, selbst die grösste Freude darin findend, dass sie es ihren Söhnen so behaglich gemacht, denn auch Ulrich war ihr im Laufe der Zeit wie ein zweiter Sohn geworden – nannte doch ihr Hieronymus ihn auch Bruder.
Ist es doch auch immer von jeher Frauen- und Mutterart gewesen, an das Wesen sich am innigsten zu schliessen, das die meisten Sorgen, Mühen und Aengsten verursacht, und hatte nun doch auch Mutter Marta dies Alles um Ulrich empfunden, seit man ihn länger als einem Jahr in einer Septembernacht für tot in das Haus getragen, aus mehr als einer Wunde blutend. Wochenlang hatte er damals bewusst- und regungslos zwischen Tod und Leben gerungen, und wenn auch der berühmteste Bader Nürnbergs im Auftrag Herrn Christoph Scheurl's alltäglich mehrmals kam, seine Wunden neu zu verbinden, und Hieronymus alle Nächte an seinem Lager wachte, am Tage musste er doch zur Arbeit in die Bauhütte, und da war es immer seine Mutter, die den Kranken mit sorgsamer Hand pflegte und jede Liebeswohltat ihm erwies. Zum Glück war wenigstens dabei kein Mangel, wie wenig Ulrich auch selbst besass; denn wenn ein Baubruder krank war und nicht zur Arbeit kommen konnte, so erhielt er dennoch aus der Hütte den vollen Wochenlohn ausbezahlt, damit er davon verpflegt würde. Nun nahm auch der Bader durchaus keine Bezahlung und brachte alle Medicamente unentgeltlich mit. Auch der Propst Kress sprach öfter vor und sandte immer von seinen Vorräten aus Küche und Keller, besonders wie der Kranke einmal so weit war, dass er sich deren bedienen konnte. Ein paarmal kam in der Dämmerung auch ein fremder Knabe, der Grösse nach etwa fünfzehn Jahre alt, brachte Wäsche, Geld und Erfrischungen für den Verwundeten, fragte immer sehr angelegentlich und ängstlich nach ihm, und suchte sich wenigstens zwischen die Tür zu drängen, um einen blick auf den bewusstlosen Ulrich zu werfen. Wenn die alte Frau ihn fragte: woher das komme? antwortete der Knabe stets: er habe schwören müssen, es nicht zu sagen und sie solle auch mit Niemanden davon reden. Anfangs nahm es die Frau und auch Hieronymus hatte Nichts dagegen; als aber nach etwa sechs Wochen Ulrich's Fieber nachliess, er wieder zur Besinnung kam und man ihn allmälig Alles erzählte, was indess für ihn geschehen, widersetzte sich sein Stolz solchen Gaben, und er verpflichtete seine treuen Pfleger, dergleichen nicht mehr anzunehmen, nur von seinem Vorgesetzten und gönner, dem Herrn Propst, meinte er sich nicht weigern zu dürfen. Aber von fremden Leuten erklärte er Nichts zu nehmen, und auch dem Bader sagte er, dass er seine Wunden im Dienste christlicher Pflicht, aber nicht in dem des Herrn oder der Frau Scheurl sich geholt, dass weder sie ihm verpflichtet wären, noch er sich ihnen verpflichten wolle. Der Bader erzählte ihm, dass Frau Scheurl seit derselben Zeit am hitzigen Fieber darniederliege und dass sie schwerlich mit dem Leben davonkommen werde. Uebrigens aber bemühte er sich, so wie bei Elisabet, auch bei Ulrich und Hieronymus vergeblich, nähere Aufklärungen über einen Vorfall zu erhalten, über den die widersprechendsten Gerüchte umliefen.
Als der fremde Knabe mit seinen Gaben wieder kam, liess ihn Ulrich selbst an sein Lager kommen, um zu erforschen, wer ihn sende. Der Knabe ward glühendrot vor Verlegenheit, brachte fast kein Wort hervor, und da Ulrich jede Annahme aus fremder Hand verweigerte, auch Hieronymus und seine Mutter hinzukamen, mit fragen und sogar Drohungen in den Knaben drangen, die Wahrheit zu gestehen, sprang er weinend auf, eilte fort und kam niemals wieder.
Ulrich aber sagte zu Hieronymus: "Mir klang die stimme bekannt, und solche braune flehende Augen hab' ich auch schon gesehen; meinst Du nicht, es könne der Bruder des Judenmädchens gewesen sein, das uns warnte und zu Elisabet's Schutz sandte, oder dieses selbst?"
Hieronymus hatte nicht daran gedacht, er hatte den Knaben jetzt zum ersten Male gesehen; die Vergleiche, die er nun anstellte, schienen allerdings Ulrich's Vermuten zu bestätigen, aber er wollte nicht daran glauben, auch dem Kameraden es ausreden, was ihm als Schmach erschien: wenn dies Judenpack, wie er sich ausdrückte, solchen Anteil an einem freien Maurer nehme, in seine wohnung sich schleiche und sie doppelt verunehre durch Gaben, die nun Anfangs doch angenommen und verbraucht worden – das dünkte ihm ein unauslöschlicher Schimpf! Und um nicht wirklich die Gewissheit zu erlangen, vermied er danach zu forschen – und seitdem sahen die Baubrüder wirklich weder von dem Judenmädchen noch dem fremden Knaben etwas wieder.
Während Ulrich noch in Gefahr schwebte und bewusstlos war, diente es Hieronymus zu einiger Beruhigung, dass noch eine grössere Anzahl der Baubrüder bei jenem nächtlichen Vorfall beteiligt gewesen. Wenn auch der Rat, da Herr Scheurl selbst keine Untersuchung wünschte, die Sache dahin gestellt sein liess, so waren doch die gesetz der Baubrüder strenger als die des Rates und liessen sich nicht beugen und umgehen wie jene. In Gegenwart aller freien Steinmetzen, des Propstes, Hüttenmeisters, Werkmeisters und Pallirers wurden sämmtliche Baubrüder über den Vorfall abgehört, denn es war ihnen streng verboten, Händel und Raufereien anzufangen und ihre Schwerter, die sie an der Seite trugen, anders zu brauchen als im Fall der äussersten Notwehr oder zum Schutze Hülfsbedürftiger, unschuldig Bedrängter, zur Ehre Gottes. Da nun aus allen Aussagen nichts anderes hervorging, als dass sie auf den Hülferuf einer von einem vermummten Ritter und seinen Genossen wehrlos überfallenen Dame herbeigeeilt waren,