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und man erfuhr, dass dies die Gattin des hochangesehenen Herrn Christoph Scheurl gewesen und dieser sich den Baubrüdern nicht nur dadurch dankbar erwies, dass er den Verwundeten seinen Bader sandte, sondern auch dass er eine grosse Summe Geldes an die Lorenzbauhütte selbst sandte, aus Dankbarkeit gegen die Baubrüder, die ihm beigestanden, damit sie davon eine Zeche feierten und gleicherweise auch Fürbitte in ihrer Kirche täten für die Genesung seiner Gemahlinso ward das Betragen der Baubrüder als unschuldig und rechtlich befunden, und jeder Verdacht beseitigt, der von einigen war auf Ulrich geworfen worden: weil er schon zum zweiten Male Händel mit einem Ritter um einer Dame Willen gehabt. Denn gleich den Tempelherren mussten sich die Baubrüder von allen zärtlichen Regungen und Beziehungen frei erhalten, und wenn sie auch noch in stärkere Strafen verfielen, wenn sie mit bösen oder berüchtigten Frauen umgingen, als mit ehrbaren, so durften sie sich doch auch nur diesen nähern, wenn es die notwendigkeit gebot.

Weil Ulrich hierbei unschuldig befunden, und was man wider ihn vorgebracht, sich als böser Leumund erwies, so fussten sowohl Hieronymus als sein gönner, der Propst darauf, wenn es galt, andere böse Gerüchte niederzuwerfen, die über ihn umliefen. So wollte Einer wissen, dass er ein paar Abende vor seiner Verwundung im Abenddunkel ein Judenmädchen mit zu sich in das Haus genommen; ein Anderer, dass er nicht nur nicht wisse, was aus seinen Eltern geworden, sondern auch nicht, wer sie gewesen, ja dass seiner Mutter als Zauberin der Process gemacht worden. Aber die Zeugnisse des Maurerhofes zu Strassburg und der Benediktiner wurden dem doch entgegen gehalten, der Propst und der Hüttenmeister bedrohten Diejenigen mit Strafen, die solchen entgegen einfältigen Gerüchten Glauben schenken wolltenund so waren diese zum Schweigen gebracht, lange bevor Ulrich wieder in der Bauhütte erschienen, und da auch Hieronymus ihn nicht damit aufregen wollte, so erfuhr er gar nichts von der Gefahr, die über ihm geschwebt zugleich, als der Todesengel seine Fittiche um ihn schwang.

Erst als das Frühjahr kam, vermochte er wieder sein Schmerzenslager zu verlassen, aber dann dauerte es noch lange, ehe er wieder in der Hütte arbeiten und den Meissel kräftig schwingen konnte wie vordem. Die Wunde, die er an der Brust empfangen, schmerzte ihn dann immer auf's Neue, und er musste sich erst allmälig wieder an die Arbeit gewöhnen. Inzwischen war doch die Zeit für ihn daheim nicht ganz verloren gewesen. Der Propst hatte ihm alle neuen Bücher geschickt, die aus Anton Koberger's Druckerei hervorgegangen und auch sonst noch erschienen waren, darunter die Schedel'sche Chronik von Nürnberg, Conrad Celtes' Beschreibung derselben Stadt, Regiomontan's Kalender, Tucher's Reise in das gelobte Land und die ganze heilige Schrift. Ulrich studirte eifrig alle diese Bücher und so nebenbei übte er sich, sobald es ging, im Zeichnen, machte Risse zu grossen Münstern nach dem System des sechs- und Achtortes, wie zu kleinen Weihbrodgehäusen, zu Säulen, Portalen und Ornamentenwagte sich an die grössten Aufgaben der Kunst und zeichnete dabei das Kleinste mit demselben Fleisse.

etwa ein paar Wochen mochte er wieder regelmässig gleich den andern Steinmetzgesellen in die Bauhütte zur Arbeit gehen, als er an einem schönen Herbsttage mit andern Baubrüdern aussen am Kirchturm auf schwindelnder Höhe selbst zu arbeiten hatte. Da rief ihn ein Handlanger im Auftrag des Werkmeisters von der Arbeit fort, hinunter in's Schiff der Kirche zu kommen, wo man ihn bedürfe.

Unten fand er den Werkmeister und Pallirer mit einigen Steinmetzen in der Nähe des Hochaltars, und bei ihnen stand der Propst, der Maler Hans Beuerlein, Frau Elisabet Scheurl mit Ursula Muffel und Charitas Pirkheimer. Zeichnungen, Gemälde und Teppichstoffe lagen vor dem Hochaltar ausgebreitet.

Es war zum ersten Male, dass die Genesenen sich wiedersahen nach jener verhängnissvollen Nacht. – Ulrich war inzwischen bei Herrn Scheurl gewesen und hatte ihm für seine Güte gedanktseiner Gemahlin hatte er nichts zu sagen. War es nicht an ihr, ein dankendes oder doch erkenntliches, teilnehmendes Wort an ihn zu richten? – Sie tat es nichtaber sie errötete und zitterte unwillkürlich bei seinem Anblick und stützte sich auf Ursula.

Der Propst erklärte ihm, dass diese edlen Frauen die Kirche mit einem Teppich beschenken wollten, dass Meister Beuerlein das Gemälde als Muster zu dem Mittelstück gefertigt, dass sie aber über die Ornamentik in den Kanten noch nicht einig wären, da sie mit der der umstehenden Säulen harmoniren solltenund dass er ja wohl allerlei Zeichnungen, die dem entsprächen, von Laub und Schnörkeln in seiner Krankheit angefertigt, die er eilends aus seiner wohnung holen möge.

Ulrich bejahte, aber der blonde Hieronymus, der auch mit zur Beratung gezogen war, liess es sich nicht nehmen, statt seiner die Zeichenrollen aus der gemeinschaftlichen wohnung zu holen, da Ulrich noch nicht zum schnellen Laufen tauge und indess auch lieber hier seinen Rat mit erteilen möge. Darüber fand zwar erst ein edler Wettstreit Statt, aber der Propst und Charitas Pirkheimer billigten Hieronymus Vorschlag und liessen ihn gehen und Ulrich bleiben. Anfangs schien es, als fühle sich Elisabet durch Ulrich's Nähedie sie zugleich wünschte und flohpeinlich berührt und von einer Verlegenheit ergriffen, die ihrem sonstigen selbstbewussten und stolzen Hervortreten gänzlich fremd war; nachdem er aber auch, ohne weiter seine Worte an sie zu richten, mit dem Propst und dem Maler sich über den vorliegenden Gegenstand in ein kunstverständiges Gespräch vertieft, aus dem