amt der Büttel und Stadtknechte, aber nicht der freien Steinmetzen.
Aber Ulrich entgegnete: "So müssen wir wenigstens aushelfen, bis die Stadtknechte kommen und ihre Schuldigkeit tun. Wo Zwei von Zehnen umzingelt nach hülfe schreien, da kann man doch nicht ausbleiben."
"Um so weniger," sagte Hieronymus, "wenn die Zwei, wie es scheint, ein wehrloser Greis und ein zitterndes Weib sind." –
Gleichzeitig mit den Baubrüdern trat auch der Rädleinmacher Sebald aus seinem haus, und mehr als eine Haustür öffnete sich; Männer, in ihrer Abendruhe gestört, traten heraus und aus den Fenstern der obern Geschosse blickten da und dort weibliche Köpfe; die Lampen, die hinter ihnen brannten, warfen einzelne hellere Lichtstrahlen auf die Strasse.
Ulrich und Hieronymus fragten gleich andern Herzueilenden, was es gäbe?
"Ein Judenhund bellt und heult und seine Kleine winselt! hört Ihr es nicht?" antwortete eine rauhe stimme.
"Mit Juden braucht sich Niemand einzulassen!" rief Hieronymus. "Ihr solltet Euch schämen, wenn Ihr es getan?"
"Die Dirne ist trotzdem nicht so übel!" rief eine andere stimme; "Schade, dass sie eine Jüdin ist – im Sonnenbad könnte sie sonst gute Geschäfte machen – meint Ihr nicht so, Herr Badmeister?"
Der Angerufene war vor die Tür des Gebäudes getreten, welches das "Sonnenbad" hiess und ein öffentliches Badehaus war. Es war aber allgemein bekannt, dass in diesem wie in den meisten Badehäusern schöne Mädchen gehalten wurden, die Männerwelt anzulokken. Der Bademeister rief zornig: "Solcher Schimpf sollte meinem haus nimmer widerfahren, dass ich eine Judendirne darin duldete!"
"Hau't den alten Kerl vollends zusammen, damit der Spektakel ein Ende hat!" rief ein Anderer aus dem Trupp.
Solche und ähnliche beschimpfende und drohende Reden wurden von einer Anzahl Handwerksgesellen gesprochen, die von einem Zechgelage meist betrunken zurückkamen und zugleich ihren Witz wie ihren Zorn an einem Judenpaare auszulassen suchten, die so unglücklich gewesen waren, ihnen in den Weg zu kommen. Andere Leute, welche der Lärm herbeigelockt, hörten nur neugierig zu, manche sogar sich dabei belustigend, und die meisten zogen sich teilnahmlos zurück, als sie hörten, dass es Juden waren, welche hier gemisshandelt wurden.
Ulrich aber drängte sich mitten durch die Gesellen, welche ihre Knittel über dem rücken des seine Unschuld beteuernden